[Reupload] Moment mal: Auf Geisterjagd

Von April 2013 bis Februar 2017 sind viele Artikel von mir auf theologiestudierende.de erschienen. Anders als die „Unter Heiden“-Artikel habe ich den Großteil meiner Artikel nicht gleichzeitig (oder mit Verzögerung) hier auf dem Blog gepostet. Nachdem das Gruppenblog vor einigen Wochen vom Netz gegangen ist, sind diese Artikel nun nicht mehr einfach online zu erreichen. Das ist nicht schlimm. Um einige Artikel ist es aber, finde ich, schade. Vor allem, weil ich noch heute mit Verlinkungen gerne auf sie zurückkomme. Man muss sich ja nicht ständig wiederholen.

Ein paar dieser Artikel, darunter die längeren Essays, werde ich gelegentlich und absolut unregelmäßig, wenn es mir passend erscheint, hier auf meinem Blog erneut hochladen. Und zwar nahezu unverändert zur ursprünglich veröffentlichten Version. Was auch heißt, dass seit Abfassung mehrere Jahre des Lernens und Schreibens vergangen sind. Alle Texte sind unzureichend, aber so ist das halt.

Den folgenden Artikel über Halloween lade ich wieder hoch, weil die Eule-Familienkolumnistin Daniela Albert in ihrem aktuellen Text auf ihn Bezug nimmt.


Hellmouth, Master of Catherine of Cleves – Hours of Catherine of Cleves, Morgan Library & Museum (gemeinfrei)

Moment mal: Auf Geisterjagd

vom 27. Oktober 2014

Wir feiern Reformationsjubiläum, am kommenden Freitag ist es wieder soweit, diesmal zum 497. Mal. Doch hat auch hierzulande der heidnische Brauch des Halloween-Festes die feierliche Erinnerung der Reformation verdrängt. Und es sind nicht nur die „neuen Heiden“, die Halloween feiern, viele Christen nehmen am Spektakel teil. Eine Polemik.

Einige Kirchenleute kämpfen noch. Sie versuchen sich Halloween zu erwehren. Das Fest wird als heidnischer Brauch denunziert, obwohl er ebenso starke christliche Wurzeln hat, wie keltische Ursprünge. Sie geißeln den kommerziellen Hintergrund des Festes, das sich natürlich an Kinder richtet und kritisieren, dass bei dieser Gelegenheit noch mehr Süßigkeiten, Spielzeug und Kram vertickt werden. Manche theologische Kritik geht so weit zu behaupten, dass die „Geisterwelt“, das Abseitige, Dunkle, Geheimnissvolle für Christen nicht von Bedeutung wäre. Ja, dass es unter Christen keinen Platz für den Glauben an Gespenster, Verstorbene, die nicht zur Ruhe kommen, gebe.

Natürlich ist das alles eine lächerliche Verkürzung der Lage. Auf der ganzen Welt gibt es christliche Bräuche, die deutschen Protestanten unbekannt sind und so gar nicht in den Kram passen dürften. Sie folgen häufig nicht der reinen Lehre, sind Verknotungen mit alten Volkstraditionen und animistischen Bräuchen. Gerade deshalb haben sie auch mehr Fleisch, verströmen Düfte und animieren zum Mitmachen. Dagegen stinkt die deutsche Festpraxis des Reformationstages ab.

Da ändert auch das Reformationsjubiläumsbohei der EKD nichts dran, auch keine Luther-Verehrung mit passendem Merchandising und Bonbonschleuder und erst recht nicht das beleidigte Schmollen der Kirchenleute, die „neuen Heiden“ wüssten halt einfach nicht, was gut für sie ist. Wenn es uns mit dem Reformationsfest ernst ist, dann muss es eben das bleiben: „ernst“, so richtig trocken protestantisch.

Von den Heiden lernen

Man muss den Reformationstag nicht gegen Halloween auspielen und umgekehrt. Was stattdessen Not tut, ist, Halloween als christliches Fest (wieder-)zuentdecken. Denn, lasst uns ehrlich miteinander sein: Halloween wird nicht einfach wieder verschwinden. Es geht darum, Halloween für das Evangelium zu reklamieren, in Besitz zu nehmen. Dafür muss man es natürlich erst einmal voll und ganz mitfeiern! Das ließe sich tatsächlich von den Heiden unter uns lernen.

