Martin Kähler als Wingolfit – Kähler-Studientag am 17. Oktober 2012

Wir haben uns hier in der „stummen Fakultät“ getroffen, die in der Praxis unserer Fakultät tatsächlich stummt bleibt. Die meisten Personen spielen nur als Paten für die Benennung unserer Hörsäle und Seminarräume noch eine Rolle. Hinzu kommen einige wenige folkloristische Veranstaltungen, wie diese hier. Unser Verhältnis zu den eigenen theologischen Ahnherren ist einer rein fachlichen Annäherung an das gewichen, was von ihrem theologischen Wirken bis heute von Wert ist, sich bis in die Diskurse unserer Zeit durchhält. Das muss nicht unbedingt wenig sein, wie wir an der Beschäftigung mit Martin Kähler lernen können.

Hannah Arendt hat in ihrer Ansprache zum Tode Karl Jaspers dafür folgende Worte gefunden:

„Wir wissen nicht was geschieht, wenn ein Mensch stirbt. Wir wissen nur, uns hat er verlassen. Wir halten uns an die Werke, und wissen doch, dass die Werke uns garnicht brauchen. Sie sind, was einer der stirbt zurücklässt in der Welt, die da war, bevor er kam und weiter geht, wenn er sie verlässt. Das was an einem Menschen das Flüchtigste und doch zugleich das Größte ist – das gesprochene Wort und die einmalige Gebärde, das stirbt mit ihm. Und das bedarf unser, das wir seiner gedenken.“

Mir scheint es, als verhielte es sich mit Martin Kähler, dem bedeutenden Lehrer mehrerer Generationen von Theologiestudierenden, ebenso. Ich möchte aus diesem Grund ein kleines Schlaglicht werfen auf den Studenten und Lehrer Martin Kähler aus der spezifischen Sicht seiner Mitgliedschaft im Wingolf.

Wenn überhaupt, so kennt man den Wingolf heute als christliche, nicht schlagende Studentenverbindung, die am Rande der Studierendenschaft nach wie vor existiert. Die 35 existierenden aktiven Wingolfsverbindungen in Estland, Österreich und Deutschland sind zu meist zwischen 10 und 30 Mann stark. Kein Vergleich zur Größe zum Beispiel des Hallenser Wingolf zu Zeiten Martin Kählers.

Als Martin Kähler sich im Januar 1855 aktiv meldete, also Mitglied im Hallenser Wingolf wurde, gab es denn Wingolf in Halle schon gute zehn Jahre. Die Verbindung traf sich in verschiedenen Lokalitäten zu ihren „Kneipen„, auf denen anders als bei anderen Korporationen weniger getrunken, dafür mehr theologisiert wurde. Auf Grund seines schon fortgeschrittenen Studiums und Alters wurde Kähler schnell ein wichtiger Teil der Gemeinschaft. Im Sommersemester 1855 chargierte er als Fuxmajor, war also für die Ausbildung der zahlreichen Neuankömmlinge zuständig. Damals hatte der Hallenser Wingolf gut 20 Burschen und in jedem Semester gut 10 Aktivmeldungen zu verzeichnen.

Martin Kähler blieb ganz im Sinne des sich entwickelnden Lebensbundprinzips dem Hallenser Wingolf über seine eigene Studienzeit verbunden. So erlebte und beförderte er den Bau des Wingolfshauses, dessen Grundsteinlegung sich diesen November zum 120. Male jährt. Damit hatte der Wingolf nun seine eigene „Saaleburg“ erhalten und der Grundstein für weiteres Wachstum war gelegt. In Kählers Todesjahr zählte die Aktivitas schon weit über 50 aktive Burschen und bis zu zwei Dutzend Aktivmeldungen pro Semester.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war der Wingolf hier in Halle und anderswo zu einem bestimmenden Faktor bei der Ausbildung des protestantischen Milieus geworden. Von knapp 30 Pfarrstellen im Raum Darmstadt zum Beispiel, waren 20 von Wingolfiten besetzt. Und an jeder evangelisch-theologischen Fakultät fanden sich Wingolfiten auf Lehrstühlen und in den Hörsälen. Zu den bekanntesten Theologen und Kirchenmännern, die der Hallenser Wingolf zu Zeiten aus sich hervorbrachte, zählen Männer wie Willibald Beyschlag, Johannes Kuhlo, Wilhelm Lütgert und Ferdinand Kattenbusch, Albrecht Ritschl, Gustav Warneck, sowie aus dem 20. Jahrhundert Karl Bernhard Ritter, Hermann Schafft und Paul Tillich, sowie die Bischöfe Ernst Wilm und Gerhard Jacobi. Für die Jüngeren der Genannten gilt, dass sie allesamt bei Kähler hörten und stark von seiner Aura, im Hörsaal, auf der Kanzel und eben auch bei den Zusammenkünften im Wingolf geprägt wurden. Das neben dem fachlichen Werk auch die persönliche Geschichte, das gesprochene Wort für die Einordung eines Lebens und Lebenswerkes von Bedeutung ist, drängt sich uns bei der Betrachtung dieser Verbindungen wieder neu auf.

Um nun nach diesen kurzen Ausführungen, von denen ich hoffe, dass sie ihnen einen kleinen Einblick in die Geschichte Martin Kählers mit dem Hallenser Wingolf geben konnten, an diesen Ort zurückzukehren, möchte ich zum Schluss gerne Martin Kähler zitieren. Von ihm selbst stammt die Liedstrophe: „Die echte Burschenherrlichkeit ist Gott des Herren Gabe, Sie bleibet dir zu aller Zeit und stirbt mit dir im Grabe.“.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.


Diese Rede wurde anlässlich des Studientages zum 100. Todestag Martin Kählers auf dem Laurentius-Friedhof in Halle gehalten.

Ergänzung: Auf denkmal! aktuell, das leider nicht mehr weitergeführt wird, gibt es einen Beitrag anlässlich des 100. Todestages von Martin Kähler. Hier.

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1 Kommentar

  1. Herzlichen Dank für diesen für mich neuen Einblick in das Leben Martin Kählers. Ich finde es beeindruckend wie tief die persönlichen Beziehungen vieler der angesprochenen Theologen war. Das eröffnet neue Blicke auf ihr Schaffen und Wirken.

    Mit herzlichen Grüßen aus der Schweiz
    Hans-Christian Röder

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