Rezension – „Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“ von Rolf Bauerdick

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Kann man über Zigeuner ungezwungen reden, muss man es gar? Und darf man sie dabei Zigeuner nennen? Das Schicksal der größten europäischen Minderheit, die unter verschiedenen Selbst- und Fremdbenennungen in allen Ländern des Kontinents lebt, bleibt verborgen. Nicht hinzuschauen ist gewohnte Übung der Mehrheitsgesellschaft. Wie ich an anderer Stelle erst vor Kurzem geschrieben habe, wird sich das Schicksal Europas auch am Umgang mit seinen Minderheiten entscheiden. Dafür ist ein genauer Blick auf das Leben der Roma nötig.

Kontroverse

Als im Jahr 2013 das Buch „Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“ von Rolf Bauerdick in der Deutschen Verlags-Anstalt erschien, erntete es neben wohlwollender Kenntnisnahme und Lob auch zahlreiche kontroverse Kritik. Seit Oktober 2015 liegt es als Taschenbuchausgabe beim Pantheon-Verlag vor.

Die Kritik am Buch machte sich u.a. an der Verwendung des Begriffs Zigeuner schon im Titel und im weiteren Verlauf des Buches fest. Darf man das sagen? Der Autor selbst geht der Debatte um die korrekte Bezeichnung der sich aus unterschiedlichen Stämmen und Gruppen zusammensetzenden Minderheit in einem Kapitel des Buches ausführlich – wenn auch nicht unparteiisch – nach. Wer sich beim Lesen des Buches nicht dauerhaft an der Verwendung des belasteten Begriffs stören will, sollte also das 8. Kapitel vorziehen. Dann muss man dem Autor immer noch nicht zustimmen, versteht seine Motivation aber besser. Jedenfalls sollte man sich die nutzbringende Lektüre davon nicht verderben lassen.

Denn entgegen mancher Anwürfe weiß auch der Autor: Einen Rom, Sinto oder Kalé gegen seinen Wunsch als Zigeuner zu bezeichnen, widerspricht dem menschlichen Anstand. Doch Zigeuner, die sich weder als Sinti noch als Roma verstehen unter diesem stehenden Begriffspärchen zusammenzufassen, erscheint einigen von ihnen selbst als beleidigend. Das kann man auch nicht einfach mit dem Hinweis auf den zweifelsohne richtigen Fakt, dass die allermeisten Roma die Bezeichnung Zigeuner ablehnen, vom Tisch wischen. Empathisches Vorgehen beinhaltet genaues Zuhören auf das konkrete Gegenüber.

Political Correctness

Den Vorwurf, in seinem als Reportageband angelegten Buch in den Duktus eines Kulturkämpfers gegen die political correctness abzudriften, musste sich Bauerdick von einigen Rezensenten, vor allem aus dem Umfeld des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, gefallen lassen. Ein gewisses Ungeschick Bauerdicks, den ursprünglich von der Neuen Rechten eingeführten Kampfbegriff political correctness recht unreflektiert anzuwenden, lässt sich nicht verleugnen.

Überzeugend jedoch sein durch Alltagserfahrungen mit den Zigeunern genährtes Plädoyer dafür, mit ihnen statt über sie zu sprechen. Allzu häufig verbleibt die Diskussion eben im zwar sprachlich sensiblen aber auch akademisch sterilen Gespräch über die Roma. So beklagt der kürzlich verstorbene Aktivist Rupert Neudeck in seinem Nachwort zurecht, dass „die Schlachten weiter im ideologischen Überbau, wie die Marxisten gesagt hätten, [geführt werden], ohne dass die Roma irgendeinen Nutzen davon haben.“

Gegen den „Überbau“ zu Felde zieht Bauerdick in einigen Kapiteln des Buches, die für Leser schwierig in einem doppelten Sinne sind. Erstens fällt die Orientierung im Bauerdickschen Personaltableau seiner Gegner und Helden schwer, wenn sie vorher gänzlich unbekannt waren. Zweitens möchte man sich als vorsichtiger Leser von mancher rhetorischen Spitze lieber erst einmal distanzieren. Man muss sich in Bauerdicks Auseinandersetzung mit seinen Opponenten nicht positionieren, auch wenn der Autor natürlich nichts dagegen hätte, würde man in seine Kritik, z.B. am Zentralrat der Sinti und Roma, aus vollem Herzen einstimmen.

