Unter Heiden (16): Fastenbrechen

Zwischen Wohnblocks hat in Halle-Neustadt das Islamische Kulturcenter eine Heimat gefunden. Früher befanden sich hier wohl eine HO-Gaststätte und Läden, heute wird zum Gebet, zum Koranunterricht, zum gemeinsamen Feiern und Essen eingeladen.

Gemeinsam mit anderen christlichen und konfessionsfreien jungen Männern war ich während des Ramadan an einem Donnerstagabend zu Gast im Islamischen Kulturcenter. Wir wurden von Alaa Moustafa, einem promovierten Germanisten ägyptischer Herkunft, durch die Räumlichkeiten geführt, durften dem abendlichen Gebet beiwohnen und wurden anschließend köstlich verköstigt.

Rundgang

Beim Rundgang durch die Räumlichkeiten wird deutlich, hier versuchen Menschen es sich gemütlich zu machen. Das wird klar, obwohl die Ausstattung ihre besten Zeiten schon hinter sich hat: alte Tafeln und genau jene Stühle und Tische, die ich von meiner Schulzeit her kenne.

Es sich gemütlich machen, das ist schwer genug, denn die Gemeinde ist durch den Zuzug vieler Glaubensgeschwister herausgefordert. Deshalb wurde ein Sport- und Gemeinschaftsraum zum Gebetsraum umfunktioniert, dienen die Unterrichtsräume am Freitag als Erweiterungen des eigentlichen Gottesdienstraumes. Eigentlich reicht der Platz schon lange nicht mehr, schon an unserem Donnerstagabend ist das Haus proppevoll.

Vor allem sind es junge Männer, die an diesem Abend zum Gebet und Fastenbrechen kommen. Die Frauen und Mädchen feiern zu Hause mit Familienanschluss. Hierher kommen vor allem die, die keine Familie haben, mit denen sie am Abend essen und feiern können. Für sie wurde gekocht. Rund zweihundert Mahlzeiten, freitags noch mehr, werden ehrenamtlich zubereitet.

Finanziert wird das gesamte Gemeindeleben aus freiwilligen Abgaben der Gemeindeglieder (Zakāt). Für diese „Kollekte“ gibt es mehrsprachig beschriftete Briefkästen, die als „Opferstöcke“ fungieren. Die Zakāt ist eine der fünf Säulen des Islam, hier erscheint sie sowohl als praktische Notwendigkeit als auch als sichtbare Solidarität. Einer der Briefkästen ist den Spenden für das abendliche Fastenbrechen gewidmet.

Auf der überall gegenwärtigen Auslegware sind Streifen aus Gaffa-Tape aufgeklebt, manchmal sind auch nur dünn gezeichnete Linien zu sehen. Sie zeigen den Betenden an, in welche Richtung – gen Mekka – man sich zum Gebet zu positionieren hat.

Als wir ankommen, ein Stündchen vor dem Abendgebet, herrscht bereits reges Treiben rund um die Küche, vor dem Haus und im Erdgeschoss. In der oberen Etage befindet sich der Gebetsraum. Jetzt ist hier noch wenig los und es ist ruhig, ein paar Männer – alt und jung – lümmeln herum oder dämmern vor sich hin, zwei oder drei studieren den Koran. In der Ecke befindet sich eine improvisierte Minbar.

Wir setzen uns ein paar Minuten im Kreis auf den weichen Teppich. Obwohl wir alle Abitur haben und daher doch entweder im Religions- oder Ethikunterricht die grundlegenden Fakten rund um den Islam gelernt haben sollten, gibt es viele Fragen. Wenn schon Minbar, wer predigt und wann und wie lange? Wie läuft das Gebet ab, wie lautet die Liturgie?

Alaa erklärt uns, dass der Kreis der Diskutanten, nicht unähnlich unserer Runde, der eigentliche Zweck dieses Raumes ist, wenn gerade kein Gebet stattfindet. Sich zusammenzusetzen und über Gott und die Welt zu reden, beides miteinander ins Gespräch zu bringen, zu theologisieren – das sei eine Freude, dazu kommen die Männer hier zu zusammen.

