Ansprache zum kreativen Protest am 13. Oktober in Bad Frankenhausen

Am Sonntag, den 13. Oktober 2019, hat eine Wahlkampfveranstaltung der AfD mit Björn Höcke in Bad Frankenhausen stattgefunden. Wir haben dagegen einen kreativen Protest organisiert (s. Veranstaltungseinladung auf der Kirchenkreiswebsite). Bevor wir mit Straßenkreide zum Motto „Nächstenliebe heißt Nächstenliebe. Punkt!“ ein Bild auf dem Pflaster des Marktplatzes malten, habe ich eine kurze Andacht gehalten:

Es gilt das gesprochene Wort.

Guten Tag,

mein Name ist Nadine Greifenstein. Ich bin die neue evangelische Pfarrerin hier vor Ort. Wir treffen uns hier, um ein Zeichen für das friedliche Miteinander in unserer Gesellschaft zu setzen. Wir treffen uns hier wenige Tage nachdem in Halle ein Attentäter zwei Menschen getötet und weitere verletzt hat. Sein ursprünglicher Plan, ein Massaker unter den Jüdinnen und Juden zu begehen, die sich zu Jom Kippur in der Synagoge in Halle versammelt hatten, ist Gott sei dank nicht aufgegangen.

Ich bin in der Thüringischen Rhön aufgewachsen und habe zehn Jahre lang in Halle gelebt. Mich haben die Nachrichten aus Halle betroffen gemacht und auch zornig. Solche Attentate passieren nicht im luftleeren Raum. Sie werden von Tätern verübt, die sich bestätigt fühlen von einem politischen Klima, in dem sich die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschieben.

Mit seiner Tat wollte der Attentäter Zustimmung und Anerkennung bei seinen Gesinnungsgenossen wecken. Und er wollte Angst verbreiten unter Jüdinnen und Juden, Muslimen und Angehörigen anderer Minderheiten. Er wollte auch uns das Fürchten lehren.

Wir sollten aus rechtsradikalen Anschlägen wie in Halle etwas anderes lernen: Es ist nicht egal, was wir sagen. Wie wir miteinander reden. Worte prägen unser Denken und Handeln. Hassbotschaften und politische Ausgrenzung gehen dem Morden immer voraus.

„Nicht was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein;“ sagt Jesus nach dem Matthäusevangelium, „sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“

Es darf uns darum auch nicht egal sein, wenn auf den Marktplätzen unseres Landes zu Ausgrenzung und Hass aufgerufen wird. Selbst dann nicht, wenn es intellektuell überdreht oder getarnt als Familienfest daherkommt. Wenn auf Worte Taten folgen, dann heißt das:

Wir als Bürgerinnen und Bürger müssen kritisch prüfen, welche Konsequenzen politische Slogans haben sollen. Und wir müssen rechtzeitig Widerspruch üben und uns an die Seite derer stellen, die angegriffen werden, weil sie anders glauben, lieben oder aus einem anderen Land kommen.

Im Alten Testament lesen wir: „Tue deinen Mund auf für die Stummen und die Sache aller, die verlassen sind“. Das ist eine große Forderung und eine schwierige Aufgabe.

Als ihre neue Pfarrerin möchte ich ihnen gerne Mut zusprechen: Wenn Menschen sich trotz ihrer Verschiedenheiten aufeinander einlassen, Freundschaft und Liebe üben, dann tun wir das nicht allein, sondern in der Nachfolge Jesu, der die Stummen zum Sprechen gebracht hat und zu den Alleingelassenen gegangen ist.


Eine zentrale Botschaft des Evangeliums ist das Gebot der Nächstenliebe. Und das Evangelium ist der Grund, auf dem Christinnen und Christen stehen. Nächstenliebe, ja, sogar die Feindesliebe, ist die entscheidende Grundlage, die Jesus den Menschen, die ihm nachfolgen, für das Miteinander als Gebot und Maßstab mitgibt.

Dieser Grund darf nicht verlassen werden! Alle Ausgrenzung, aller Hass, alle Hetze stehen nicht auf diesem Grund. Gottes Gnade ist vielfältig und bunt. Ausgrenzung, Hass, Hetze und Gewalt fußen auf Schwarz-Weiß-Denken, sie bauen auf Stereotype. Sie folgen keiner Logik, sondern spielen mit Emotionen und instrumentalisieren diese zum Eigennutz.

