Alle Morgen weckt er mit das Ohr – Predigt Palmarum 2012 in Zschortau

Liebe Gemeinde,

in der Epistel aus dem Philipperbrief haben wir gehört, dass Gott sich in seiner Menschwerdung als Jesus Christus klein macht, so klein dass er uns gleicht, und dass wir mit ihm aufgerichtet werden. Im Evangelium für den heutigen Palmsonntag haben wir gehört, dass ein König in Jerusalem einzieht, ein König auf einem Esel. Das verstanden seine Jünger nicht, und wir?

Wir Christen haben uns an diese Geschichten gewöhnt, die irgendwie schräg sind: Das Neue Testament erzählt uns die Geschichte eines Mannes, der als Neugeborenes in einer Krippe liegen muss, wir verklären das zu einer weihnachtlichen Kitsch-Romantik mit Hirten, Weisen die in einem Stall auf die Knie gehen, Esel und Rind die zuschauen und über all dem schweben Engelchen. Er sammelt Jünger um sich, denen er einschärft, dass die Nachfolge wichtiger sei als Reichtum, ja wichtiger als die eigenen Blutsverwandten. Heute feiern wir in unseren Kirchen Familienfeste und freuen uns über die geglückte Sanierung der Orgel oder des Glockenstuhls. Und schließlich ein König auf einem Esel – ja das ist schon komisch, das ist gut erzählt, clever geschrieben, eine gute Pointe.

Aber es ist eben nicht die Wirklichkeit, das wissen wir. Doch nur selten lassen wir uns in unseren Kreisen davon stören, dass die schönen Jesusgeschichten eine ganz andere Welt beschreiben, als wir sie vorfinden. Das ist etwas für die Sonntage, wenn überhaupt, und zwischendurch leben wir in einer Welt, die eben so funktioniert, wie sie funktioniert. Da muss man sich nach anderen Regeln richten. Ein König auf einem Esel – das ist gut erzählt, clever geschrieben, eine gute Pointe. Oder eben, ein schlechter Treppenwitz, ein gelungener Aprilscherz.

In der Epistel und in Evangelium hören wir das eine, das andere, nach dem wir uns richten, hören wir tagein, tagaus in den Nachrichten – CDU strahlende Siegerin, FDP abgestraft -, in den Sportmeldungen – Greuther Fürth Gewinner des Spieltages, Hansa Rostock vor Abstieg -, in unseren Schulen – Du bist schlau, du gewinnst, du bist dumm, du darfst dich einreihen -, auf Arbeit – der hat sich durchgesetzt und wird befördert, die hat sich wieder unterbuttern lassen -, schon im Kindergarten – was ihr Kind nicht jetzt schon lernt, wird es später vermissen -, unter den Rentnern – sie haben einfach zu wenig geleistet, zu wenig eingezahlt, deshalb jetzt die kleine Rente -, schließlich in den Alten- und Pflegeheimen – die brüllt immer, verlangt ständig nach Aufmerksamkeit, der zappelt zu viel und stiert den Schwestern hinterher, zu dem geh ich jetzt nicht, der ist mir zu eklig. Überall und andauernd: Gewinner und Verlierer, Sieger und Besiegte. So funktioniert unsere Welt, daran haben wir uns gewöhnt. Wer mehr haben möchte, kann dies nur auf Kosten anderer haben. Wer etwas erreichen will, muss die Ellenbogen rausholen. Wer nicht abgehängt werden will, muss einfach stärker, leistungsbereiter, gemeiner sein. Daran wird auch eine Sonntagspredigt nichts ändern.

Die Jünger verstanden es nicht, so heißt es im Evangelium. Das gleiche Spiel aus gewinnen und verlieren kannten auch die Menschen jener Tage, in denen Jesus von Nazareth in das irdische Jerusalem einzog.

Das Römische Reich hielt Israel besetzt. Eine Macht, die so unvorstellbar groß und auch grausam war, dass wir sie uns heute kaum noch vorstellen können. Von den Hügeln Englands bis zu den Pyramiden Ägyptens, von der Atlantikküste des heutige Frankreichs, bis an die Ufer des See Genezareth herrschten die Römer. Und sie taten es mit wenig Zuckerbrot und viel Peitsche. Der Gründungsmythos Roms ist die bekannte Geschichte von Romulus und Remus. Zwillinge, gezeugt vom Kriegsgott Mars, geboren von einer Priesterin, wegen politischer Gründe auf einem Fluss ausgesetzt, von einer Wölfin am Leben gehalten, schließlich von einem Hirten groß gezogen. Sie töteten den Tyrannen, der sie hatte ermorden wollen und gerieten über die Gründung der Stadt in Streit. Wer sollte der Namensgeber der neuen Stadt sein? Romulus setzte sich durch. Aber Remus konnte die Niederlage nicht verwinden und provozierte seinen Bruder, in dem er über die noch niedrige Stadtmauer sprang, daraufhin erschlug Romulus den Remus. „„So möge es jedem ergehen, der über meine Mauern springt!“. Romulus ist Sieger, Rom ist Sieger. Wer das anzweifelt, der erleidet den Tod. Eine Erfahrung, die die Völker des Mittelmeerraumes häufig machten. Sie hatten Angst vor der Macht der Römer, aber sie bewunderten sie auch für ihre Stärke.