Und mir ist das sofort einsichtig. Mir kommt es vor wie ein Snoezelen-Raum für Erwachsene. Nachdem wir später das Gebet verfolgt haben, sitzen ein katholischer Theologiestudent und ich noch eine Weile auf dem weichen Teppich, an die Wand gelehnt. So lässt sich leichter ins Gespräch kommen, als auf einer kalten, harten Kirchenbank.

Gebet

Wir Gäste sitzen an der kurzen Wand eines langgestreckten, rechteckigen Raumes, an die kühle Wand gelehnt – in Halle hat es heute sommerlich knackige 30°. Auch jetzt in den frühen Abendstunden ist die Hitze des Tages noch spürbar und von uns jedenfalls nicht abgefallen.

Der Raum füllt sich schnell. Vor ein paar Minuten ist der Gebetsruf erklungen, jetzt wird nicht getrödelt. Auf mich wirkt es so, als ob jeder seinen Platz wüsste. Entlang der Linien stellen sich die Männer auf – junge und alte -, dazwischen ab und zu ein kleiner Junge, der mit dem Vater oder großen Bruder gekommen ist. Drei Mal wiederholen die Männer die Gebetsliturgie, sie stehen auf, setzten sich auf die Fersen, knien und stehen wieder auf. Es ist still. Einer betet vor, die anderen murmeln oder flüstern nach. Bei manchen bewegen sich nur die Lippen. Die Augen sind geschlossen.

Ich werde abgelenkt. In der Reihe vor mir steht ein Hüne von einem Mann. Locker über zwei Meter hochgeschossen, stämmig, dunkle Hautfarbe. Jetzt mit geschlossenen Augen und konzentrierter Haltung trägt er ein sanftmütiges Gesicht. Mir kommt in den Sinn, dass er genau dem Bild des „Ausländers“ entspricht, vor dem hier viele im Dunkeln Angst haben. Wenn sie ihn jetzt sehen könnten.

Neben ihm steht ein anderer junger Mann. Er stammt vom Balkan, neben dem großen Afrikaner sieht er winzig aus. Beide heben im Rythmus die Hände, manchmal wischen sie Schweißperlen aus dem Augenwinkel, sie knien, sie stehen wieder. Neben ihnen ein kleiner Junge, keine zehn Jahre alt, konzentriert folgt er den Bewegungen, auch seine Lippen sprechen das Gebet leise mit.

Keine zehn Minuten vergehen, dann ist das Gebet vorbei. Wer zu spät gekommen ist, der betet noch nach, bis auch er auf die drei Durchgänge gekommen ist. Die anderen gehen leise an ihnen vorbei zum Essen. Nicht vor den Betenden, das macht man nicht.

Ich denke mir: Nach-beten, das ist doch mal was. Mich beeindruckt die Menge der jungen und alten Männer, vielleicht einhundert von ihnen. Sie alle folgen selbstverständlich einer alten Liturgie. Sie wissen wie es geht, sie sind ruhig, sie genießen die Zeit, die sich vom Rest des Tages so sehr unterscheidet.

Ich denke unweigerlich an den Konfirmandenunterricht, an Taizé-Gebete und an die Andachten, die in unserer neuen Gemeinde in Eisleben gefeiert werden. Sind sich unsere Konfirmanden der Liturgie ihres Glaubenslebens so sicher wie diese jungen Menschen? Enthalten wir ihnen nicht einen riesigen Schatz vor, wenn wir knapp vor der Konfirmation spaßbefreit auf das Auswendiglernen von Vaterunser und Glaubensbekenntnis pochen? Wo ist denn der Sitz im Leben für eine einhellige Glaubenspraxis gerade junger Männer bei uns?

Darum dreht sich unser Gespräch, als wir noch eine kleine Weile im Gebetsraum sitzen bleiben. Ein kleiner Junge, noch zu jung um am Gebet teilzunehmen, hat das Gebet in unserer Nähe verbracht. Das Gebet wird mit dem Gruß nach rechts und links beendet, danach begrüßt man sich. Der Kleine ist schüchtern, ob er auch uns die Hand geben soll. Nach ein paar Minuten kehrt er mit seinem Vater zurück. Sie stellen sich vor, wir grüßen uns.