Denn worum geht es? Um den Spaß am Verkleiden, in eine andere Rolle zu schlüpfen, die Nacht zum Tage zu machen, sich ein wenig zu fürchten, gemeinsam unterwegs zu sein, Süßes oder Saures zu schmecken, zu lärmen und die bösen Geister zu verscheuchen. Darin kann ich beim besten Willen nichts Schlechtes sehen. Und auch nichts, was dem Evangelium entgegen stünde.

Macht Euch mal locker!

Und wenn wir uns alle mal locker gemacht und Spaß an Halloween gefunden haben, dann, ja, dann können wir anfangen, anders über All Hallow’s Eve zu reden. Vielleicht ja so ähnlich wie im untenstehenden Video. Dann ist es Zeit, das Fest in die Kirchenmauern zurück zu holen, in denen kann man sich auch fürchterlich fürchten. Und was spricht eigentlich gegen eine Geisternacht in der Kirche? Das bedeutet im Übrigen nicht, dass der Reformationstag nicht gefeiert gehört: Am Morgen Reformationssause bitte ohne unsinnigen Kladderadatsch, am Abend dann raus zur Geisterjagd!

Verteidigung einer Kolumne – Re: Andreas Mertin

Er hat es wieder getan! In schöner Regelmäßigkeit nimmt sich Andreas Mertin in seinem hervorragenden Magazin für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik Tà katoptrizómena meine Artikel vor und unterzieht sie einer informierten Kritik. Solche Leser:innen kann man sich nur wünschen!

Diesmal knöpft er sich eine meiner Kolumnen für zeitzeichen.net vor. Darin schreibe ich – grob überschlagen -, dass wenn sich die Kirche mit ihren analogen und digitalen Formaten eh schon an Leute wendet, die erhebliche theologische und lebensweltliche Kompetenzen aufgebaut haben, sie das doch am besten auch mit Inhalten täte, die diese Menschen nicht unterfordern.

„Das ist, nur um es klarzustellen, kein digitales Problem. Vielmehr haben sich die digitalen Formate leider nur nicht ausreichend von dieser analogen Angewohnheit der Kirchen emanzipiert. Auch im präsentischen Sonntagsgottesdienst wird nach geltender Leseordnung aller lieben Jahre dem Ü60-Stammpublikum dasselbe erzählt – als ob eine Großmutter von einem Pfarrer noch etwas über Maria und Martha lernen könnte.“

Um aus diesem Dilemma rauszukommen, mache ich zwei Vorschläge: 1) Könnte „die Kirche“ sich aus den üblichen Ästhetiken und Formen herausbewegen, um wirklich eine andere, neue Zielgruppe zu erreichen. Ganz kurz: Also Leute, die mit dem Einsteigerkurs vielleicht gut bedient wären. 2) Sollte sie, wenn sie das nicht macht, gucken, dass sie mit der Kompetenz der Zuschauer:innen rechnet. Ganz kurz: Eben keine „Aroma-Pflegedusche“-Sprüche anbieten.

„Es gibt sie doch, die Menschen die rhythmisch immer wieder zur Kirche kommen. Vielleicht nicht jeden Tag oder jede Woche, aber doch zu geistlichen Hochzeiten wie Advent und Weihnachten, Passionszeit und Ostern sowie zu den wirklich wichtigen Momenten im Lebenslauf. Dann sollte die Kirche mehr aus ihrem Gepäck herauszaubern als die immer gleichen Nettigkeiten. „Sei frei, verrückt und glücklich!“, ist dafür zu wenig. Der Andachts-Spruch steht übrigens auf einer „Aroma-Pflegedusche“, die „sonnigen Glücksduft“ verspricht.“

Von niemanden werde ich so gerne falsch verstanden wie von Andreas Mertin, der mir immer wieder größere Schläue unterstellt, als ich anzubieten habe. Im Wesentlichen kritisiert er in seinem Artikel (der übrigens zügiger gelesen ist, als vom Autor angegeben):

1) Dass die Rede vom „Schwarzbrot“ als Bild guter Theologie unhistorisch (stimmt), missverständlich (offensichtlich) und klerikal ist.

