Besuch im ReLíGio-Museum in Telgte

Am letzten Wochenende besuchte ich das ReLiGio-Museum in Telgte. Ich war schon häufiger in Telgte, nur noch nie im Krippenmuseum, das seit 2011 ReLiGio heißt. Unser Museumsführer klärte uns darüber auf, dass der Name eine Zusammenführung von Region und Religion sei. Schließlich wäre nebst des Krippenmuseums auch das Heimathaus Münsterland im neuen Westfälischen Museum für religiöse Kultur aufgegangen.

Ein Museumsbesuch nach knapp vierstündiger Autofahrt quer durch Deutschland vermag nicht unbedingt zu Freudensprüngen animieren, jedoch war ich auf die Umsetzung  – d.h. das museale Konzept – sehr gespannt, denn wo gibt es schon ein Museum für die Religion. Und dann auch noch in Telgte, das mit Verlaub nun wirklich Provinz ist. Was passiert mit Religion, wenn sie im Museum ausgestellt wird? Was geschieht mit einem Museum, wenn es sich der Religion zuwendet?

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Von der Architektur des Museums und dem Bemühen auf Augenhöhe mit dem Zeitgeist der musealen Zunft zu kommen, war ich positiv überrascht. Da ist nichts mehr zu spüren von der Heimatstübchen-Atmossphäre mancher Provinz-Museen. Richtig toll ist die Ausstattung des Museums mit transportablen Sitzgelegenheiten. Diese sind leicht zu tragen (auch für ältere Zeitgenossen) und ermöglichen es, tatsächlich einmal länger an einem Ausstellungsobjekt zu verweilen. Ich mag Museen ganz und gar nicht, die auf derlei Annehmlichkeiten verzichten. Ich will mich auch mal hinsetzen, wenn ich ein Museum besuche und nicht stundenlang herumstehen.

Geführt wurden wir durch das Museum von einem freundlichen, älteren Herrn, der sich bemühte, uns „die kleinen Unterschiede“ zwischen den einzelnen Konfessionen und Religionen vor Augen zu führen. Damit unterschritt er den Anspruch, den das Museum an sich selbst stellt: Nicht nur „kleine Unterschiede“ der unterschiedlichen Frömmigkeiten, sondern religiöse Kultur abbilden und durchleuchten zu wollen. Dass mir die Führung nicht gefallen hat, kann aber auch daran liegen, dass ich mich am liebsten ohne Führung (aber nicht unbedingt alleine) durch ein Museum fräße.

Mit dem oben angesprochenen Selbstanspruch des Hauses, religiöse Kulturarbeit abbilden zu wollen, begann unsere Tour durch das ReLiGio. Das Foyer versammelt Objekte aus allen Hochreligionen, dazu aus Kulten und Modereligionen. Dank multimedialer Unterstützung kann man O-Töne von Menschen aus unterschiedlichen Religionen hören. Kleine Erläuterungstexte geben Auskunft. Im Wesentlichen werden an diesem ersten Tisch Schulwissen rund um die Religion aufgefrischt und die Sehgewohnheiten der Besucher in Frage gestellt. Denn hier ist eben nicht nur ein Kreuz zu sehen, sondern auch ein Moschee-Modell (der grandiosen Kölner Moschee), etc.. Hier merkt man dem Hause den neuen Gestaltungswillen als ReLiGio am stärksten an.

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Ein Stockwerk drüber erleben wir ein Menschenleben, von der Geburt bis zum Tode werden die religiösen Lebensbegleitrituale vorgestellt. Neben den christlichen auch die jüdischen, manchmal noch die islamischen, dann hört es aber leider schon auf. Die Gestaltung ist nicht übel, die „Wand des Todes“ und der dahinterliegende „Raum des Himmels“ sind sehr überzeugend gestaltet. Auf dem Weg dahin aber wird das Niveau nicht immer gehalten. Es müssen eben auch regionale Befindlichkeiten abgedeckt werden (Hochzeitskleider) und leider merkt man an jeder Ecke, dass wir uns in einer katholischen Region und noch dazu in einem Marienwallfahrtsort befinden. Allzu selbstverständlich geht auch der Museumsführer über das Wenige hinweg, was aus anderen Religionen und Konfessionen überhaupt noch ausgestellt wird. Das „Wir“ ist eben nicht römisch-katholisch, auch wenn er das noch zehnmal voraussetzt. Ich muss sagen, dass mir als Protestanten (noch dazu aus dem wilden Osten) manchmal recht ärgerlich zu Mute wurde.

Zwei Beispiele: Auch wenn die Jugendweihe ihren Ursprung nicht in der DDR hat, so muss doch die Tafel auch auf ihre Geschichte während der DDR eingehen und kann diese nicht einfach verschweigen. Die evangelische Konfirmation wurde auch nicht von Luther und einigen anderen Reformatoren mit ihm eingeführt. Im Gegenteil, Luther verwehrte sich gegen eine solche Ergänzung der Taufe. Es war gegen Luther Martin Bucer, der sich für die Konfirmation schon im 16. Jahrhundert stark machte. Durchzusetzen vermochte sie sich in ganz Deutschland aber erst im 18. Jahrhundert durch den Einfluss des Pietismus. Das, liebe Museumsmacher, kann man sogar in der Wikipedia nachlesen.

Die Engführung auf den münsterländischen volkstümlichen Katholizismus ist ein wenig enttäuschend, aber verständlich. Es heißt nunmal auch „Westfälisches Museum“. Hier sollte der interessierte Besucher eben nicht allzu viel Weltläufigkeit erwarten. Insgesamt fand ich diesen Teil der Ausstellung besser gelungen, als ich es von einem Museum in Telgte erwartet hatte, aber eben auch nicht so gut, dass es mich total umgehauen hätte.

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Noch ein Stockwerk drüber befindet sich eine kleine Auswahl der Krippenausstellung, die zu einer Art Weihnachtsschau zusammengestellt wurden. Das ganze obere Stockwerk beschäftigt sich mit diesem Fest der Christenheit. Dass man nach dem Durchgang durchs gesamte Menschenleben nun einen Austellungsraum gleicher Größe allein Weihnachten widmet, ist ganz sicher dem Zusammenschluss mit dem Krippenmuseum geschuldet. Es ist auch nicht gänzlich uninteressant, denn einige der Krippen sind schlichtweg beeindruckend. Ein Besuch zur „richtigen“ Krippenausstellung vom 17. November bis 1. Februar könnte sich daher richtig lohnen. Auch andere Ausstellungsobjekte (s.u.) stimmen nachdenklich, schön auch, dass ein alter Meister aus Dresden hier Platz findet.

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Zum Schluss unserer Führung besichtigten wir noch das Telgter Hungertuch, für das eigens neu angebaut wurde. Nun wird es in einem riesiegen Glaskasten präsentiert. Dieser Teil der Ausstellung ist wieder in sich schlüssig, auch durch die kleinen Stationen im Hintergrund des Tuchs, die sich auf einzelne Regionen Westfalens beziehen und dortige Frömmigkeitskulturen erläutern.

So müsste man meiner Meinung nach auch das Museum ehrlicher Weise nennen: Museum für Frömmigkeitskultur oder Volksglauben. Dann aber ist der Besuch des Museums ein Gewinn.

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