Was immer unzertrennlich bleibt – Predigt am Karfreitag 2014 in Halle-Diemitz

In der Nacht aber, nachdem Jesus vom Kreuz abgenommen war und in das Grab gelegt, waren sie im Hause Josephs von Arimathäa zusammen – Nikodemus, Maria, die Mutter Jesu und ihre Schwester, dazu Maria, die Frau des Klopas und Maria aus Magdala und der Jünger, den Jesus lieb hatte. Sie brachen das Brot in Trauer und tranken den Wein mit Tränen, auf dass erfüllt würde, was Jesus ihnen beim letzten Mahl sagte: „Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Und der Jünger, den Jesus lieb hatte, stand auf unter ihnen und sagte:  Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ob überhaupt etwas geredet werden muss. Er wusste, den richtigen Zeitpunkt, den richtigen Ton, das richtige Wort. Wie oft hat er in unsere Herzen gesprochen, wie als ob es nicht Menschenwort wäre, sondern von Gott? Als er mich rief, da folgte ich ihm. Bis unter das Kreuz bin ich ihm gefolgt, obwohl doch viele von uns sich davon machten. Ich durfte zu seiner Rechten sitzen, und alle wissen von seiner großen Liebe zu mir. Doch ich will mich ihrer nicht rühmen, denn heute auf der Hinrichtungsstätte hatte ich Angst und dankte Gott in meinem Herzen, dass ich nicht zu seiner Rechten ans Kreuz geschlagen wurde. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, doch seine Worte klingen mir in den Ohren, dass es schmerzt. Dort jubeln sie und spotten ihm, denen er den Kampf angesagt hatte. Er aber sagt: Es ist vollbracht. Ist es das? War es das? Als er mich rief, wusste ich zum ersten Mal, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Doch sind mit ihm meine Träume gekreuzigt und begraben wurden.

Am Abend mancher Tage – da stimmt die Welt nicht mehr
Irgendetwas ist zerbrochen, wiegt so schwer.
Und man kann das nicht begreifen
Will nichts mehr sehn
Und doch muß man weitergehn

Am Abend mancher Tage – da wirft man alles hin
Nun scheint alles, was gewesen, ohne Sinn
Und man läßt sich einfach treiben
Starrt an die Wand
Nirgendwo ist festes Land

 

Nachdem er geendet hatte, erhob sich Nikodemus, der ein Schriftgelehrter und ein Führer der Juden war, und erhob sein Glas: Ich kam zu ihm in der Nacht, wie ich auch in euren Kreis komme. Damals kam ich aus Neugier von den Palästen der Mächtigen unseres Volkes und von den Gebetshäusern, die mir Heimat waren. Heute bin ich bei Euch, weil ich in diese Häuser nicht zurückkehren kann. Damals war ich mir sicher, dass er von Gott gesendet war. Er aber sagte mir: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Was ich in ihm sehen wollte, das verwehrte er mir. Durch seine Worte und Taten zertrümmerte er die Paläste der Macht und des Reichtums und schleifte die Gebetshäuser. Er machte mich zum Obdachlosen, obwohl ich doch in den schönsten Häusern verkehrte. Durch Wasser und Wein. Durch Leben und Tod. Er aber sagt: Es ist vollbracht. Das Reich Gottes kennt keine Paläste und keine schäbigen Hütten. Es ist nur ein Haus. Das Reich Gottes kennt keine Führer und Mächtigen, sondern Brüder und Schwestern. Das Reich Gottes kennt keinen Sieger. Es ist angefüllt mit Menschen, die füreinander Sorge tragen, die mitleiden, die bereit sind, ihr Leben zu geben.