„Die Rede von der Theologie als hartem Schwarzbrot, das nun „für das bekannte Publikum“ angesagt sei, ist dagegen eigentlich Kastendenken. Denn sie meint ja letztlich, eine Art Spezialwissen einer Klerikerkaste müsse nun dem Volk und der Kerngemeinde zugemutet werden. Seit der reformatorischen Wende ist von der Gemeinde als Publikum gar nicht mehr zu reden.“

So hab ich es natürlich nicht gemeint, was Mertin auch wissen dürfte, denn gegen das „Kastendenken“ wendet sich ja der ganze Anlauf der Kolumne. Es geht ja gerade darum, die mitdenken und -glaubenden Zuschauer:innen als Subjekte ernst zu nehmen und nicht mit Brotkrumen abzuspeisen.

Die evangelischen Kirchen haben seit der Reformation trotz ihrer Theologie ein Kirchenwesen ausgeprägt, das sehr wohl die Publikumsgemeinde kennt. Wenn ich das richtig sehe, haben sich dagegen sowohl Pietisten als auch Aufklärer (irgendwie dassselbe in diesem Punkt) gewehrt und später noch weitere, eigentlich alle, Kirchenreformbewegungen. Aber es ist heute leider in vielen evangelischen Kirchen Realität und – das ist der Punkt der Kolumne – wird leider auch in den digitalen Raum übertragen.

Needless to say, dass ich bei Schwarzbrot natürlich an Fulbert Steffensky und nicht an Peter Hahne denke. Auch das weiß Mertin, aber die Spitze ist natürlich darum nicht weniger witzig. An dieser Stelle ein Gruß an den „Gauland des ZDF“ und „evangelikalen Kulturchauvinisten“!

2) Kritisiert Mertin, dass ich abschätzig über „Heidschibumbeidschi-Andachten“ schreibe:

„Zunächst gilt es jedoch ein entschiedenes Wort für die Heidschi-Bumbeidschi-Theologie einzulegen. Sie ist zunächst einmal Volkstheologie, ein religiös-populärkulturelles Plädoyer dafür, dass der Schmerz, das Leid und der Tod nicht das letzte Wort auf dieser Welt haben mögen. Heidschi-Bumbeidschi, das wird der Autor hoffentlich wissen, ist im 19. Jahrhundert ein Dialog mit Kindern in Form eines Wiegenliedes über den Tod in doppelter Variation: den Tod der Mutter und den Tod des Kindes.“

Nö, das wusste ich nicht.

Und ich bin mir, weil wir ja schon bei einer ironischen „Hermeneutik des Verdachts“ sind, sogar sicher, dass Mertin weiß, dass ich es nicht wusste. Denn die ganze Kolumne geht ja in eine andere Richtung, will die „Volkstheologie“ (Mertin) gegenüber dem, was Kirchenprofis anbieten, stark machen.

Ich wünsche mir also eigentlich, das habe ich durch die Lektüre von Mertins Artikel gelernt und bin dahingehend schlauer geworden, eigentlich weniger „Schwarzbrot“-Theologie (wie er sie versteht) und mehr „Heidschi-Bumbeidschi“-Theologie (wie er sie kulturhermeneutisch kompetent versteht und im Artikel beschreibt). Mir bleibt als einziger Trost, dass wohl auch die Leser:innenschaft meiner Kolumne unter „Heidschibumbeidschi“ einfach einen umgangssprachlichen Terminus für kitschige Simplifizierung und Infantilisierung versteht. Gut, dass man jetzt bei Mertin in Tà katoptrizómena nachlesen kann, dass eine recht verstandene „Heidschibumbeidschi“-Theologie die Antwort und keineswegs das Problem ist.

3) Mertin unternimmt auch den Versuch, Wörter wie „Impuls“ und die „lebensberatenden Anregungen“ zu verteidigen. Mein Punkt ist doch aber nicht, wie Kirchenprofis ihre Formate zu benennen belieben, sondern dass sie unter wechselnden Überschriften das immer Gleiche anbieten. Mertin schreibt:

„Impulse dagegen sind vielleicht das Wertvollste, was wir bieten können – endlich etwas nicht zu Ende Gedachtes, sondern etwas, was zum Weiterdenken anregt, keine fertigen Entwürfe, sondern Einwürfe, Fragmente, Zwischengedanken. Eine fragmentarische Theologie, die den Menschen Impulse für ihr Leben bietet, wäre ebenfalls nicht das Schlechteste in der Gegenwart.“

Ja! Wenn es doch nur so wäre! In meiner Kolumne bringe ich mit den geschlechtergerecht formulierten Losungen in der Passionszeit der EKBO ein Beispiel dafür, wie das durchaus gelingen kann. Ansonsten aber sehe ich analog wie digital viele, viele Sachen, die eben nicht „fragmentarische Theologie“ sind, die darum weiß, dass sie nicht auf alles eine Antwort hat. Ich sehe zwar vieles „nicht zu Ende Gedachtes“, aber mehr im Stile meiner Metapher-Verwendung in der kritisierten Kolumne als im Sinne einer Anstiftung zum gemeinsamen Nachdenken.

