Ein Dispütchen – Rezension „Was kann man heute noch glauben?“ von Nikolaus Schneider und Martin Urban

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Gelegentlich bin ich ein kleiner Pfennigfuchser. Auch das Gütersloher Verlagshaus bietet ein Testleserprogramm an. Im Tausch für ein Gratisexemplar schreibt man eine kleine Rezension für die Verlagshomepage. Das habe ich für das kleine Büchlein „Was kann man heute noch glauben? – Ein Disput“ von Nikolaus Schneider und Martin Urban gemacht. Hier die ausführliche Rezension.

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Ein kontrovers geführter, offener und aktueller Disput wird angekündigt, dieses Versprechen vermag das Buch nicht in allen Passagen zu halten. Ich bin mir nicht sicher, ob sich der Wechsel längerer „Briefe“ oder Stellungnahmen wirklich gut für das Vorhaben eignet, in aktuelle Diskussionen einzuführen. Die beiden „sprechen“ über den Offenbarungscharakter des Christentums, Probleme der Vereinbarkeit von Glaube und (Natur-)Wissenschaft und über deren Konsequenzen für die gegenwärtige Kirche. Auf beiden Seiten ist das Bemühen um Verständigung spürbar. Manchesmal stehen sich die beiden Disputanten aber auch selbst im Weg.

Besonders Schneider erliegt gelegentlich der Gefahr ins theologische Phrasieren abzugleiten. Wenn das geschieht, fühlt man sich in die Debatten und den Sprachgebrauch der EKD-Denkschriften zurückversetzt. Schneider ist kein Theologieprofessor und manches Mal sichtbar auf dünnem Eis unterwegs, das erklärt das Beharren („Für mich gilt, …“) auf mancher tradierten Glaubensüberzeugung, die er dann leider auch nicht vermag in unsere Zeit neu hineinzusprechen, er verharrt in der Sprache der 70er- und 80er-Jahre. Das wurde ihm (und anderen EKD-Granden) bereits früher vorgeworfen, leider kann ich dem nach der Lektüre des Buches nicht widersprechen.

Urban wiederum – obwohl ihm in der Sache Recht zu geben ist – verbeißt sich in manche Detailfrage. Zum Beispiel wenn er den christlichen Fundamentalismus als große Gefahr für die evangelische Kirche beschreibt. Das empfinden viele aufgeklärte Christen mit ihm genauso, doch sollte sich das Buch nicht eigentlich an die „gebildeten Verächter“ der Religion richten, als gegen deren unreflektierten Apologeten? Und so richtig zum Angreifer taugt der aufrechte Protestant Urban am Ende auch nicht. Seine Anfragen sind zwar pointiert, ihnen fehlt aber eine Prise „heiligen Zorns“, die dem Disput gut getan hätte.

Als Disput zwischen Wissenschaft und (christlicher) Religion erscheint das Buch allzu konstruiert, zu sehr gewollt. Warum braucht es jetzt dieses Gespräch, warum mit den beiden? Gemessen an den großen Debatten und Disputen, die es innerhalb und außerhalb der Theologie mit und gegen die anderen Wissenschaften gegeben hat und bis heute gibt, ist das vorliegende Buch eher ein Dispütchen.

Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich bei dem Buch aber auch nicht um eine Einleitung in den (aktuellen) christlichen Glauben, die in ein Gespräch gegossen wurde. Einzig das angehängte Glosar von Martin Urban mit Cartoons von Oswald Huber wird dem gerecht. Hier wird es erstmals auch humorvoll. Humor ist es nämlich, was dem Gedankenaustausch der beiden Disputanten über weite Strecken abgeht. Das ist für mich auch der Hauptgrund, warum das Buch nicht mit anderen gleicher Machart mithalten kann.

Dem aufmerksamen Bibliophilen wird auch die wenig inspirierte Gestaltung des Büchleins auffallen. Den Einband zieren als Vertreter der Religion und der modernen Wissenschaften natürlich ein „Gott“ mit Rauschebart und ein Astronaut auf Moonwalk. Die Beiträge Urbans sind in serifenloser, die Schneiders in Serifenschrift abgedruckt. Moderne = Klarheit, Religion = altbacken?

Es ist trotzdem ein interessantes Buch, die Lesezeit ist nicht verschwendet. Ob es aber tatsächlich ein Debattenbeitrag auf Augenhöhe ist, das mag jeder Leser für sich selbst entscheiden. Ob man nach der Lektüre tatsächlich besser darüber Bescheid weiß, was man heute noch glauben kann? Eher nicht. Vielleicht wäre „worüber man heute mal wieder reden kann“ der bessere Titel gewesen.

 

Was man heute noch glauben kann? – Ein Disput
Nikolaus Schneider und Martin Urban
Gütersloher Verlagshaus, 2013
144 Seiten
16,99 €
Leseprobe

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