Bauerdick geht höchst subjektiv vor. Gerade wenn es um die deutsche Debatte geht, kann es sicher nicht schaden, nach der Lektüre oder begleitend auch die andere Seite kennenzulernen. Die Artikel, die vom Reportagestil in den Streitschriftcharakter abdriften, gehören auch sprachlich nicht zu den wertvollsten Kapiteln des Buches – wer unter Dampf schreibt, der rollt auch sprachlich mal übers Ziel hinaus. Seine Stärke hat es in den Erzählungen aus dem wahren Leben der Roma Europas.

Bevor ich mich diesen Kapiteln zuwende, muss aber an dieser Stelle noch abschließend etwas zum Vorwurf gesagt werden, Bauerdick würde rassistische Stereotype bedienen. Am Ende muss jeder Leser für sich selbst entscheiden, ob er es als rassistisch empfindet, wenn Bauerdick auf Eigenheiten der unterschiedlichen Zigeunervölker eingeht. An keiner Stelle des Buches begründet Bauerdick diese Eigenheiten jedoch als biologisch oder „rassisch“ determiniert, sondern erklärt sie nicht zuletzt durch die jahrhundertelang andauernde Geschichte der Unterdrückung der Roma in Europa. Dass Völker sich unter und mit ihrer Geschichte verändern, ist eine Binse und auch vom Kulturrassismus der der Neuen Rechten weit entfernt. Prüft alles, und das Gute behaltet.

Das volle Leben

Seine ungemeine Stärke hat das Buch in den Schilderungen der Begegnungen des Autors mit den Zigeunern vieler europäischer Länder und in den (Nach-)Erzählungen der Geschichten, die er auf seinen zahlreichen Reisen durch Europa und zu den Roma, Kalderasch, Sinti und Gitano aufgesammelt hat. Diese vermag Bauerdick in einer lebendigen, süffig zu lesenden Sprache aufzuschreiben. Das Buch ist keine trockene, sich dahin schleppende Lektüre, wie wir sie von Sachbüchern häufig gewohnt sind.

In diesen Kapiteln blüht das ganze, volle Leben der Roma in allen Facetten auf. Getragen sind sie von der Liebe des Autors zu ihnen und ihren Kulturen, die man ihm natürlich als Romantisierung auslegen oder als Distanzverlust kritisieren kann. Doch schreibt Bauerdick gleich zu Beginn, dass er eben als Gast bei den Zigeunern war, als teilnehmender Beobachter, nicht als kühler Analyst.

Die Schilderungen gerade des Alltags der Roma in Rumänien decken sich mit meinem eigenen, bescheidenen Erfahrungs- und Wissensstand aus einigen Reisen nach Rumänien in meinen Kinder- und Jugendjahren, zuletzt als junger Student. Beides, das theoretische Wissen und die reale Erfahrung, bringt Bauerdick gegeneinander in Stellung, was sicherlich nicht immer zielführend ist, aber seine Art der Gegenwehr zum Überhang der akademischen Rede über die Roma. Er nimmt für sich in Anspruch, zu und mit den Zigeunern gegangen zu sein, was ihn von den allermeisten Journalisten und Wissenschaflern nach eigener Aussage unterscheidet.

