Erinnerung an Deutschland

Gestern Nacht laß ich einen beeindruckenden Text von Stefan Willeke auf ZEITonline. (Der zweite Großtext binnen weniger Tage.) Er hat mich nach und trotz der ganzen Bauchschmerzen, die mir #Pegida zur Zeit bereitet, an ein Deutschland erinnert, in dem ich gerne lebe und das gerne an vielmehr Stellen noch so sein kann, wie er es in einem nur kurzen Absatz beschreibt.

„Wer sich in diesen Fall vertieft, erfährt etwas über Geduld in der Politik und die bewundernswerte Beharrlichkeit einer Demokratie. Die Bundesrepublik ist strikt gegen die Todesstrafe. Das Prinzip lässt sich nicht dadurch auf die Probe stellen, dass ein Häftling es der Bundesregierung schwer macht, ihn vor dem Tod zu bewahren. Das Prinzip ist immun gegen Menschen, die davon profitieren. Lutz Schuster müsste sich sogar damit abfinden, dass sein Staat ihn auch dann noch zu retten versucht, wenn er sich selbst aufgegeben hat. Gegen die Grundsätze seiner Demokratie in der Heimat ist er machtlos. Das sagt zwar nichts über Lutz Schuster, aber viel über die moralische Kraft eines Rechtsstaates.“ – aus Diplomatie für einen Mörder von Stefan Willeke

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Nicht nur meine „Rede des Jahres“ – Navid Kermani über Deutschland

Zur Feierstunde des Bundestages anlässlich des 65. Jahrestages der Verabschiedung des Grundgesetzes hielt Navid Kermani dieses Jahr eine großartige Rede. Natürlich wurde sie wahrgenommen, aber ich denke, noch viel mehr Menschen sollten sie hören. In einem Land wie Deutschland, dem es an wichtigen und schönen Reden mangelt und an Intellektuellen, die sich nicht in Ü80-Vergangenheitssprech ergehen (ja, sie Herr Grass), ist diese Rede mehr als nur ein Kleinod. Ich denke, es ist die beste politische Rede dieses Jahrzehnts. Und sie ist in diesen Tagen, in denen wir erneut über Zuwanderung und Asylrecht diskutieren, pures Gold.

 

 

Das Seminar für allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen hat die Rede jetzt zur „Rede des Jahres“ gekürt. Ich schließe mich Lenz Jacobsen von DER ZEIT an: Danke, Navid Kermani!

Rezension – “Stimm- und Sprechtraining für den Unterricht (Ein Übungsbuch)“

Wir suchen nach Sprache. Ob als angehende Lehrer oder Pfarrer, Erstis, Examenskandidaten, Vikare oder Referendare, Theologen suchen nach der richtigen Sprache. Sprache ist das Medium der Verkündigung und des Unterrichts. Und nicht wenig unserer Zeit und unserer Konzentration verwenden wir darauf, die „richtige“ Sprache zu finden, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Ja, es ist nicht zu viel gesagt, wenn man sich wünscht, dass Theologen sprachsensible Menschen sind. „Rezension – “Stimm- und Sprechtraining für den Unterricht (Ein Übungsbuch)““ weiterlesen

Minderes Unwohlsein beim Anblick des deus ex machina

In Zeiten des Krieges kann Gott nicht ruhig schlafen, er wird von allen Seiten in Anspruch genommen. Versicherten sich in früheren Zeiten die  Menschen des Wohlwollens Gottes oder behaupteten, in seinem Willen in den Krieg zu ziehen, geschieht heute – im deutschen Protestantismus allzumal – genau das Gegenteil. Doch Gott muss immer noch als Begründung bestimmter Überzeugungen herhalten und wird als letztes und bedeutendes rhetorisches Mittel ins Feld geführt. Dabei wird mir immer wieder unwohl. „Minderes Unwohlsein beim Anblick des deus ex machina weiterlesen