Rezension – „Neues Testament. Zentrale Themen“ von Lukas Bormann (Hg.)

Was hat die Bibel uns noch zu sagen? Spielen das Alte und das Neue Testament für unsere Theologie überhaupt noch eine Rolle? Es ist doch wohl so: Auf der einen Seite des theologischen Spektrums tritt die Bibel – d.h. ihre Geschichten, ihr Drive, ihre Härten und Wunderlichkeiten – in den Hintergrund. Sie liefert nurmehr Stichwörter für eine Verkündigung, die sich nicht nur in der Sprache, – das ist notwendig – sondern auch dem Inhalt nach von ihr ganz weit entfernt hat.

Auf der anderen Seite der Theologie wird im Fahrwasser der dialektischen Theologie und unter dem Einfluß des Evangelikalismus die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel auf dem Altar der Selbstgewissheit geopfert. Was dabei übrig bleibt an „biblischer Verkündigung“ mag dem Wortlaut dieser alten Schriften entsprechen, hat sich aber vielfach vom Geist des Gemeinten meilenweit entfernt.

Historisch-kritisch?
Und jetzt wird es putzig: Unter den Verächtlichmachern der historisch-kritischen Bibelwissenschaft finden sich zunehmend kritische und progressive Theologen ein. Warum? Weil sie der Überzeugung sind, dass allein die historisch-kritische Exegese zu wenig für die Theologie und die Verkündigung austrage.

Dass es sich dabei um eine Binse handelt, weil die historisch-kritische Lesart andere Zugänge zur Bibel nicht per se ausschließt, geschweige denn den Anspruch darauf erhebt, hält viel junge und auch ältere Theologen nicht davon ab, solche und ähnliche Gedanken immer wieder zu ventilieren. „Vorsicht!“ möchte man rufen, was hier von berufener Seite beschädigt wird, wird noch gebraucht. Denn obwohl die historisch-kritische Bibelwissenschaft nicht das non-plus-ultra aller Lesarten ist, benötigen wir sie doch als verlässlichen Maßstab für die Redlichkeit anderer Lesarten.

Und das bringt uns nun zum 2014 neu erschienenen Lehrbuch „Neues Testament – Zentrale Themen“, das vom Marburger Professor für Neues Testament Lukas Bormann herausgegeben wurde. Bei dem Buch handelt es sich der Intention nach und im besten Sinne um ein Buch für die Lehre und für das Lernen. Es ist also ganz sicher kein Allheilmittel für die oben angesprochenen Probleme. Gleichwohl führt es einmal exemplarisch vor, was die historisch-kritische Exegese für die Theologie und auch für die Verkündigung zu leisten im Stande ist.

Es sind die Themen, stupid!
Und zwar dann, wenn konsequent den großen, zentralen Themen des Neuen Testaments nachgegangen wird, statt sich in Detailfragen einzelner Schriften zu verlieren, so notwendig die dort gewonnenen Erkenntnisse auch für die Gesamtschau sind. Genau das, nämlich ein konkretes auch schriftenübergreifendes Thema des Neuen Testaments beackert je ein Autor in diesem Kompendium. Denn genau das liegt hier vor, ein kurz gefasstes, informatives Lehrbuch.

Naturgemäß unterscheiden sich die Beiträge der Autoren – allesamt Lehrende im Fach Neues Testament – in Länge, Dichte und Qualität. Hier seien nur einmal die nach meiner Auffassung besten Beiträge angetippt:

Da wäre Theo K. Heckels Kapitel über die Bergpredigt. Gut nach allen Seiten wissenschaftlich abgeklärt und in entspanntem Ton vorgetragen schreibt Heckel über den Text – oder vielmehr die Texte – denen viele zuschreiben, sie enthielten die Summe der Verkündigung Jesu Christi. Geordnete Kritik daran und trotzdem enorme Wertschätzung, das vermittelt der Autor. Also das, was man eine kritische Würdigung nennt. Fast schon nebenher erklärt er alle zum Verständnis der Bergpredigt notwendigen Erkenntnisse und Ideen.