Den Griechen denen der Apostel Paulus in Philippi und Korinth predigte, kam die Botschaft vom Gott am Kreuze lächerlich vor. Wer den Göttern aufrecht diente, der durfte auf ihr Wohlwollen zählen. Der gewann große Schlachten, der bezwang Gegner und Naturgewalten, der machte sich beim Ausmisten des Stalls nicht die Hände schmutzig, sondern leitete Flüsse um, die die Arbeit für ihn erledigten und ganz sicher landete er nicht am schmählichsten Zeichen für die Macht der Römer, am Kreuz. Paulus berichtet uns davon, dass die Griechen den gegreuzigten Gott für eine Torheit hielten, für eine Lächerlichkeit, einen schlechten Treppenwitz. Er berichtet auch, dass die Vorstellung des gekreuzigten Gottes den Juden ein Ärgernis sei – ein skandalon – ein Skandal sondergleichen.

Denn wie die Griechen und Römer so glaubten auch die Juden an die Macht. Der König der kommen soll, um sie zu retten aus der Hand der Römer und ein neuen Königreich aufrichten wird, der wird alle anderen Könige überstrahlen, selbst die Kaiser in Rom, und er wird es tun, weil er der Gesalbte, der Messias, des Herrn Zebaoth ist, der mächtiger ist als alle Götter Griechenlands. „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel.“

Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht: Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen. Das verstanden seine Jünger zuerst nicht.

Sie verstanden es nicht und hielten es vielleicht für einen ganz besonders guten Scherz ihres Meisters. Solche Dinge machte er ja häufiger: im Tempel mal so richtig aufräumen, eine Hure nicht hinrichten, sondern die Ankläger bloß stellen, mit Zöllnern essen. So ist er halt, nie um eine geschickte Wendung verlegen. Ja, das hat er gut gemacht. Ein wichtiges Zeichen. Ja, das hat er gut gesagt. Das muss man sich merken. Was für eine Pointe.

Wir machen es uns leicht mit den Jesusgeschichten, wir machen es uns leicht mit der Geschichte Gottes mit den Menschen. Ich will es mir einmal nicht so einfach machen und genauer lesen. Den Anspruch der Texte wirklich wahrnehmen – mich herausfordern lassen. Das ist wovon der Predigttext des heutigen Sonntags spricht. Er steht bei Jesaja im 50. Kapitel. Da stehen Sätze, die will ich mir zu Herzen nehmen:

„Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.“

Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre wie Jünger hören. Mit diesem Jünger-Ohr will ich noch einmal auf das Evangelium hören: „Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht. Siehe dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.“

Jesus verweigert sich seinem Auftrag nicht, er will König sein. Nicht der König, der auf einem geschmückten Schlachtross in mitten seiner Soldaten in die eingenommene Stadt einzieht. Sondern der König, wie es geschrieben steht. Wie es die alte Geschichte Gottes mit den Menschen vorsieht. Er will der König Gottes, des Herrn sein, nicht der König unserer Erwartung. Damit durchkreuzt er die Pläne seiner Freunde und Feinde. Er macht auch unsere Hoffnungen auf einen strahlenden Sieg zunichte. Wie lächerlich mag es gewirkt haben, ein Mann auf einem Esel zieht durch die mit Palmzweigen bedeckten Straßen ein – alle Hoffnungen sind auf ihn gerichtet und doch müssten sie alle doch erkennen, dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass das Bild schräg ist, dass Jesus eigentlich etwas ganz anderes sagen will.

Ich höre weiter: „Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.“

Das Volk setzt seine Hoffnungen nicht auf einen der nur schön reden kann. In einen der sich auf schillernde Ankündigungen versteht: Seht, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Es geht ihm entgegen, weil sie von einer Tat gehört haben. Er soll einen Toten auferweckt haben. Er soll die Macht haben, lebendig zu machen, was leblos war. Die Auferweckung des Lazarus wird uns nicht als gute PR verkauft, als prächtige Symbolhandlung, als politisches Zeichen und erst recht nicht als Show. Sie geschieht zu spät, Jesus kommt zu spät, er kann Lazarus von seinem Leiden nicht befreien. Jesus sagte zu Marta, der Schwester des Lazarus, die ihm anklagend entgegen gelaufen kam: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Das neue Leben, die Auferweckung geschieht durch Leiden und Sterben hindurch. Es ist keine billige Hilfe in letzter Sekunde, sondern Rettung, Erlösung.

„Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.“

Ich verstehe: Jesus will König sein, aber nicht ein König der Erwartungen dieser Welt. Nicht der König des irdischen, sondern des himmlischen Jerusalems. Das ist eine Herausforderung, denn es geht eben nicht darum, dem Leid, den Schmerzen, dem Sterben aus dem Weg zu gehen, sondern hindurch. Das himmlische Jerusalem ist nicht von dieser Welt, es liegt auch nicht hinter den Wolken – es ist eine Utopie, eine Wunschvorstellung, ein Traum. Ihn kann ich im Herzen tragen. Einen Traum, aber eben kein schlechter Treppenwitz mehr.

Mit den Jünger-Ohren hören, heißt aber nicht nur, besser zu verstehen. Ernst zu nehmen, was Gott uns auch heute sagen möchte. Sondern es heißt auch Handeln. Die Menschen liefen ihm entgegen, nicht nur weil er schön redete, sondern weil er handelte. Das müssen wir Christen uns erneut sagen lassen. Das ist eine Herausforderung, denn es geht eben nicht darum sich in der Kirche zu verknüsen. Es sich gut gehen zu lassen oder wahlweise herumzujammern. Es geht nicht nur ums reden und hören, sondern ums tun. Was können wir tun?

Das Evangelium steht unserem Denken und Handeln, das Sieger und Besiegte, Gewinner und Verlierer braucht entgegen. Es ist nicht spaßig gemeint, nicht als gute Geschichte und nicht als Aprilscherz. Es will uns erschüttern, nicht nur an Sonntagen, sondern jeden Tag.

Mit dem Denken und Handeln in Sieg und Niederlage aufzuhören, das geht im Kleinen wie im großen. In der Familie und auf Arbeit. In unseren Gemeinden, Dörfern und Städten. In unserer Welt.

In der Familie und auf Arbeit kann ich darauf achten, dass nicht jeder Streit, nicht jeder Konflikt einen Gewinner und einen Verlierer sieht. Wenn ich mich durchgesetzt habe, verzichte ich auf das Jubel-Geheul und reiche dem vermeintlich Unterlegenen die Hand. Ich weiß, dass er nicht schlechter ist als ich und dass ich mit meiner Stärke ihm Verantwortung schulde. Wenn ich einmal der Schwache bin, dann mache ich das dem Starken nicht zum Vorwurf. Ich weiß, dass ich schwach sein darf, dass ich trotzdem wichtig bin und dass der Starke mich braucht. Spätestens dann, wenn er selbst einmal der Schwache ist. Als Starker kann ich dem Schwachen dienen und ihm für seine Hilfe danken. Als Schwacher kann ich den Starken loben, denn ich weiß, dass auch er einmal meiner Hilfe bedarf.

In unseren Gemeinden, Dörfern und Städten können wir darauf achten, dass wir Entscheidungen nicht zu Lasten von Minderheiten treffen. Von Leuten, die sich vielleicht nicht so toll ausdrücken können oder lieber still bleiben. Auf die müssen die Starken in unserer Gemeinschaft achten. Wir können darauf Wert legen, dass jedem geholfen wird, der Hilfe braucht. Nicht von irgendjemanden, sondern von mir. Ich kann mich fragen: braucht jemand Hilfe und kann ich diese Hilfe sein.

In unserer Welt können wir darauf achten, dass wir unseren Reichtum nicht auf Kosten anderer Leben. Und dort, wo wir genau das merken, müssen wir umsteuern. Abgeben, neue Wege suchen, so dass im weltweiten Spiel alle gewinnen können. Wir hier sind nicht die Könige der Welt, wir tragen einen König im Herzen, das lässt uns nicht verzagen, wenn Widerstände drohen. Auf den ersten Blick sieht es immer so aus, als ob wir nichts ausrichten könnten. Mit unserem Stimmzettel am Wahltag, mit unserem Einkauf, mit unserer Entscheidung auf etwas zu verzichten. Es sieht dann fast so lächerlich aus, wie ein König auf einem Esel, der über palmenbedeckte Straßen einzieht. Aber es ist kein Aprilscherz, sondern ein Traum, der uns Kraft gibt.

Die Jünger verstanden es zuerst nicht, doch als Jesus verherrlicht wurde, da dachten sie daran. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

Amen.


Die Predigt wurde im Gottesdienst an Palmarum am 1. April 2012 in Zschortau gehalten.

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