Jeder Tag ist offen wie ein Krug
und am Morgen leer, daß man ihn füllt
hat man ihn am Abend voll genug
wird der Durst der Träume gestillt

einer schenkt Wasser
einer schenkt Wein
tagtäglich sich ein

jeder Tag hat Fragen
die woll´n Antwort
jeden Morgen neu wenn man sich regt
und die Antwort sei, dass man vorm Spiegel
abends nicht die Augen niederschlägt

 

Als Nikodemus geendet hatte, nahm er den Kelch und trank im Gedächtnis. Nun aber sprach Maria, die Mutter Jesu: Ich gab ihm sein Leben und ich liebte ihn. Keine Mutter sollte ihren Sohn sterben sehen. Ich war bei ihm, obwohl ich ihn nicht verstand. Er schob mich fort, weil er eine neue Familie gefunden hatte. Keinen Vater wollte er mehr haben, als seinen Vater im Himmel, keine Mutter, als jedes Mädchen, das er auf der Straße traf, keine Brüder, als die, mit denen er fortzog. Mich schmerzt das. In den Augen seines Vaters im Himmel fühlte er sich frei. Der Mensch ist mehr als nur das, was sein Vater und seine Mutter, seine Geschwister an ihm sehen. Ich wollte ihm noch so viel Liebe geben. Eine Mutter lehrt das Kind, Liebe zu empfangen und zu geben. Ich sehe Euch an und sehe Eure Trauer, er muss viel Liebe in sich getragen haben. Auch zu mir, ich weiß das. Trotzdem hat er mich verlassen, damals und heute als sie ihn an das Kreuz schlugen. Er aber sagt: Es ist vollbracht. Das Reich Gottes kennt keine Väter und Mütter, und Lehrer und Meister. Wenn Liebe Liebe ist, dann sprengt sie die Ketten, die Menschen aneinanderbinden und sich in das Fleisch schneiden und schmiedet sie neu auch unter Fremden.

Ich schulde Dir noch viele, noch viele gute Worte,
die blieben unbenutzt im Lauf der Zeit.
Ich hätte Dir so vieles, so vieles noch zu sagen,
was uns nicht wieder endlos weit entzweit.

Ich schulde Dir noch viele, noch viele lange Tage,
um einzulösen, was ich Dir versprach.
Die wirklich großen Feste, die Feste unsres Lebens,
die liegen doch noch ungenutzt und brach.

Ich schulde Dir noch viele, noch viele helle Nächte,
die wie Oasen für uns beide sind.
Wo wir im Dunkel uns nicht mehr verlieren,
im Schlafe unsre große Zeit verrint.

Ich schulde Dir viel Mut noch, viel Mut noch und viel Freude,
ich bin Dir näher schon ein großes Stück.
Und kehre nicht erst morgen, nicht morgen sondern heut,
zu Dir mit Schulden, doch mit Mut zurück.

 

Joseph aus Arimathäa stand nun auf und sagte: Ich bin ein Fremder unter Euch. Er hatte auch mich lieb, obwohl ich niemanden etwas davon sagte, dass ich ihm folgte. Meine Angst alles zu verlieren was mir lieb und teuer ist: meine Ehre, meinen Beruf, mein Hab und Gut – war zu groß, als dass ich mich traute, ihn auf der Straße als meinen Freund zu grüßen. Er wusste, wie sehr ich an meinem Leben hing. Ich fragte Ihn: Hast Du nicht auch Angst vorm Alleinesein? Er antworte mir: „Ich bin nicht allein, denn mein Vater im Himmel ist bei mir.“ Ich möchte auch einmal so fest glauben. Einmal so radikal sein wie er. Einmal die Welt Welt sein und mich ganz fallen lassen. Er aber sagt: Es ist vollbracht. Und ich ging, nachdem ich ihn am Kreuz sterben sah, und erbat vor aller Welt bei Pilatus seinen Leichnam und bereitete ihm ein Grab.

Und niemals werden wir ergründen,
die Gründe unserer Einsamkeit.
Wir werden immer wieder trennen,
was immer unzertrennlich bleibt.

Ich halte dein Gesicht im Dunkeln,
damit es mir nicht ganz zerfließt.
Du bist so uferlos versunken,
das Meerestiefe dich umschließt.