Wolfgang Kraus („Der Tod Jesu und seine Deutung“) und Günter Röhser („Auferstehung“) hatten es sicherlich nicht mit den einfachsten Topoi zu tun. Viele Theologen wissen ja eine Menge vom und rund um das Neue Testament, aber einmal auch in aller Kürze zu erklären, was Tod und Auferstehung Jesu eigentlich bedeuten können, ohne den Schriftbefund und wissenschaftliche Kritik daran zu kurz kommen zu lassen, fällt wohl nicht nur vielen Studierenden schwer. Kraus und Röhser, wenngleich auch getrennt unterwegs, gelingt dieses Unterfangen. Wer also – wie ich manchmal – bei all der Theologie zwischendurch einmal vergessen hat, worum es eigentlich geht: Hier kann man es plausibel aufgeschrieben nachlesen.

Sabine Biebersteins Kapitel über „Gemeinde, Kirche, Amt“ ist flüssig, ja fast schon unterhaltsam geschrieben. Nach meinem bescheidenen Kenntnisstand fasst es alles Notwendige zum Themenkomplex zusammen und bietet darüber hinaus auch Impulse in unsere Zeit hinein. Dass christliches Gemeindeleben heute schwerlich irgendeinem konkreten Gemeindemodell des Neuen Testaments einfach nachempfunden werden kann, macht sie genauso deutlich wie den Anspruch, das je Gute und bleibend wichtige in unserer Zeit zu erhalten oder wiederzuentdecken.

Kein faules Ei!
In diesem Nest befindet sich kein faules Ei. Keiner der Beiträge ist gänzlich unlesbar oder bietet zu wenig an Information und Orientierung. Demjenigen, der sich für eine Prüfung oder für das Examen auf ein anderes Thema vorzubereiten hat, wird auch der dazugehörige Beitrag sicher helfen: Allein wenn es darum geht, einmal eine grundsätzliche Orientierung zu finden, von der ausgehend man weitere Literatur zu Rate ziehen kann. An allen Beiträgen hängen hilfreiche Literaturempfehlungen der jeweiligen Verfasser, die man zu diesem Zweck nutzen kann.

Zum Schluss möchte ich die drei Beiträge des Herausgebers Lukas Bormann herausstellen. Sowohl seine Einleitung, als auch seine Beiträge „Der Menschensohn und die Entstehung der Christologie“ und „Ethik und Politik“  zeichnet das aus, was viele Theologiestudierende auch schon in seiner Bibelkunde gefunden haben: prägnante Information, verständliche Sprache – absolute Nutzerorientierung.

Aber  …
Das ist ein gutes Buch, umso ärgerlicher ist es, dass es schlecht lektoriert wurde. In einigen – nicht allen – Beiträgen finden sich Tippfehler, Bezugsfehler und krumme Sätze auf jeder Seite. Ob das Lektorat an den Instituten oder im Verlag versäumt wurde? Die „Ungleichverteilung“ der Fehler über die einzelnen Beiträge hinweg lässt ersteres vermuten. Schlussendlich aber wäre es die Verantwortung des Verlagslektorats gewesen, hier einzugreifen. Einhundert Fehler im Text auf knapp 350 Seiten, meine Güte! Ebenso liegt die Qualität der Fußnoten scheinbar gänzlich bei den einzelnen Verfassern und ein bündiges Personenregister am Ende fehlt leider.

Das Buch ist 2014 in erster Auflage erschienen. Ich wünsche ihm noch viele weitere Auflagen, es ist wirklich hilfreich. Ebenso wünsche ich mir, dass die zahlreichen Schusselfehler dann abgestellt werden und dem guten Sachregister ein ebenso gutes Personenverzeichnis hinzugefügt wird.

Fazit
Das Buch hält, was es verspricht: „Das Buch zielt auf Theologiestudierende des Lehramts und des Pfarramts, aber auch auf Lehrer/innen und Pfarrer/innen, die sich anhand gut fasslicher Einzelbeiträge zentrale Themen des Neuen Testaments erarbeiten wollen.“ Für diese notwendige Arbeit leisten die gesammelten Aufsätze einen wertvollen Einstieg. Zur Vorbereitung auf Prüfungen aller Art bis hin zum Examen sei dieses Buch allen Studierenden aufs Wärmste empfohlen.

Neues Testament. Zentrale Themen
Lukas Bormann (Hg.)
Neukirchener Verlagsgesellschaft
30,- € (gebunden)
Link zur Verlagshomepage

(Vom Verlag wurde mir ein kostenloses Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt. Diese Rezension erschien zuerst auf theologiestudierende.de.)

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