Ob Du wirklich richtig stehst, siehst Du, wenn das Licht angeht!

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Ende des Kirchenjahres. Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Ewigkeitssonntag. Am Ende des (Kirchen-)Jahres geht es um Rückblick, traditionell rückt der Tod ins kollektive Bewusstsein. Im Gottesdienst singen wir Es ist gewisslich an der Zeit …. Im Alltag haben die Vorbereitungen für Weihnachten und das Jahresende längst begonnen. In der „traurigsten Woche des Kirchenjahres“ ein paar Gedanken zum Tod. history-010Ein Bibelabend mit jungen Christen, ein FSJ-Seminar, ein Gottesdienst in einer stinknormalen evangelischen Gemeinde. Drei Mal Tod als Thema. Wie sieht unser Umgang mit dem Sterben aus? Welchen Raum nimmt der Tod in unseren Leben noch ein? Meine Überzeugung: Wir reden nicht über den Tod – auch nicht über das Zerbrechliche, Hässliche, Alte, Kranke, Beschädigte und Angeknackte. Es verkauft sich nicht und erinnert uns ungut an unsere eigenen Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit und letztlich Sterblichkeit. Weil wir so wenig über den Tod reden, fällt es uns zu Zeiten schwer, über Schlafes Bruder überhaupt zu sprechen.

Wenn, dann geht es häufig um unseren Umgang mit sterbenden Menschen, um Trauerarbeit, um die Endgültigkeit des Todes. Der Rest ist Metaphysik und Schweigen.

Gericht
Ein Gedanke, der – meiner Beobachtung nach – vielen Menschen ganz fremd geworden ist, ist die klassisch christliche Vorstellung vom Gericht. Man muss gar nicht mit Gerhard Polt über die mangelnde Angst der Menschen vor ewiger Bestrafung aufregen, um die völlige Aufgabe dieses Denkkonstrukts zu bedauern. Was von den früheren umfassenden Gerichtstraditionen (inkl. Fegefeuer- und Höllentheologien) noch übrig ist, ist der diffuse Gedanke einer letzten Verantwortlichkeit für das eigene Leben sich selbst oder Gott gegenüber.

Dabei nimmt die Gerichtsvorstellung eine wichtige Grundregung des Menschen auf. Denn so sehr wir den Tod verschweigen, um so mehr verschweigen wir, dass mit dem Tod Gefühle wie Bedauern, Reue und Schuld einhergehen. Damit klar zu kommen, ist eine Lebensaufgabe. Und eine weitestgehend persönliche dazu. Christen machen diese Fragen mit ihrem Gott aus.Das_Jüngste_Gericht_(Memling)Es liegt etwas Schauerliches im Bekenntnis zu einem Gott, der Grund allen Seins ist. Der eine Gott richtet die ganze Welt. Und auch wenn uns althergebrachte Bilder des Gerichts fremd geworden sind und wir sie in Museen nurmehr mit historischem Interesse betrachten, so bleibt doch seit jenen lang vergangenen Tagen dem Menschen eine unmittelbare letzte Verantwortung gegenüber seinem Leben.

Es ist dieses unmittelbare Gegenüber zum Heiligen, dass im Menschen die größte Angst hervorzubringen vermag, wie alle Fährnisse dieser Welt es nicht vermögen. Ich bin nicht allein. Was ich tue, wird gesehen. Mein Handeln mag zwar eigenständig sein und doch ist es eingebunden in den Lauf der Geschichte, in das Leben unter den Menschen und in meine eigene Lebenserzählung.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Mensch die Gegenwart des Heiligen scheut und wann immer er es vermochte, den Versuch wagte, zwischen sich und das Heilige Zwischeninstanzen einzuschieben. Nichts anderes ist die mittelalterliche Idee des Ablasses, die den Gläubigen aus der direkten Gegenwart Gottes entlässt und ihm einen gangbaren Weg aufzeigt, seiner Seele Frieden zu geben. Nichts anderes sind auch unsere modernen Lebensvorstellungen. Die Vorstellung, ich sei mit meinem Leben nur mir verantwortlich, vielleicht noch meiner Familie und meinen Freunden, dieser Rückzug in das Private, diese Scheu vor der umfassenden Verantwortung für unser Leben, ist im Kern nichts anderes als ein Ausweichen vor demjenigen, der als Einziger alles Sein lebt und regiert und richtet.

Martin Luther erkannte sich selbst als Gegenüber des Heiligen und seine Gegenwart ließ ihn erschaudern. Unendlich klein kam er sich gegenüber einem nicht nur richtenden, sondern strafenden Gott vor, dem man sich durch eingeübte Glaubensformen erst kriechend nähern konnte. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ heißt denn auch die Grundfrage Luthers. Er erkennt ihn in einem Gott, der, wiewohl er um unser Scheitern an unserer umfänglichen Verantwortung weiß, das Licht aufgehen lässt auch über unsere Reue und Schuld.

Unkraut
Doch es gibt auch eine gesamtgesellschaftliche (wenn man so will ökumenische) Bedeutung des Gerichts. Nämlich immer dann, wenn es gilt zu entscheiden, was nun „gottgewollt“, „rechtgläubig“, mithin also christlich sein soll. Seit frühchristlichen Zeiten wird zur Klärung dieser Fragen das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen herangezogen. Pointe: Nicht wir entscheiden, sondern Gott am Ende.

Unabhängig, ob man noch an an einen jüngsten Tag oder eine Gerichtsbarkeit Gottes – in der er zuerst als Richter und dann als vergebender Vater auftritt – glaubt. Es steht dem Menschen nicht an, über die Schuld des Anderen zu befinden. Dort wo wir es in der weltlichen Gerichtsbarkeit machen, müssen wir uns auch unserer eigenen Befangenheit und eingeschränkten Sicht erinnern. Dort wo wir den Andersdenkenden und Andersgläubigen ausgrenzen, ihm den Glauben absprechen, das Urteil Gottes über ihm aufrichten, lasst uns daran denken:

Ob Du wirklich richtig stehst, siehst Du wenn das Licht angeht!

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