Heimat finden – Predigt im Jugendgottesdienst am 29. August 2014 in Neidhartshausen

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Diese Predigt habe ich im diesjährigen Jugendgottesdienst in Neidhartshausen gehalten. Im letzten Jahr haben wir zum ersten Mal einen Sommerabendgottesdienst besonders für junge Menschen angeboten, der aber natürlich auch von vielen älteren Leuten besucht wird. Es ging uns vor allem darum, den Konfirmanden (die alle Kirchneraufgaben übernehmen) und den übrigen 15 bis 35 Jahre alten Personen einmal ein Zeichen zu geben: hier findet extra für Euch was statt. Den Gottesdienstentwurf vom letzten Jahr (inkl. Predigt) habe ich ja schon hier auf dem Blog veröffentlicht. Dieses Jahr haben wir es etwas ruhiger angehen lassen, weshalb der Gottesdienstablauf nicht so spannend ist. Die Predigt – die für einen Jugo eigentlich viel zu lang ist – gibt’s trotzdem. Im ersten Teil des Gottesdienstes habe ich das Märchen von Hans im Glück vorgetragen, das muss man wissen. Und ein bisschen habe ich auch bei mir selbst geklaut.

I

Heimat finden, das ist das Thema unseres Jugendgottesdienstes. Doch am Ende des Märchens hat Hans seine Heimat nicht einmal erreicht, seine Mutter noch nicht in die Arme geschlossen. Aber hat Hans seine Heimat überhaupt verloren? Überall, wo er hinkommt passieren ihm glückliche Dinge, scheint er sich wohlzufühlen.

Wir denken zwar, mein Gott, lässt der sich an der Nase herumführen: Tauscht ein wertvolles Gut nach dem nächsten gegen ein weniger wertvolles Gut ein, bis er mit zwei Steinen dasteht. Und als er auch die noch in der Tiefe des Brunnens versinken sieht, da geht er auf die Knie und dankt Gott unter Tränen, dass er so gnädig war, ihm auch diese Last genommen zu haben.

Aber Hans, für wie naiv wir ihn auch halten, ist glücklich. Hans im Glück. Nicht erst am Ende des Märchens, sondern die ganze Zeit.

Was ist Heimat? Heimat, denken wir, ist ein Ort. Das Gegenteil von Heimat nennen wir heute Fremde. Zu der Zeit, als die Brüder Grimm dieses Märchen fanden und aufschrieben, war das Gegenteil der Heimat nicht die Fremde, sondern die Armut. Heimat, das ist, sein Auskommen haben. Und morgen und für viele Menschen heute schon ist Heimat kein konkreter Ort mehr, sondern ist dort, wo sie sich angenommen fühlen, zu Hause sind, Wärme erfahren, egal wo, egal wann.

Das ist das, was Christen die Gegenwart Gottes nennen. Wo wir zuhause sind, Fragen beantwortet werden, wir in den Arm genommen werden, ich so angenommen, akzeptiert und geliebt bin, wie ich bin, wenn ich glücklich bin, da ist Heimat, egal wo, egal wann.

Heimat, das ist ein kurzes Wort dafür, was Gott für mich sein kann. Wenn ich mich ihm nahe fühle, auch und besonders wenn ich unterwegs bin und nur hoffe und glaube, dass meine Reise ein Ziel hat und es dort jemanden gibt, der mich liebt.

Es geht gar nicht so sehr darum, sich nach der Heimat tot zu suchen, sondern sich auf dem Weg finden zu lassen. D.h. auf dem Weg glücklich zu werden, und das wiederum heißt, die Gegenwart Gottes zu sehen, egal wo, egal wann.

II

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

Das sagt Jesus zu Beginn der Bergpredigt. Wer ein reines Herz hat, der sieht Gott, wo auch immer er ist, welchem Mensch er auch begegnet, ob er gute oder schlechte Zeiten durchlebt. Weiter, als dass wir uns ein reines Herz bewahren, können wir mit unser Suche nach Heimat nicht kommen. Wer ein reines Herz hat, entdeckt seine Heimat auch am anderen Ende der Welt, in der Fremde oder in der Armut, egal wo, egal wann.

Habe ich ein reines Herz? Habe ich ein reines Herz, wie es Hans im Märchen hat, so dass mir alles was mir begegnet wie ihm zum Glück wird?

