Anrufung – Andacht zur SETh-VV 2010 in Halle

In einem Internetforum schreibt Grombold: „Hallo, ich bin der Grombold und ich bin kein guter Lena-Fan.“ Melanie antwortet: „Glaube an die Liebe, glaube an das Glück, glaube an die Musik und Du wirst geheilt werden. Hallelujah!!! bfsdasauge dazu: „Jeder von uns zweifelt ab und zu an seinem Lena-Fantum. Ich auch. Manchmal glaube ich auch, dass Lena beim ESC letzte wird. Und da denke ich dann auch: Bin ich ein guter Fan? „Wobei das langsam echt religiöse Züge annimmt. Hab i.Ü. auch zwei Tage fast keine Lenasongs gehört. Also nur ungefähr alle Lieder zweimal pro Tag. Da kommen dann echt Entzugserscheinungen auf. Ich denke in einem Lenaforum muss auch Platz sein für Zweifel etc.“

Eine Welle der Begeisterung schwappt über das Land. Die Lena-Euphorie hält uns im Bann. Nur noch ein Tag bis zur Entscheidung in Oslo und unser Star – Lena Meyer-Landrut hält sich tapfer. Tapfer kämpft sie sich durch den Mediendschungel, die PR-Maschinerie. Das Fan-Volk zu Hause fiebert mit und dem Auftritt entgegen. Natürlich werden wir dieses Jahr gewinnen. Das Grand Prix-technisch leiderprobte Volk rechnet sich in einem kollektiven Akt der Selbstvergewisserung Chancen auf den Sieg aus. Die Hauptfigur, das kleine Mädchen, erhält nahezu messianische Züge. bfsdasauge stellt angesichts des Hypes schlicht fest: „Wobei das langsam echt religiöse Züge annimmt.“ Und sicher, so ganz geheuer ist die Euphorie der Masse den Deutschen nicht, weshalb das Feuilleton bereits mit der Destruktion „unseres Stars für Oslo“ begonnen hat. Zu albern der Tanzstil, die englische Aussprache peinlich für das ganze Volk, die Musik ein billiger Abklatsch von Amy Winehouse und Konsorten. Erwartbar auch: Die Unbeflecktheit, die Reinheit des Stars, so stellt sich heraus, ist eine Chimäre. Schock für Deutschland: ein Nacktauftritt in einer drittklassigen Reality-Doku. Natürlich, so wird festgehalten, ist Lena genauso mediengeil und ruhmsüchtig, wie all die anderen Karikaturen aus Popstars, DSDS oder Germanys next Topmodel. Ja, als Erlöserin einer Nation hat man’s nicht leicht. Allzu schnell wird die Person, der Mensch, von der Figur, der Wunschvorstellung, der Projektion übertrumpft.

1. Petrusbrief 1, 3-7: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, daß sie offenbar werde zu der letzten Zeit. Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.“

Eine Welle der Angst schwappt über die Lande. Die Furcht vor der Verfolgung hält sie im Bann. Die Gemeinden an die sich der 1. Petrusbrief wendet, erleben die Verfolgungen ihrer Zeit als Boten der Endzeit. Die zu bestehenden Anfechtungen, das Leid, welches durchgestanden werden muss, sind eine Prüfung des Glaubens. Des Glaubens an den Auferstandenen, der da kommen wird, wenn die Zeit kommt. Haltet aus, haltet durch, er kommt. Das leiderprobte Volk redet sich in einem kollektiven Akt der Selbstvergewisserung die Erlösung ein. Die da im Leid geschieht und dereinst vollendet wird. Die Hauptfigur, Jesus der Auferstandene, ist der Messias, der Erlöser. Und sicher auch hier sind die Zweifler im Volk nicht Wenige. Lohnt sich das Tragen der Last, die Erduldung der Verfolgung? Wo ist der Schirm des Höchsten, das Schild das schützt, die Hand die birgt? Werden da nicht Hoffnungen geschürt, die unhaltbar sind, die enttäuschen müssen?

Eine Welle der Gleichgültigkeit schwappt über dieses unser Land. Der Wechsel aus Glück und Unglück, Leid und Freude wird hingenommen. So ist das halt, Schicksal eben. Oder: Eine Welle des Egoismus schwappt über dieses unser Land. Anders hat der es doch nicht verdient, der leistet ja auch nichts. Leistung muss sich wieder lohnen. Leben ohne Leistung lohnt sich nicht. Was die anderen machen, ist mir doch egal, Hauptsache ich komme voran. Mir ist alles egal, alles außer mein eigenes Wohlbefinden. Der einsam Vegetierende redet nicht. Er akzeptiert: ich verstehe es nicht, ich will es nicht verstehen, ich will nur recht schön für mich leben. Die Hauptfigur, Ich, glaubt an nichts, erwartet nichts.

Love, oh, love, I gotta tell you how I feel about you
‘Cause I, oh, I can’t go a minute without your love
Like a satellite, I’m in an orbit all the way around you
And I would fall out into the night
Can’t go a minute without your love

Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.

Einreden. Sich selbst sicher werden. Selbstvergewisserung. Fundament und Ausrichtung finden. Auf ein Ziel hin, einen Endpunkt in der Zeit, einen Vergänglichen Moment des Glücks. Jenseits aller Zweifel am Erlösungsglauben, jenseits aller berechtigten Einwände gegen die Integrität der Erlösergestalt. Jenseits der Einsicht in die Menschlichkeit des Messias, die Historisierung seines Wirkens, der guten rationalen Erklärungen bleibt wohl nur das übrig. Selbstvergewisserung. Sich selbst sicher werden. Einreden.

Dass uns jemand zuhört in unserem Einreden, und aus dem Einreden ein Anreden, eine Anrufung wird, ist die Hoffnung aller Gottgläubigen. Dass Gott uns darauf hin errettet durch den Glauben an das Evangelium von Jesus Christus ist die Hoffnung der Christen.

Morgen Abend sitzt ganz Europa vor dem Bildschirm. Ein jeder, eine jede fiebert für seinen Kandidaten, seine Kandidatin mit. Alle wollen siegen und alle haben es in der Hand. Jeder darf anrufen und seine Stimme abgeben. Natürlich nur für die anderen, nicht für den eigenen Kandidaten. Für Lena können wir nicht anrufen.

Jeden Abend setzen wir uns nieder. Ein jeder, eine jede von uns mit seinem, ihrem Kreuz, das er, sie den Tag über getragen hat. Alle wollen ein wenig Trost, ein wenig Orientierung, dass der Tag seinen Sinn hatte und der Kommende etwas für uns bereithält. Jeder darf anrufen und seine Stimme erheben. Natürlich für die anderen, aber auch für sich selbst. Für mich darf ich anrufen.

Antwort bleibt ungewiss, aber erhofft. Das Erbe wird mir zu Teil, in dem ich mich als Nachkomme oute. Die Anrufenden reden und singen. Sie sagen: wir verstehen es noch nicht, wir wollen es aber verstehen, wir wollen gut und schön leben, aber nicht um jeden Preis, das Erbe wird nicht mir allein, sondern allen Nachkommen, Schwestern und Brüdern zu Teil. Die Hauptfigur, Ich, glaubt an etwas, erwartet das Kommende.

Das schmeckt zwar nicht nach umjubelten Sieg, ist aber kostbar in der kleinen Zeit, in der wir, wenn es sein soll, traurig sind in mancherlei Anfechtungen. Amen.


Die Andacht wurde zu Beginn der Tagung am Freitagabend in der Evangelischen St. Georgskapelle der Franckeschen Stiftungen zu Halle gehalten.

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