Minderes Unwohlsein beim Anblick des deus ex machina

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In Zeiten des Krieges kann Gott nicht ruhig schlafen, er wird von allen Seiten in Anspruch genommen. Versicherten sich in früheren Zeiten die  Menschen des Wohlwollens Gottes oder behaupteten, in seinem Willen in den Krieg zu ziehen, geschieht heute – im deutschen Protestantismus allzumal – genau das Gegenteil. Doch Gott muss immer noch als Begründung bestimmter Überzeugungen herhalten und wird als letztes und bedeutendes rhetorisches Mittel ins Feld geführt. Dabei wird mir immer wieder unwohl.

Mit dem kurzen Aufruf „Deus vult“ machte Papst Urban II. 1095 auf der Synode von Clermont zur Befreiung Jerusalems mobil, auf den Koppelschlössern deutscher Soldaten stand lange „Gott mit uns“, „In God we trust“ ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts zum offiziellen Wahlspruch der USA aufgestiegen und findet sich auf den Dollarscheinen gedruckt, „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“ lautet die pointierte Zusammenfassung der Friedensethik der evangelischen Kirchen (die vor allem Margot Käßmann in den letzten Wochen proklamiert), „Antisemitismus ist Gotteslästerung“ meinte Nikolaus Schneider am Wochenende auf der (großen) Anti-Antisemitismus-Demo in Berlin.

So unterschiedlich die Abzweckungen dieser Äußerungen sind, sie haben alle gemein, dass sie Gott in Anspruch nehmen. Dass sie ihn aus dem Hut zaubern, wie die Griechen es in ihren Dramen taten. Naturgemäß kann sich Gott nicht dagegen wehren, von wem auch immer zu welchem Zweck auch immer vereinnahmt zu werden. Er kann keine Gegendarstellung verlangen oder sich selbst zu einer Pressekonferenz einladen.

Die Rede vom Willen Gottes und das dazugehörige Nachdenken ist dem Menschen vorbehalten. Deshalb wünschte ich mir, wir würden vorsichtiger damit umgehen, den Willen Gottes als völlig klar und durchsichtig zu proklamieren und vor allem in unserem Sinne am Werk zu sehen. Sich einen Gott zu basteln, der zu meinen Überzeugungen Ja und Amen sagt, dass nennt die Bibel Götzendienst. Wenn man so will, richtet sich der Wille Gottes nach meinem Willen. Der Name Gottes lässt sich missbrauchen. Ob man damit seinen Willen trifft, wer weiß das schon. Ob Du wirklich richtig stehst, siehst Du, wenn das Licht angeht.

Für Christen wäre es wohl einfacher und auch weniger missverständlich, würden sie statt von Gott vom Evangelium oder ihrer christlichen Tradition sprechen. Da finde ich dann Jesus Christus, der zur Feindesliebe aufruft und im 1. Brief des Johannes die Feststellung „Gott ist Liebe“. Das will ich glauben. Es gelingt mir mal mehr, mal weniger gut. Im Nexus zwischen Gottesliebe, Nächstenliebe und „Selbstliebe“ verbirgt sich die heilende Kraft des Christentums. Wer sich einem liebenden Gott gegenüber wähnt, sieht sich selbst anders an und er wird seinen Mitmenschen verändert gegenüber treten. In dieser veränderten Selbst – und Weltsicht erweist sich der Wille Gottes. Besonders dann, wenn er unseren Wünschen und Bedürfnissen entgegen steht. Wenn ich Gott nicht vor mir her tragen kann und will, sondern er zuerst mich selbst richtet.

Dass Gott auch heute noch – nach einer langen und dunklen Geschichte seiner Vereinnahmung – vermeintlich leichtfertig in Anspruch genommen wird, ist problematisch. Erstens, weil wir seinen Willen nun wirklich nicht kennen, außer dass wir uns aus unser je eigenen Tradition Bilder und Überzeugungen leihen, die uns eine bestimmte Lehre vermitteln. Das muss man als aufgeklärter Mensch reflektieren. Zweitens, weil durch die Vokation Gottes eine letzte Schärfe in jede Auseinandersetzung kommt. Wie soll man dem Gottes-Argument widersprechen? Drittens, weil immer mehr Menschen mit Gott nichts anzufangen wissen, das Argument also schlicht versandet. Was soll ein weltanschaulich schwankender Jugendlicher denn mit dem Schneider-Satz von der Gotteslästerlichkeit des Antisemitismus anfangen? Außer dass hier jemand ein moralisches Urteil in aller Härte fällt, als ob es bei Gott und Religion wieder nur um die Moral und gutes Benehmen geht. Und Viertens, weil wir mit der Inbetriebnahme Gottes vor allem unsere Zwecke verfolgen – und das heißt vor allen politischen und sozialen Zielen – vor allem Aufmerksamkeit für unsere Rede. Gott verkommt zum rhetorischen Mittel.

„Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“ und „Antisemitismus ist Gotteslästerung“, das sind noch immer Sätze, die aufhorchen lassen, die gerne gedruckt werden, die Aufmerksamkeit sicherstellen. Nur, um welchen Preis?

Einer Kirche, die meint genau zu wissen, was Gott will, vertrauen immer weniger Menschen hierzulande. Ein Gott, der für alles mögliche eingespannt wird, verkommt zum Spielzeug, das viele Menschen schon jetzt lieber in der Ecke liegen lassen. Ein (christliches) Zeugnis vom Willen Gottes muss im Gegenteil dazu in der Schwäche, im Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit und in der Bitte um Weisung bestehen. Es ist Zeit, die Marionettenpuppe Gott einzumotten.

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