Ganz sicher aber ist Folgendes: Wie es um die Roma gerade in Osteuropa, auf dem Balkan oder in Bulgarien und Rumänien tatsächlich steht, dass erfährt man wohl nur durch genaues Hinsehen, zu dem der unverstellte Blick auch auf das Elend und die Abgründe ihres Lebens zwingend dazugehört. Dieser Blick ist nicht selten eine Zumutung, vor allem wenn der Autor sich über Kapitel hinweg mit der „Zigeunerkriminalität“ in Ungarn oder dem Menschenhandel im Prostitutionsgeschäft in deutschen Großstädten befasst. Doch beides gehört, genauso wie das Schicksal der Romakinder auf den Müllkippen Rumäniens, zu einem realistischen Bild des Lebens der Roma Europas.

Begegnung auf Augenhöhe

Zu diesem realistischen Bild gehören immer wieder auch plastische Schilderungen und Anekdoten zur Volksfrömmigkeit der Sinti und Roma, die zwischen Magie und Katholizismus changiert. Auch auf den Einbruch pfingstlerischer Kirchen in die Volksgruppen und seine erstaunlichen Konsequenzen geht der Autor ein. Dass ihre einzigartige Kultur schwindet, hat viel mit Säkularisierung zu tun. Diejenigen, die durch Bildung und Erfolg „über den Rand“ ihres Clans oder Volkes hinauswachsen, verlieren nicht selten die Bindung zur althergebrachten Kultur aus Gesang, Zauber und Religion. Und die im Elend versinkenden Roma und Tsigani wissen häufig nicht mehr um ihre Sprache, Geschichte und Frömmigkeit.

Immer begegnet der Autor den Zigeunern auf Augenhöhe, was schon mehr ist, als man von der Mehrheitsgesellschaft gemeinhin sagen kann. Er zwingt uns Lesern diesen Blick auf, der eben auch beinhaltet, die Roma als selbstbewusste und selbstverantwortliche Menschen wahrzunehmen. Dies bedeutet keine Negierung der Verbrechen an den Sinti und Roma und keine Verharmlosung ihrer Ausgrenzung und Benachteiligung heute, sondern eine notwendige Ergänzung, die auszulassen nur bedeutete, ihr Elend und ihre Ausgrenzung zu perpetuieren.

Denn die bessere Zukunft der Roma in Europa macht sich nicht nur an weiteren und intensiveren Hilfen der Mehrheitsgesellschaft fest, sondern auch daran, dass sie selbst Verantwortung für ihre persönliche Zukunft, die ihrer Kinder und ihres Volkes übernehmen.

Das klingt hart, vor allem weil Bauerdick diese Forderung natürlicherweise als Aussenstehender an die Roma heranträgt – als Gadsche. Diese Bezeichnung für Nichtzigeuner ist ebenso schillernd wie die Selbst- oder Fremdbezeichnung als Zigeuner. Denn Gadsche kann einfach Bauer, aber eben auch Dummkopf oder Feind bedeuten.

Fazit

Ein Dummkopf ist Bauerdick nicht, auch wenn er sich in manchem Kampfesgeäst ein wenig versteigt. Ein Feind der Zigeuner ist er erst recht nicht – kein aufmerksamer Leser dieses Buches kann ihr Feind werden oder bleiben –, sondern ihr großer Freund und Liebhaber. Als solcher mutet er ihnen und uns auch die Schattenseiten ihres Lebens in Europa zu, darin nimmt er alle als unbedingte Gegenüber war, die nicht nur aneinander berechtigte Forderungen stellen, sondern auch von sich selbst zu fordern haben.

Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich um Europa sorgen und kümmern, die am Schicksal von Minderheiten Anteil nehmen und die den Blick von den Roma in unseren Fußgängerzonen und an den Rändern unserer europäischen Gesellschaft nicht länger abwenden wollen. Es reicht nicht, die Roma einfach nur von außen zu betrachten – man muss ihnen schon in die Augen schauen.

(Mir wurde vom Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt.)


Zigeuner
Begegnungen mit einem ungeliebten Volk
Rolf Bauerdick
22,99 € (gebunden, DVA)
14,99 € (Taschenbuch, Pantheon-Ausgabe)
Link zur Verlagshomepage

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