Links unter Heiden (5)

| 1 Kommentar

Seit 2013 schreibe ich Unter Heiden über Ostdeutschland. Einmal im Monat Mal so mal so erscheint die Kolumne bei theologiestudierende.de (und etwas später hier auf dem Blog). Aber natürlich gibt es noch viel mehr über Ostdeutschland zu lesen. Deshalb möchte ich hier einmal im Monat unregelmäßig Leseempfehlungen aufschreiben: Links unter Heiden.

unterheiden_artikelbild560x220

Liste der Kandidaten für den neuen Rat der EKD
Auf theologiestudierende.de habe ich darüber geschrieben, dass unter den Kandidaten für den neuen Rat der EKD (Wahl am 10. November) weder junge noch alte Menschen zu finden sind, sondern dass die EKD wohl vor allem (weiterhin) von unseren Müttern und Vätern geleitet werden wird. Im Nachgang hat mich Ingo Dachwitz (der jüngste Kandidat, @Indiego3000) auf Twitter darauf aufmerksam gemacht, dass auch die Gruppe der „Ossis“ nicht repräsentiert wird. Zwar sind auf der Liste ein paar Menschen zu finden, die in Berlin leben und mit Johann Michael Möller (Hörfunkdirektor MDR) und Bischof Dröge (EKBO) auch zwei Personen, die ihren Arbeits- (und Lebens-)Mittelpunkt in Ostdeutschland haben, doch keine(r) der Kandidat(innen) stammt aus dem Osten.

Das ist mir gar nicht aufgefallen, was entweder als weiteres Fortschreiten der gesamtdeutschen Normalität zu deuten wäre oder als Betriebsblindheit, die sich vor allem aus meiner Empörung ob der Ignoranz alter und junger Menschen gegenüber speist. Allerdings stellt die Nichtbeachtung des Ostens anders als die wenig ausgewogene Altersverteilung der Kandidaten für die Wahl ein Problem dar. Jedenfalls, wenn man die Maßstäbe der Grundordnung der EKD anlegt. Diese schreibt nämlich vor, dass die Kandidatenliste „die bekenntnismäßige und landschaftliche Gliederung der Evangelischen Kirche in Deutschland berücksichtigen“ soll. Sollte damit auch die Beachtung des Ostens jenseits der Hauptstadt gemeint sein, scheitert der Wahlvorschlag deutlich an dieser selbstgestellten Hürde.

Synoden-Präses Irmgard Schwaetzer lobte den Wahlvorschlag vor gut einem Monat: „Wir freuen uns sehr, dass wir 23 engagierte Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen für die Kandidatur gewinnen konnten, so kann in der Arbeit des Rates die Breite der evangelischen Traditionen ebenso Ausdruck finden wie die unterschiedlichen Lebenserfahrungen, die die Ratsmitglieder in die Beratungen eintragen.“

Nun gut, dann sind damit anscheinend nicht die evangelische Tradition im Osten, die sich ja bis heute u.a. aus der DDR-Erfahrung speist, oder die spezifischen Lebenserfahrungen von Menschen aus dem Osten, die sie unter den Bedingungen einer Diktatur oder aus ihrem Durchleben der schwierigen 90er-Jahre gewonnen haben, gemeint.

Sowohl Bischof Dröge als auch Möller haben ihren 60. Geburtstag schon gefeiert. Sie gehören damit in eine Demographie, die den Kandidatenvorschlag übermäßig bestimmt. Allerdings sind es scheinbar auch die einzigen Kandidaten, die durch ihr Mitleben und ihre Profession langjährige Erfahrung mit dem Osten haben. Es sei denn, es fänden sich noch weitere Kandidaten aus dem Osten. Noch ist ja Zeit.

Warum die These, Rechtsextremismus sei im Osten kein größeres Problem, falsch ist.
Gesellschaftsanalyse ist kein Wunschkonzert. So sehr es mir als Sachse und Ossi auf die Nerven geht, dass es bei den Themen Rechtsextremismus, Pegida und Flüchtlingskrise permanent auch um meine Heimat geht, so wichtig ist es, dem einfachen Argument, die Probleme seien in Deutschland überall gleich verteilt, hier würde nur gründlicher über sie berichtet, zu widerprechen. Das macht Patrick Gensing.