Wenn wir wissen, auf welchem Grund wir stehen, darf es uns nicht egal sein, wenn andere diesen Grund verlassen. Uns ist auch geboten, dass wir uns dann geschwisterlich ermahnen sollen. Deshalb müssen widersprechen. Wir müssen zeigen, dass Individualität im Glauben, im Lieben, in unserer Herkunft uns reich macht. Und dass keiner das Recht hat, diese dem anderen abzusprechen oder ihn deshalb auszugrenzen, zu hassen, gegen ihn zu hetzen oder Gewalt zu üben in Worten und Taten.

Wir stehen auf dem Grund des Evangeliums.

Wir sind gegen Hass, Hetze und Gewalt.

Wir feiern die Vielfalt und die bunte Gnade Gottes.

HochZeit

Herzlich Willkommen im Archiv oder vielmehr in den Untiefen der Festplatte. Für das Proseminar Homiletik (schon ne Weile her …) sollten wir eine Andacht zu einem außerkirchlichen Anlass vorbereiten. So Jägertreffen, Stadtfest oder so. Ich habe mir damals die HochZeit ausgewählt.

Anlässlich des 20. Jubiläums der Hochstraße in Halle waren Hochzeitspärchen eingeladen, sich auf Höhe der Franckeschen Stiftungen auf der Hochstraße trauen zu lassen. Ich fingierte also für das Seminar die Situation, als Kirchenvertreter zu dieser „Massentrauung“ eingeladen zu sein und das Wort an die anwesenden Pärchen und ihre Angehörigen zu richten.

Hier die Andacht: „HochZeit“ weiterlesen

Ich hab keine Angst

Gestern auf dem Weg nach Hause von der Christvesper spazierte ein kleines Mädchen vor mir. Ihr Bruder versteckte sich vor ihr hinter der nächsten Hecke und sprang, als sie sich näherte, hervor. Ein bisschen erschrak sie schon, doch dann setzte sie in einen kleinen Singsang ein „Ich hab keine Angst, nein, ich hab keine Angst.“

Maria Aljochina, die für das Punk-Gebet gegen Putin, das sie und ihre Mitstreiterinnen von Pussy-Riot durchführten, im Gefängnis landete, gab nach ihrer Freilassung kurz vor Weihnachten zu Protokoll: „Ich habe keine Angst vor gar nichts mehr.“ Sie wird sich manche Nacht gefürchtet haben, die sie in den russischen Straflagern zubrachte. Doch mit ihrer Angst wuchs auch ihr Zorn. Aus diesem Zorn speist sich Mut. Mut ist geläuterte Angst.

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich.“ Mit dem 23. Psalm sind Generationen von Christen gestorben. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Es mangelt selten an Gelegenheiten, die Gnade Gottes herauszufordern. Das finstere Tal muss nicht  lebensbedrohliche Krankheit sein, sondern kommt in allen Formen und Größen.

Der Glaube ist keine Versicherung gegen die Angst, als wenn der, der glaubt sich nicht fürchten und ängstigen würde. Auch unter Christen ist viel Heulen und Zähneklappern, fährt die Angst in die Glieder. Dann aber kommt es darauf an, was wir mit unserer Angst anstellen.

Zu Weihnachten erinnern wir uns an den Ruf der Engel „Fürchtet Euch nicht!“. Nach dem Erschrecken werden wir angesprochen. Im Tal kommt jemand uns entgegen, im Unglück teilt sich uns etwas mit. Der trotzige Wille zum Weitergehen, so mag man es nennen, woher speist er sich?

Zu Weihnachten enden die Reisen in den Kirchen immer an der Krippe, mag es sich um den Aufbruch der Weisen, die Eile der Hirten oder den Spaziergang der Gottesdienstbesucher handeln. Die Krippe symbolisiert das Mehr des christlichen Glaubens, das wir zu Weihnachten verkünden. Aber die Krippe – der Ort an dem Gott ins Fleisch kommt – ist nicht in unserem Besitz, nur die Nachbauten, die den Rest des Jahres auf dem Kirchenboden versteckt werden.

Die Krippe steht allda, wo sich zur Angst auch Zorn und Mut gesellen, wo getrost eingeschlafen werden kann im Angesicht der Furcht, wo ein kleiner weihnachtlicher Singsang gegen die Angst angestimmt wird. „Ich fürchte mich nicht, nein, ich fürchte mich nicht.“

Frohe Weihnachten!

Tanze auf den Trümmern!

Eine unverschämte Aufforderung an alle, die vor den Trümmern ihres Lebens, ihres Projekts und der Welt stehen. Der Predigttext für den 4. Advent aus Jesaja 52:

Die frohe Botschaft
Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. „Tanze auf den Trümmern!“ weiterlesen