Die Ruhe und gegenseitige Rücksichtnahme erinnert mich an Taizé-Gebete. Hier wird nicht gesungen, doch das gemurmelte Gebet hat seine eigene Melodie. Ähnlich auch der Respekt vor der Form und voreinander. Und das gemeinsame Essen nach der Andacht gehört auch in Eisleben und anderswo dazu, Brotbrechen. Das haben wir doch auch.

Essen

Trotz aller unserer Beteuerungen, uns würde das „Normalprogramm“ gerade so gut passen wie allen anderen auch, bittet man uns in einen Nebenraum. Das Abendessen wartet schon auf uns. Man hatte schon vor dem Gebet aufgetischt, ohne die Erwartung, wir würden auf nach dem Gebet warten. Schließlich wären wir nicht an das Fasten gebunden. Stimmt. Doch die Höflichkeit zeigte an, dass wir mit dem Essen gerade so lange warteten wie alle anderen auch.

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Bis zu zweihundert Mahlzeiten werden während des Ramadan täglich bereitet.

Nun sitzen wir hier: an Tischen, es schmeckt sehr gut, wir werden satt. Alaa spricht mit uns, beantwortet Fragen, die sich nach dem Gebet ergeben haben. Es geht auch um seine Heimat Ägypten. Seine Schilderungen sind eindrücklich, sie decken sich nicht mit dem, was wir in den Zeitungen und Nachrichten lesen und hören. Es geht auch wieder um die Religion.

Ich beobachte, dass er auf Fragen nach konkreten theologischen Erklärungen häufig mit Erzählungen aus dem Leben des Propheten Mohammed antwortet. Das ist narrative Theologie, denke ich. Er gibt uns kaum systematische Erläuterungen, was wir bekommen sind Geschichten, die von ihm allegorisch ausgelegt werden.

Der Islam sei „reine, vernünftige Religion“ und dafür da, dem Gläubigen in seinem Alltag Ratschläge zum guten Leben zu geben. „Der Islam ist nicht kompliziert.“ Mir fällt auf, dass es für jede Regel auch eine hübsche Umgehung und einen Ersatz gibt. Das erinnert mich an das Judentum. Beide Religionen scheinen mir recht praktisch zu sein. Was Du nicht leisten kannst, das kannst Du auf anderem Wege besorgen. Der Wille zählt. Das hat mit katholischer Werkgerechtigkeit und mit protestantischem Rigorismus gar nichts zu tun.

Ich frage, ob die Gläubigen aus unterschiedlichen Regionen, Ländern und Konfessionen des Islam hier gut miteinander auskommen? Das sei gar kein Problem, erklärt Alaa. Von vielen seiner Brüder wüsste er nicht einmal, ob sie Schiiten oder Sunniten seien. Sie seien allesamt froh, hier einen Ort zum gemeinsamen Gebet und für das Lernen, Feiern und Essen gefunden zu haben.

Eigene Würde

Wir verabschieden uns, ziehen die Schühchen wieder an, danken, schütteln vor dem Haus Hände. Es ist wirklich viel zu eng. Nicht in diesem Land, aber diesen Gottessuchern in ihrem Haus. Ein Nachbarhaus soll – so Gott will – hinzugemietet werden.

Was mich an diesen Männern, den jungen allzumal, beeindruckt hat, ist ihre Ruhe und der Respekt den sie dem Hause entgegen bringen. Alles Ding hat hier seine Würde: die Kanne mit dem gesüßten Tee, die Essenstabletts, die Briefkästen für die Zakāt. Und diese Würde wird von allen anerkannt, geschätzt und erhalten.

Vielleicht übertreibe ich auch? Das frage ich mich jetzt mit ein paar Wochen Abstand. Jedenfalls fand ich den Kontrast zu dem riesig, was ich gerade unter jungen Männern meines Alters erlebe. Wir waren jedenfalls dort und haben zugesehen und beobachtet. Mir scheint es, wenn man Menschen beobachtet, die einander und den Dingen, die sie umgeben, Respekt entgegen bringen, dann empfindet man diesen Dingen und ihnen gegenüber auch Respekt.


Dieses Unter Heiden wurde zuerst im Rahmen des Themenmonats „Islam und Theologie“ auf theologiestudierende.de veröffentlicht.

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