Wenn ich ehrlich bin zu mir, dann muss ich mir eingestehen, nein, das hab ich nicht. Ich überlade mein kleines Herz mit vielen anderen Dingen, die alle auch wichtig sind oder wichtig zu sein scheinen. Und dann ist mein Herz und mein Kopf (!) mit so vielen Wünschen und Forderungen und Ansprüchen an mich voll, dass ich das Glück, das ich schon habe, dass ich Gott in meinem Leben, gar nicht mehr sehen kann.

III

Wo dein Schatz ist, da wird dein Herz auch sein.

Ich bin viel zu häufig mit diesen anderen Dingen befasst, mit denen ich mir mein Herz überfülle, die mir zum Schatz werden, den ich unbedingt finden will. Das sind gerade die Dinge, denen auch Hans im Märchen begegnet.

Das Gold steht natürlich für Reichtum und Wohlstand. Das Pferd steht dafür, dass ich schnell voran komme und es weit bringe in dem, was ich tue, in der Schule, meinem Studium, meiner Lehre, meinem Beruf, meiner Familie. Und wie Hans fliege auch ich damit auf die Schnauze, wenn es mir immer nur ums Fort- und Weiterkommen geht.

Die Kuh steht für die Sicherheit, die Häuslichkeit, die Gemütlichkeit. Grad das Gegenteil vom Pferd. Wenn ich mich hinsetze und sage, ich will lieber hier bleiben, auch wenn es mir nur so lala oder vielleicht sogar schlecht geht, weil ich zu viel Angst habe vor einem Neuanfang und davor weiterzuwandern. Da geb ich mich doch lieber mit ein wenig Milch jeden Tag zufrieden.

Das Schwein ist Diebesgut. Und steht für alles, was ich anderen Leuten neide, wovon ich denke, das steht mir doch zu, und umso mehr ich daran denke, umso dunkler und unaufgeräumter wird mein Herz.

Die Gans, mit ihren Federn, dem guten Braten und dem Fett, dass noch lange halten wird, steht für den Überfluss, den ich nicht teilen will. Mein Braten, mein Bett, mein Fett. Und auch über diesem Geiz und meiner Angst etwas zu verlieren, verdunkelt sich mein Herz.

Und der Wetzstein, wofür steht der? Heute wetzt ja keiner, kaum einer mehr. Wir kaufen einfach ein neues Messer. Aber der Wetzstein, ist eigentlich das aktuellste Gut, das modernste Ding, das hier im Märchen vorkommt. Der Wetzstein ist nur ein Bild für unsere eigenen Talente und für unseren Körper, für all das, was wir einsetzen und formen und in Anschlag bringen, um uns die Taschen zu füllen. Für den einen mag es seine Klugheit sein, und wenn er sich dafür brüstet und sich über die Dümmeren erhebt, dann hat er sein Herz an den Schatz Hochmut geknüpft.

Und für viele junge Leute ist es ihr Körper, sei es bei den Mädchen, dass sie dünn sein müssen und hübsch, gerade so wie in der Werbung oder bei den Jungs, dass sie fit und trainiert sein müssen, gerade so wie ein Profisportler. Und es ist ja auch gut, wenn man auf sich und seinen Körper acht gibt, aber man kann es damit auch übertreiben. Dann wird mein Körper zu meinem Schatz. Mein Schatz. Dann geht es mir nur um einen Ring oder anderen Schmuck, den ich mir umhänge oder um noch mehr Diät oder Training, um die Leute mit meinem schönen Körper abzulenken, wovon eigentlich? Und wir alle wissen nicht nur aus dem Film, wie hässlich Menschen wirklich sind, die nur auf Äußerlichkeiten achten.

Und wenn auch dieser ganze Quatsch, wenigstens einmal für eine kurze Zeit von uns abfällt und in den nächsten Brunnen hinab rauscht. Dann fühlen wir uns vielleicht einmal so frei, dass wir auf die Knie gehen und Gott unter Tränen dafür danken, dass er uns in seiner Gnade von diesen Wackersteinen erlöst hat.

IV

Denn eines ist mir klar, ich hänge mit meinem Herzen viel zu sehr an diesen Schätzen. Reichtum, Wohlstand, Sicherheit, Bequemlichkeit, Geiz und daran, dass ich mir für toller halte, als andere. Ich finde diese Schätze viel angenehmer und erstrebenswerter, als ich es mir selbst eingestehen will. Und hänge mein Herz an sie, und darüber wird mein Herz dunkel und ich kann Heimat für mich nicht finden.

