Stärke uns den Glauben! – Predigt am 7. September 2013 in Brunnhartshausen

Liebe Gemeinde,
„Stärke uns den Glauben!“ verlangen die Apostel von Jesus (Lk 17,5-6). Und es ist nicht ganz abwegig anzunehmen, dass auch wir, die wir heute in die Kirche gehen, eine ähnliche Forderung stellen: Stärke uns den Glauben!

Ein paar Szenen.

In einem Wohnheim für christliche Studenten werden zu Beginn des Studienjahres die freigewordenen Zimmer neu vergeben. Interessenten besichtigen die Zimmer, und die bisherigen Bewohner besichtigen die Interessenten. Passt der oder die zu uns? Wird er sich an der Hausordnung beteiligen? Welches Studienfach studiert sie? Und, weil es ja ein christliches Wohnheim ist: wie hält es der zukünftige Mitbewohner mit dem Glauben?

Naturgemäß sagt man einigen Kandidaten nach einer Weile das Zimmer ab oder zu. Blöd nur, wenn man einen Kandidaten wirklich haben wollte, der aber nicht einziehen möchte. Der hätte doch ganz gut zu uns gepasst! Vor allem, weil er ein „wirklicher“ Christ gewesen ist, „versteh mich nicht falsch, aber das war einer der seinen Glauben wirklich Ernst nimmt.“

Die letzten Sätze stammen aus einem Gespräch, dass ich vor ein paar Tagen mit einem Freund geführt habe. Und sie haben mich erstaunt. Schließlich sprach er ja mit mir, einem Theologiestudenten, von dem man im Allgemeinen ja annehmen kann, dass er seinen Glauben wirklich Ernst nimmt. Komisch also, die versteckte Unterstellung, die da mitschwingt, da sei einer „der seinen Glauben wirklich Ernst nimmt“ und der sich dadurch von uns allen unterscheidet, also auch von mir.

Ich habe meinen Freund gefragt, warum er denn denkt, dass die anderen Christen die er so kennt, ihren Glauben nicht Ernst nehmen. Ein bisschen verdutzt fragte er mich: Nimmst Du denn deinen Glauben wirklich Ernst?

Szenenwechsel.

Schon als Jugendlicher gingen mir die langweiligen Gottesdienste und Predigten ab. Ich sagte mir: warum kann Kirche nicht auch Spaß machen? In der Jungen Gemeinde erlebte ich ja genau das. Doch immer dann, wenn die Kirche in der Gestalt von Pfarrern oder Traditionen ins Spiel kam, verdorrte der Spaß wie eine Zimmerpflanze, die man vergessen hat zu gießen.

Spaß, oder etwas altertümlicher – Freude – ist für den Glauben so notwendig, wie es die Pflanze nötig hat, gegossen zu werden. Freude ist der Treibstoff des Glaubens, der ihn weit fahren lässt. Habe deine Lust am Herrn, heißt es in den Psalmen, nicht: langweilige dich.

Es wird sich ja häufig vor allem über junge Leute beschwert, dass sie nur noch das machen, was ihnen Spaß macht. Und das, worauf sie keinen Bock haben, links liegen lassen. Aber ist denn das so falsch?

Szenenwechsel.

Irgendwo in der kargen Einöde Judäas. Sie merken schon, jetzt geht es um Jesus und das was der Evangelist Lukas uns über ihn erzählt. Das ist ja eigentlich auch schon das Stichwort: Lukas, dieser begnadetste von allen Autoren des Neues Testaments. Wir vergessen heute schnell, wie genial manche Texte aus der Bibel in sich sind. Wir gehen dann hin und sagen: das und das verstehen wir heute besser, das und das ist vielleicht so zu verstehen, das und das verstehe ich nicht. Unser kurzer Predigttext steht ja auch nicht für sich alleine, sondern in einer großen Erzählung, die Lukas aufgeschrieben hat, damit den Lesern genau das passiert, was die Apostel von Jesus verlangen: Stärke uns den Glauben!

Jesus, wir wissen das, hat einen Hang zum Vergleichen, zum Gleichnisseerzählen und zu bunten Metaphern. Auch das Wort vom Senfkorn ist uns bekannt. Berge versetzen, Maulbeerbäume ins Meer werfen: gut und schön.