Wo gehst du hin in deinen Träumen,
in diesem schwarzen Augenblick.
Verloren bin ich in den Räumen,
und bleibe ohne dich zurück.

Liebe Gemeinde,

Jesus von Nazareth wollte nicht sterben. Er wollte leben. Leben im Reich Gottes. Wer wie er am Reich Gottes baut, der reißt die Gebäude unserer Welt ein: die Familien, politische und wirtschaftliche Macht  und unser eigenes Denken.

Wer wie Jesus am Reich Gottes baut, der stellt all das in Frage. Wer wie Jesus erkannt hat, dass wenn das Reich Gottes kommt, keiner Macht über einen anderen haben kann. Wer wie Jesus erkannt hat, dass das Reich Gottes nur Reich Gottes sein kann, wenn es niemanden ausschließt. Wer das wie Jesus erkannt hat, dem bleibt nur ein Weg übrig: Sich verantwortlich zu erklären für das eigene Leben und das Leben des Nächsten. Zu erkennen, dass ich als Mensch nur dann leben kann, wenn auch mein Nachbar, die Menschen in unserem Land und auf unserem Kontinent und noch jedes Wesen an den Enden der Welt es auch können.

Dieser Weg führt nicht zwingend an den Galgen oder in die Todeszellen der Erde, wenn er es auch in unseren Tagen noch immer tut. Aber dieser Weg führt in die Traurigkeit und lässt zweifeln. Denn wer seine Verantwortung annimmt, der sieht auch, dass er ihr nicht gerecht wird – gerecht werden kann – jeden Tag unseres Lebens.

Trauer und Verzweiflung – so beschreiben es die alten Geschichten vom Tode Jesu von Nazareths – ergriffen auch die Menschen, die er angerührt hatte, seine Geschwister im Reich Gottes. Ihre Enttäuschung über das Scheitern Jesu wischen wir heute gerne bei Seite. Vielleicht sind drei Tage im April 2014 auch zu kurz, um nicht schon an Ostern, an den Triumph der Auferstehung, zu denken?

Aber die Enttäuschung der Geschwister lehrt uns etwas, das wir immer wieder vergessen. Jesus von Nazareth war davon überzeugt, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, hier auf dieser Welt. Auch die Auferstehung ist nicht einfach Trost, dass Gott dereinst oder nach unserem Leben auf dieser Welt sein Reich aufrichtet. Die Enttäuschung der Geschwister erinnert uns daran, dass Jesus das Reich Gottes auf dieser Welt wollte und seine Geschwister wirklich an sein Kommen glaubten. Sie erinnert uns daran, dass das Reich Gottes auf dieser Welt kommen soll und daran, dass es Jesu Auftrag an seine Geschwister ist, es aufzubauen.

Nach Jesu Tod Worte zu finden und etwas, das man tun kann, fällt den Geschwistern Jesu bis heute schwer. Er ist es ja wirklich, der die richtigen Worte zur richtigen Zeit findet. Aber wir sollten auch nicht zu viel verlangen. Was zu sagen und zu tun war, das ist gesagt und getan worden. Es ist vollbracht. „Bau am Reich Gottes!“, das kann deinem Leben auch heute eine Richtung und einen Sinn geben. Und verzweifle nicht daran, dass zu diesem Weg nicht nur das Morgenlicht der Auferstehung, sondern auch das Dunkel der Nacht gehört. Durch Wasser und Wein.

Ich habe oft genug gewartet,
das sich dein Blick aufs neu erhob.
Von all den fernen Spiegelbildern,
bis in die Nähe meiner Not.

Und niemals werden wir ergründen,
die Gründe unserer Einsamkeit.
Wir werden immer wieder trennen,
was immer unzertrennlich bleibt.

Amen.


Die Predigt wurde zu Karfreitag, am 18. April 2014, im Gottesdienst in Halle-Diemitz gehalten. Die Lieder der Geschwister sind im Original Lieder der Band LIFT. Texte hier.

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