Gleich zu Beginn seines Artikels schreibt Mertin etwas sehr Kluges: Die Kirche sei eben nicht ratlos, sondern „in Wirklichkeit hat sie mehr Lösungen als Probleme anzubieten“. Das stimmt! Und das spiegelt sich eben auch in der digitalen Verkündigung wider. Dagegen richtet sich meine Kolumne.

ceterum censeo

Ich werde mich also fürderhin bemühen, noch genauer jedes Sprachbild zu überprüfen, bevor ich es in einer kaskadierenden Aufzählung unterbringe. Wenn eine kurze Kolumne wie diese, trotz der offensichtlichen kulturtheologischen Unbedarftheit ihres Autors, allerdings Anlass zum Weiterdenken, Aufdröseln und Vertiefen bietet, hat sie ihren Zweck als fragmentarischste aller journalistischen Formen erfüllt.

Immerhin hat mich Mertin diesmal keinen „Altersrassisten“ geziehen. Nachdem wir wechselseitig in den Magazinen des jeweils anderen geschrieben haben (Mertin über die Tagespost in der Eule und ich über das Lesen im Netz in Tà katoptrizómena) und er sich im letzten Jahr in Nr. 126 seines Magazins ausführlich in mehreren Beiträgen mit einem Artikel von mir über „Christlichen Rassismus“ befasst hat, bleibt der unbedarften Beobachter:in wohl kaum etwas anderes übrig, als die ganze Affäre als eine publizistische Romanze zu begreifen. Ich sage dazu: „Ja, so wahr mir Gott helfe!“*


* Das ist ein Scherz. Im Übrigen bin ich gegen religiöse Eidesformeln.

Alle(s) in einen Topf – Re: Andreas Mertin

Dass mir ein Fehdehandschuh hingeworfen wurde, hätte man mir auch mal sagen können! Gerade las ich die Replik von Christoph Breit auf Andreas Mertin und danach erst seinen „Kognitive Dissonanzen – Polemische Notizen zur Umwertung der Werte durch „Trollgeschädigte““ überschriebenen Aufschlag. Soweit hatte ich mich durch die aktuelle Ausgabe des theologischen Online-Magazins Tà katoptrizómena noch nicht durchgearbeitet (liest sich auf meinem Smartphone auch beknackt, weil nicht responsive).

Tatsächlich habe ich mich letzte Woche beim Artikel „Digitale Pioniere“ festgelesen und habe – wie üblich – nach der Lektüre dieses ebenfalls von Andreas Mertin verfassten Artikels zustimmend vor mich hingeschmunzelt. Diese Jungspunde, die denken, sie hätten die Digitalität erfunden!

Umso herber meine Überraschung heute Abend, da ich zur Kenntnis nehmen muss, dass der von mir hochgeschätze Autor und Magazinmacher Mertin offensichtlich auch mich für einen dieser impertinenten Halbwüchsigen hält. Früher habe ich von dieser Reaktion nichts mitbekommen, weil mir niemand auf Twitter davon etwas gesteckt hat und Mertins Magazin auch kein Pingback an den entsprechenden Artikel in der Eule sendete). Mertin findet meinen Kommentar zur Malaise um das Nutzerverhalten Wolfgang Hubers auf Twitter „menschenverachtend und herabsetzend“, im Artikel fiele „eine extreme Form des Alters-Rassismus auf“.

Das hätte ich nicht erwartet. „Alle(s) in einen Topf – Re: Andreas Mertin“ weiterlesen

Rezension – „Leben dürfen – Leben müssen: Argumente gegen die Sterbehilfe“ von Heinrich Bedford-Strohm

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD und Bischof in Bayern, hat bereits 2015 ein Buch zur Sterbehilfe vorgelegt. Meine Rezensionsarbeit daran ist etwas liegen geblieben: Auf theologiestudierende.de ist damals schon eine Rezension aus anderer Feder erschienen, der ich kontrovers nichts hinzusetzen wollte. Denn für das Buch und die gesellschaftliche Debatte dahinter gilt, jedenfalls für mich, dass ich Polemik da gerne raushalten will.

