Wir haben also soviel Götter, wie es Gottsucher gibt. – Ernst Barlach zum 75. Todestag

Vor 75 Jahren starb Ernst Barlach.  Er gehört wohl zu den Künstlern, deren Namen kaum noch bekannt sind, die aber durch eines ihrer Werke doch noch im Gedächtnis der Leute sind. Im Falle von Ernst Barlach ist das besonders die Skulptur Der Schwebende, der umgangssprachlich immer noch der Güstrower Engel genannt wird. Doch da gibt es noch viel mehr. Ich habe vor einem Jahr in Münster eine Barlach-Ausstellung besucht und war dort von seinen Worten (!) sehr beeindruckt.

Kleine Sammlung
Über seinen Zugang zur Religion und die anhaltenden Zuschauerströme in die Barlachmuseen schreibt heute Anne-Dorle Hoffgaard auf evangelisch.de. Der NDR ruft Barlach zum Visionär des 20. Jahrhunderts aus, außerdem findet an dort auch einen gelungen Audio-Beitrag zu Barlachs Schicksal während des Nationalsozialismus. Susanne Albers hat auf ihrem Blog ein Quiz zu Ernst Barlach bereitgestellt, mal ne andere Variante des Zugangs.

Barlach in Münster
Vor ziemlich genau einem Jahr war ich auf einem Wochenendausflug in Münster. Gleichzeitig in der Stadt – Ernst Barlach. Die Ausstellung „Interventionen- Ernst Barlach in Münster“ war über ganz Münster hinweg verteilt. Vor allem in Kirchen, aber auch in einem Theater  und Museum wurden unterschiedliche Teile seines Werkes und damit auch seines Denkens und Wirkens beleuchtet. Wir hatten auf unserer Stadttour nicht allzu viel Zeit, aber zu Abstechern in die Apostelkirche und zum Schwebenden in die Johanneskapelle hat es gereicht. Bei den Kurzbesuchen ist auch die Aufnahme unten entstanden. Die Transparente mit Barlach-Zitaten wurden in der Apostelkirche an den Pfeilern im Kirchenschiff befestigt. Die erzwungene Lesehaltung hatte so schon einen etwas „erhebenden“ Charakter.

Barlach im O-Ton
Ich war bei meinem Besuch von der Eindringlichkeit seiner Worte sehr beeindruckt. Der emeritierte Hamburger Professor der Praktischen Theologie Axel Denecke überschrieb einen Vortrag über Barlach mit dem Titel „Ein moderner Mystiker in Wort und Bild – ´nur´ halb-christlich, aber voll religiös“ und charakterisierte Barlachs Religion so: „Ernst Barlach ist ein tief religiöser Künstler, auch wenn sein Glaube nicht der allgemein christlich-dogmatischen Norm entspricht.“ Dabei sind es für mich vor allem Stücke aus seinen Briefen an Freunde und Künstlerkollegen, die zum Weiterdenken anregen. Dazu ein Foto eines der Texte (zum Lesen vergrößern) und eine Abschrift eines anderen Textes, das Foto war zu schlecht.

barlach

„Sehen Sie, man will „wissen“ und verlangt nach dem Wort, aber das Wort ist untauglich, bestenfalls eine Krücke für die, denen das Humpeln genügt. Und dennoch ist im Wort etwas, was direkt ins Innerste dringt, wo es, aus dem Lautersten, der absoluten Wahrheit kommt. Jeder aber versteht es anders, er vernimmt das, was gemäß seiner Art Anteil am Ganzen, ihm verständlich, sage lieber, wessen er sich bewusst wird. Hängt er sich an Auslegung, Gemeinverständlichkeit, so kann er wohl seinen Trost haben, da es für ihn nichts Besseres gibt. 

Man soll niemand aus dem Häuschen seines Trostes scheuchen.

Es gewährt doch ein Dach, aber… Worte sind nicht eine Sekunde das Gleiche – man sagt ‚Gott‘, und jedermannes Belieben macht sich daran. Ich bin des Wortes schon lange satt, und es kommt mir doch immer wieder auf die Lippen. Wenn ich überhaupt für das Höchste, für das meiner Meinung nach der Mensch kein Augenmaß hat, wie er mit dem körperlichen Auge ja auch nicht den unendlichen Raum als Tiefe erfaßt, sondern als Fläche, die letzten Sterne scheinen neben den nächsten zu stehen, – wenn ich also vom Höchsten wortwörtlich abhandeln wollte, so würde ich vielleicht der Vielgötterei den Vorzug geben. Da kann man, ohne rot zu werden, von ‚dem‘ Gott reden, der ja dann ein Mannartiges wäre, oder von ‚ihr‘, der Göttin so und so, oder von meinem, dem deutschen oder gar nationalistischen.
(Barlach an Wolf-Dieter Zimmermann, 1931)

Wie ich finde, steckt hier tatsächlich eine gute Analyse oder vielmehr Prophetie über den (post-)modernen Umgang mit Religion drin.

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