Kritisches – #Longreads über Kritik, Kritiker und Kritisierte

Die Kritik ist leicht, die Kunst ist schwer.

(Philipp Destouches)

Es wird ja viel kritisiert. Auch im Internet, hab ich mir sagen lassen. Viele Kritiken kommen eher unflätig daher, doch auch eine Kritik kann kunstfertig verfasst sein. Das ist immer dann der Fall, wenn die Kritik und ihre Form zum gewünschten Publikum passt. Deshalb stelle ich heute einmal vier Kritiken vor. Lange Texte (#Longreads), die man an einem Schlechtwetternachmittag gut lesen kann.

Lunging, Flailing, Mispunching
So kritisiert Terry Eagleton (schon einmal hier auf dem Blog) den bekannten Religionsfeind Richard Dawkins, vor allem sein Buch Der Gotteswahn. Das Buch ist nun schon ein paar Jahre alt und hat ja ausreichend Wellen geschlagen. An Eagletons Rezension ist vor allem interessant, wie der lautstarke Religionskritiker Dawkins gepflegt unter die Räder kommt. Nebenbei erklärt Eagleton den christlichen Glauben aus seiner Perspektive als kritischer linker Intellektueller.

„The Christian faith holds that those who are able to look on the crucifixion and live, to accept that the traumatic truth of human history is a tortured body, might just have a chance of new life – but only by virtue of an unimaginable transformation in our currently dire condition. This is known as the resurrection. Those who don’t see this dreadful image of a mutilated innocent as the truth of history are likely to be devotees of that bright-eyed superstition known as infinite human progress, for which Dawkins is a full-blooded apologist. Or they might be well-intentioned reformers or social democrats, which from a Christian standpoint simply isn’t radical enough.“

The Spiritual and the Religious: Is the Territory Changing?
In ähnlicher (britischer) Debattenlage bewegt sich Rowan Williams, damals noch Erzbischof von Canterbury, in einer Vorlesung, die er 2008 gehalten hat. Ihm geht es vor allem darum, klar zu stellen, dass die (verfasste) Religion nicht erledigt ist, sondern den Menschen – gerade denjenigen die auf der Suche nach „Spiritualität“ sind – dienen kann. Das gelingt ihr unter anderem dadurch, dass sie den Menschen in Frage stellt und nicht zum alleinigen Zentrum der Welt erklärt.

„Interpersonal imagery, then, combining with the recurrent and unavoidable recognition of its incompleteness, is regularly part of what the ‚religious‘ as opposed to the ’spiritual‘ entails – at least in the Abrahamic traditions. The specific reality of the human self is not abolished, but it is dethroned or decentred. To discover who I am I need to discover the relation in which I stand to an active, prior Other, to a transcendent creator: I don’t first sort out who I am and then seek for resources to sustain that identity.“

Seine Ausführungen zum modernen Spiritualismus beginnt Williams mit einem Zitat von Bono. U2 war ja in der letzten Woche wieder massiv im Gespräch, weil ihr neuestes Album jedem Käufer eines neuen Apple-Mobiltelefons mitgegeben wurde.

The Church of U2
Diese erneute Popularität nahm Joshua Rothman zum Anlass, ein paar Brocken aus seiner langen Beschäftigung mit der Religiosiät der irischen Band zusammenzufassen. Das erste Mal erzählte mir mein Mentor im FSJ, dass U2 leicht als christliche Band bezeichnet werden könnte. Vor allem in den 80er-Jahren gab es da offensichtlich eine Hochphase in den Liedern der Band. Rothman führt das nun in einer großen Songkritik aus.

„The tension in spiritual life—between discipline and vulnerability, order and openness, being willful and giving in—became U2’s central preoccupation, and gave it its aesthetic. During the Troubles, the band witnessed the consequences of an approach to faith that had become too organized and martial. Against that, they argued for “surrender,” in both its political and its religious senses. When Bono ran around onstage with a white flag during performances of “Sunday Bloody Sunday,” he was expressing not only an approach to politics but also an approach to faith (often, the song suggested, they were the same thing). U2 were learning to infuse their music with a sensibility that had been unreachable in their religious lives—a kind of militant surrendering.“

Ein Vorteil verfasster Religion ist sicher, dass sie es ermöglicht, unsere eigene Religiosität konstruktiv in Frage zu stellen – durch die Begegnung mit anderen Menschen und durch die Begegnung mit grundlegenden Schriften der eigenen (und anderer) religiösen Tradition(en).

Ich will die Bibel mit Verstand lesen (dürfen) …
Rolf Krüger schreibt gegen Michael Diener an, und gegen all die Christen, die meinen historisch-kritische Bibelexegese sei eine Gefahr für den Glauben. Das ist natürlich ein Kernanliegen liberaler Christen im Gespräch mit ihren konservativen oder evangelikalen Glaubensgeschwistern. Hier spricht aber jemand, der sich mit diesen Glaubensgeschwistern sehr gut auskennt und ihnen (schon beruflich) nahe steht. Umso wichtiger ist der Text.

„Was können wir also von der Bibel erwarten? Oh, sehr, sehr viel! Inspiration, Gottesbegegnung, Korrektur, Trost. Aber dazu ist es wichtig, zu verstehen, was die Bibel von uns erwarten kann. Dieses Buch hat eine so reiche Geschichte hinter sich und gibt uns Einblicke in so viele unterschiedliche Kulturen, Epochen und Biographien. Damit darf sie von uns den Respekt erwarten, gründlich zu erforschen, was wirklich hinter den Texten steckt. Es ist respektlos, die Texte verstehen zu wollen, ohne sich aufrichtig für ihre Entstehungsgeschichte und ihre Autoren zu interessieren. Es ist respektlos, aus ihnen Schlussfolgerungen für das Leben anderer zu ziehen, wenn man sich nur in dem Maße mit den Hintergründen und den ursprünglichen Bedeutungen beschäftigt, wie es der Bestätigung der eigenen Meinung dienlich ist. „

Rolf Krüger liefert mit seinem Text einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um das Schriftverständnis in den evangelischen Kirchen hierzulande. Dieser Konflikt liegt vielen aktuellen Diskussionen zu Grund, ohne eine Lösung oder wenigstens kleines Weiterkommen, wird sich auch in diesen Diskussionen wenig bewegen.

Fazit
Vier Kritiken, die sich teilweise gegen Kritiker wehren, sich an die Seite Kritisierter stellen und – vielleicht am wichtigsten – sich durch ihr Schreiben selbst der Kritik aussetzen. Diese Offenheit stände uns allen gut an.

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