Was das Buch ist

Dafür gibt Bedford-Strohms Buch auch kaum Anlass. Kritikern der Sterbehilfe, welcher Form auch immer, werden seine guten Argumente gegen eine Liberalisierung nicht nur gefallen, vielleicht werden sie sie erstmals geordnet und klug aufgeschrieben finden. Für Sterbehilfe-Kritiker ist das Buch, auch vom Ton her, ein Lehrbuch. Dem ehemaligen Professor Bedford-Strohm merkt man im positiven Sinne an, dass er es gewohnt ist, nicht allein für Spezialisten zu schreiben bzw. zu sprechen.

Auch den Befürwortern einer Liberalisierung der Sterbehilfe dürfte es schwerfallen, dieses Buch grundweg falsch zu finden. Denn, trotz Untertitel und persönlicher Haltung, handelt es sich überhaupt nicht um eine Streitschrift gegen jedwede Entwicklung in der Sterbehilfedebatte. Bedford-Strohm führt – auch hier kommt der Lehrbuchcharakter des Buches zum Tragen – eben auch in jene Überzeugungen ein, denen er nicht zustimmt. Und zwar nicht nur in der Weise, die es ihm leicht macht, die gegenläufigen Meinungen abzukanzeln.

Bedford-Strohm referiert im Gegenteil die unterschiedlichen ethischen Zugänge respektvoll und jeweils daran interessiert, was aus der jeweiligen Richtung für die Debatte zu lernen ist.

Insofern kann die Lektüre dieses Buches jedem ans Herz gelegt werden, der sich erstmals in die Sterbehilfe-Debatte einlesen möchte und dabei gerne von berufener Seite, d.h. von einem profilierten öffentlichen Theologen, begleitet werden möchte.

Was das Buch nicht ist

Anders als der Untertitel vermuten lässt, ist das Buch keine Streitschrift für eine, gar die amtlich verordnete Sicht auf die Sterbehilfe, die sich sicher einige christliche Sterbehilfe-Gegner gerade von einem Ratsvorsitzenden wünschen würden. Diese Erwartungshaltung unterläuft Bedford-Strohm und bleibt sich als Wissenschaftler treu. Ich empfinde das als großen Vorteil, andere mögen den mangelnden Dogmatismus kritisieren. Mir ist ein Theologe und Kirchenmann lieber, der als sich selbst überprüfendes und darum vorsichtiges Subjekt auftritt, als einer, der Glaubenssätze einfach wiederkäut.

Es handelt sich allerdings trotz aller Abwägungen und Nachdenklichkeit auch nicht um ein akademisches Werk und auch nicht um ein Kompendium aller in der Debatte vorgelegten Standpunkte. Gelegentlich wünscht man sich, ist man mit der Sterbehilfe-Debatte vertraut, weiter differenzierte und herausfordernde Gedanken, wie sie zum Beispiel Friedrich Wilhelm Graf vorgetragen hat. (Darüber habe ich seinerzeit einen Essay auf theologiestudierende.de geschrieben.)

Fazit

Vor allem ist das Buch ein Appell für mehr Nachdenklichkeit und Sorgfalt im Umgang mit (scheinbar) einfachen Optionen der Sterbehilfe. Bedford-Strohm wirbt für ein begleitetes, würdevolles Sterben, ohne die schwierigen ethischen Konflikte am Lebensende aus dem Blick zu verlieren. Damit fordert er unsere Gesellschaft heraus, eine andere Kultur des Sterbens zu entwickeln.

PS: Der Verlag hat auf Youtube ein Gespräch Bedford-Strohms zum Buch zu Verfügung gestellt. Das ist doppelt gefärbt: Erstens, weil es natürlich in werbender Absicht des Verlags geschieht, und zweitens, weil sich Bedford-Strohm mit einer Pfarrerin seiner bayerischen Landeskirche unterhält. Dessen eingedenk aber ein spannendes Gespräch.

(Ich habe vom Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar erhalten.)

Leben dürfen – Leben müssen:
Argumente gegen die Sterbehilfe
Heinrich Bedford-Strohm
Kösel-Verlag
17,99 €