Heimat, das ist das, was Gott für mich bereit hält: Wirkliche Sicherheit, auch wenn ich kein Dach über dem Kopf und keinen Braten in der Röhre habe. Wirklichen Reichtum, wenn ich von Menschen umgeben bin, die mich lieben. Wirklichen Erfolg, wenn ich merke, dass ich dazu gar nicht alles tun muss, sondern mir vieles geschenkt wird.

Diese Heimat kann ich nur sehen, wenn Gott mir mein Herz einmal durchspült, wenn er mal den Kärcher herausholt und bis in die Poren geht und reine macht. Wenn ich mal aufhöre, nach irgendwelchen Schätzen zu suchen, ja eigentlich, wenn ich halt mache und aufhöre, nach irgendeiner Heimat zu suchen. Sondern wenn ich mich von ihm zurückholen lasse, wenn ich mich von ihm finden lasse.

Wie kann ich mich von Gott finden lassen?

V

Drei Vorschläge.

1) Indem ich mich um andere Menschen kümmere. Das ist der wichtigste von allen drei Vorschlägen, die Gott uns macht. Das was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan. Das ist, was Jesus getan hat. Sich immer wieder auch wenn es schwerfällt für andere zu erbarmen, aufzuopfern. Anderen zu helfen, denn in anderen Menschen sehe ich Gott. Und in dem, was uns zusammen gelingt, sehe ich Gott am Werk. Wo Hungernden Essen gegeben wird. Wo Obdachlosen ein Dach über dem Kopf. Wo Flüchtlinge eine Zuflucht finden. Wo Verbrechern vergeben wird. Wo Nackte gekleidet und ausgetrockneten Seelen lebendiges Wasser gespendet wird.

2) Kann ich mich von Gott finden lassen durch sein Wort. Das magst Du in der Bibel finden. Jedenfalls finde ich dort immer wieder Worte und Sätze, die mich zur Ruhe kommen lassen und solche, die mir einen Weg zeigen, den ich weitergehen kann. Aber solche Worte kannst Du auch in anderen Büchern und in Bildern oder in der Natur finden. Oder in einem guten Wort, dass Dir ein anderer Mensch sagt, der es gut mit dir meint. Solche Worte geben uns Halt, spenden Sinn und Erklärung in Zeiten, in denen wir so vieles und auch uns selbst nicht verstehen.

Und 3) Kannst Du dich von Gott finden lassen durch sein fleischgewordenes Wort. Jesus Christus. Und in diesem dritten Punkt kommen auch die zwei zuvor genannten zusammen. Wenn wir gemeinsam Abendmahl feiern – oder wie heute Agape / Liebesmahl – dann denken wir nicht nur an Brot und Wein, als Früchte des Lebens, sondern an das, was Jesus damit meinte, als er mit seinen Freunden Abendmahl hielt. Das Abendmahl zeigt uns ein Opfer, dass Menschen füreinander auf sich nehmen. Es zeigt uns, worauf es im Leben wirklich an kommt, es zeigt uns einen ganz anderen Schatz, als all die Schätze unserer Welt, an denen wir täglich hängen. Das Abendmahl führt uns vor Augen und wir können es sogar schmecken, dass unser Leben immer Aufopferung, und nicht selten Leid bedeutet, Passion. Leidenschaft, Selbstaufgabe. Zurückstecken, Verlierer sein.

Das ist ehrlicher, als alles andere, was Dir heute über dein Leben gesagt wird. Niemand ist so ehrlich, das einzugestehen und Dir die Wahrheit zu sagen, dass unser Leben daraus besteht, sich aufzuopfern, wenn wir Heimat finden wollen. Niemand, außer Jesus.

Und Jesu Abendmahl gibt uns nach dieser ehrlichen, aber zugebener Maßen auch traurigen Ansage, gleich die Antwort noch mit, wie wir das machen können: sich von Gott finden lassen, Heimat finden, Gott in meinem Leben sehen, glücklich werden. Denn Abendmahl, das heißt Gemeinschaft, das heißt Liebe untereinander, Agapé.

Amen.


Diese Predigt habe ich am 29. August 2014 zum Jugendgottesdienst in Neidhartshausen gehalten.

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