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Es ist Sommer und in Deutschland brennen die Flüchtlingsheime. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir PEGIDA- und Griechenlandgestressten lieber wegschauen würden. Für manche ist die aktuelle Welle von rechtsextremen Straftaten und Einstellungen eine unheilvolle Widerkehr der 90er-Jahre – und für uns Jüngere? Was macht dieser Sommer mit unserem Land, mit unseren Kirchen, mit uns?

In Meißen bei Dresden brannte ein Wohnhaus, in dem Flüchtlinge untergebracht werden sollten. Vor ein paar Tagen stellte sich der zuständige Landrat Arndt Steinbach (CDU) vor dem ausgebrannten Haus den Fragen der Journalisten. Mich erinnerte die Szene fatal an den Irakischen Informationsminister Muhammed Saeed al-Sahaf, der vor dem Hintergrund des umkämpften Bagdads die zuschauende Weltöffentlichkeit davon überzeugen wollte, dass der Krieg längst nicht verloren sei, im Gegenteil sehr erfolgreich für die Irakischen Truppen geführt würde.

Der Irak hat damals die Schlacht um Bagdad verloren, auch wenn der Irak-Krieg 2003 keinen Sieger, sondern nur Verlierer hat. Genauso werden wir den Kampf gegen den Rechtsextremismus und für eine menschenwürdige Asylpraxis in Deutschland verlieren, wenn wir die Augen vor den zahlreichen Verbrechen, die sich gegen Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund richten, ignorieren und kleinreden. Pogrome wie Rostock-Lichtenhagen sind keine historischen Singularitäten. Es kann wieder geschehen und mancherorts – wie z.B. in Freital – stehen wir kurz davor. Wer will dann so tun, als ob er davon nichts gesehen, nichts gehört, nichts gewusst hat?

Auch in dieser lieben Sommerzeit entschuldigt uns nichts, wenn wir unsere Blicke abwenden. Das gilt für Christen und Kirchenleute umso mehr, weil häufig genug unter Christen und Kirchenleuten der Same ausgestreut wird und auf fruchtbaren Boden fällt, aus dem die Pflanze des Hasses und der Gewalt sprießt. Rechtsextreme Verbrechen finden jetzt Raum, weil sie in einer Gesellschaft stattfinden, in der rechtsextreme Einstellungen Normalität geworden sind. An dieser Normalisierung haben auch wir Anteil.

Lange haben wir uns vorgemacht, dass es so etwas gibt wie traditionelle christliche Werte und Einstellungen, die zu akzeptieren und jedenfalls „nicht einfach so“ als das benannt werden können, was sie oftmals sind: rechtsextrem.

Wer mit dieser Begrifflichkeit ein Problem hat oder sich unsicher ist, der sollte sich spätestens jetzt informieren und nicht wie Landrat Steinbach oder Minister al-Sahaf die Augen vor dem Offensichtlichen verschließen. Rechtsextremismus ist – um mal eine unter vielen Definitionen ins Feld zu führen – gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Dabei geht es nicht nur um spezifisches Verhalten (Protest/Provokation, Wahlverhalten, Mitgliedschaft, Gewalt, Terrorismus), sondern auch um Einstellungen, die dem Verhalten vorausgehen.

Die Liste dieser Einstellungen ist lang. Unter jenen, die Samuel Salzborn in seinem Buch Rechtsextremismus aufzählt, sind einige, die Christen und Kirchenleuten zu denken geben sollten, weil sich für jede dieser Einstellungen inzwischen konkrete Äußerungen und Taten aus den letzten Wochen finden lassen – wir sind wahrlich weit gekommen:

Autoritarismus
Homogenitätsdenken
Elitismus
Sexismus
Antisemitismus
Antirationalismus
Geschichtsrevisionismus
Homophobie
Islamophobie


Dieser Artikel erschien am 6. Juli zuerst als Teil der wöchentlichen Kolumne „Moment-mal“ auf theologiestudierende.de.

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