Was ist mit dem deutschen Amerika geschehen?
Ein weiter Blick heraus aus Ostdeutschland über den großen Teich in die USA. Die NY Times wartet mit einem Artikel über die Deutschen und das Deutschsein in den Staaten auf. Das ist spannend und auf Englisch zu lesen. „What is America’s largest national ethnic group? If you said English, Italian or Mexican, you’re wrong. Today some 46 million Americans can claim German ancestry. The difference is, very few of them do.“

Manche Parallele zur Debattenlage in Deutschland ließe sich hier ziehen. Ich belasse es mal bei einem weiteren kurzen Zitat: „It may be that an identity lost can never be regained. But why not try? It would be good for everyone, reminding millions of Americans that they too are the products of an immigrant culture, which not long ago was forced into silence by fear and intolerance.“

Glaube und Heimat
Noch einmal Patrick Gensing, der sich diesmal auf Publikative.org in die Heimatdebatte einbringt. Er bedauert den konservativen Drift im Gespräch über Heimat und fordert so etwas wie einen progressiven Heimatbegriff oder noch deutlicher: „Eine Diskussion darüber, wie der alte und sehr deutsche Begriff Heimat progressiv besetzt werden könnte, löst kein einziges Problem. Sinnvoller wäre es zu erörtern, wie noch mehr Menschen in Verhältnissen leben können, in denen sie zu starken Individuen reifen, die sich ihrer selbst bewusst und offen gegenüber Neuem sind – und keine diffusen Gefühle benötigen, um sich notdürftig eine Identität zu konstruieren.“

Am liebsten – so scheint es mir – würde er dabei auf den Begriff der Heimat ganz verzichten. So sehr ich ihm inhaltlich zustimme, darin widerspreche ich ihm. Man kann den Menschen schlicht nicht betrachten, ohne auch seine „diffuse“ Gefühlswelt wahrzunehmen. Es geht vielmehr darum, den Begriff Heimat seinen rechts-konservativen und rechtsextremen „Beschützern“ und Verdrehern zu entwenden und neu zu füllen.

Gensing schreibt auch: „All dies zeigt: Bei der Heimat geht es stets um vergangene Zeiten, um Erinnerungen und Gefühle. Viele Progressive betrachten das Konzept Heimat daher mit großer Skepsis. Der Psychoanalytiker Paul Parin merkte 1994 an: „Heimat dient dazu, Lücken auszufüllen, unerträgliche Traumata aufzufangen, seelische Brüche zu überbrücken, die Seele wieder ganz zu machen. Je schlimmer es um einen Menschen bestellt ist, je brüchiger sein Selbstgefühl ist, desto nötiger hat er oder sie Heimatgefühle, die wir darum eine Plombe für das Selbstgefühl nennen.“

Beide Gedanken, die Kritik am herkömlichen Heimatbegriff und Parins Analyse stimmen m.E.. Daraus ergibt sich für mich, dass wir „Plomben“ finden müssen, die wir durchaus Heimat benennen können, die sich aber nicht an zeitlichen Konstrukten wie Landsmannschaft, Staaten- oder Volkszugehörigkeit festmachen. Aus meiner Tradition des Christentums schlage ich vor, den Begriff in Anlehnung an Parins Gedanken entlang der Linien neuzubesetzen, die ich in einer Predigt schon einmal (halb) beschritten habe:

„Was ist Heimat? Heimat, denken wir, ist ein Ort. Das Gegenteil von Heimat nennen wir heute Fremde. Zu der Zeit, als die Brüder Grimm dieses Märchen [Anm.: Hans im Glück] fanden und aufschrieben, war das Gegenteil der Heimat nicht die Fremde, sondern die Armut. Heimat, das ist, sein Auskommen haben. Und morgen und für viele Menschen heute schon ist Heimat kein konkreter Ort mehr, sondern ist dort, wo sie sich angenommen fühlen, zu Hause sind, Wärme erfahren, egal wo, egal wann.

Das ist das, was Christen die Gegenwart Gottes nennen. Wo wir zuhause sind, Fragen beantwortet werden, wir in den Arm genommen werden, ich so angenommen, akzeptiert und geliebt bin, wie ich bin, wenn ich glücklich bin, da ist Heimat, egal wo, egal wann.

Heimat, das ist ein kurzes Wort dafür, was Gott für mich sein kann. Wenn ich mich ihm nahe fühle, auch und besonders wenn ich unterwegs bin und nur hoffe und glaube, dass meine Reise ein Ziel hat und es dort jemanden gibt, der mich liebt. Es geht gar nicht so sehr darum, sich nach der Heimat tot zu suchen, sondern sich auf dem Weg finden zu lassen. D.h. auf dem Weg glücklich zu werden, und das wiederum heißt, die Gegenwart Gottes zu sehen, egal wo, egal wann.“

Ein Kommentar

  1. Pingback: Lesenswert #27 – Das alte Leid | theologiestudierende.de

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.



*