Ich glaube, wir haben es hier mit einem Witz zu tun. Einem guten noch dazu. Lukas legt den Aposteln die Forderung in den Mund: „Stärke uns den Glauben!“ Und mit den Aposteln fragen auch die Leser des Evangeliums, und irgendwie ja auch wir, die wir den Text heute lesen.

Stärke uns den Glauben! Das klingt, als ob man uns vertrocknen hat lassen. Als ob sich um uns niemand hat kümmern wollen, so dass unser Glaube eingegangen ist. Lukas versteht sich auf Ironie. Das sollte allen Christen, die meinen, man dürfte bei der Religion keine Späße machen, eine Warnung sein! Denn bevor die Apostel Jesus auffordern, bevor der Leser des Evangeliums und mit ihm wir, bei unserem Predigttext ankommen, haben wir einige der schönsten, einprägsamsten, wertvollsten Geschichten und Gleichnisse gehört, die seit Menschengedenken aufgeschrieben worden sind!

Das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus, vom unehrlichen Verwalter. Die Gleichnisse von den Verlorenen. Das verlorene Schaf, der verlorene Groschen und alle anderen weit überstrahlend, das vielleicht schönste Gleichnis, das Lukas uns geschenkt hat: das Gleichnis vom verlorenen Sohn. (alle in Lk 15 & 16)

All das haben die Jünger gehört, der Leser gelesen und auch wir haben es ja – zu Teilen jedenfalls – im Gedächtnis. Nach diesem Redemarathon, nach dieser großen Geschichte von der Liebe Gottes, seiner Zuwendung zu den Menschen, seiner Bereitschaft zur Vergebung. Kurz: Nach dieser einmaligen Werbeveranstaltung für den großen, gnädigen Gott, verlangen die Apostel: Stärke uns den Glauben!

Und ich muss beim Lesen unweigerlich schmunzeln. Und vielleicht muss auch Jesus schmunzeln, jedenfalls antwortet er den Aposteln: „Ihr wollt, dass ich euch den Glauben stärke. Ach, wenn doch euer Glauben nur so groß wäre wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen, Reiß dich aus und versetzte dich ins Meer und er würde euch gehorchen.“

Wenn ich mir manchmal den Mund fusselig rede, weil ich einem Menschen etwas erklären möchte, von dem ich das Gefühl habe, dass er es immer noch nicht verstanden hat. Wenn wir in den Kirchen die immer gleiche Botschaft verkündigen, von der wir häufig das Gefühl haben, dass sie nicht hängen bleibt. Wenn mich mal wieder ein Freund fragt, ob ich meinen Glauben auch wirklich Ernst nehme, so als ob man es mir gar nicht abnehmen könne, dass ich Christ sei. Wenn ich mal wieder im Gottesdienst sitze, und der Pfarrer macht aus der Geschichte Gottes mit den Menschen ein Ammenmärchen und aus Jesus einen Geschichtenerzähler, der mich – der ich doch Fernsehen und Internet gewohnt bin – nicht mehr vom Hocker reißt.

Immer dann, möchte ich mich erinnern, an die Antwort, die Jesus hier gibt.

Wenn die Apostel, die nun doch alles von Gott wissen – was man wissen kann und wissen muss, doch immer noch ein Zeichen wollen, ein Wunder, irgendein Spektakel. Dann sehe auch ich mich da stehen und denken:

Auch ich will, dass mein Glauben sichtbar wird. Dass ich etwas bewirken kann. Dass etwas passiert. Dass ich Gott besser verstehe. Dass ich mir meines Glaubens, sei er auch noch so klein, sicher sein kann, weil er mir etwas bringt, weil er sich irgendwo zeigt, und sei es darin, einen Baum ins Meer zu werfen, als ob das irgendwas brächte.

Die Reaktion der Apostel schreibt Lukas nicht mit auf. Er ist eher ein feinzisilierender Kabarettist als ein Haudrauf-Comedian, der sich die Lacher vom Band einspielen lässt. Ein paar Apostel werden verdutzt geschaut haben. Ein paar vielleicht geschmunzelt oder gelacht. Es wird auch ein paar gegeben haben, die die Pointe nicht begriffen haben.

So ist es bis heute:

Da gibt es die, die die Pointe des Evangeliums nicht raffen. Die noch immer auf Zeichen und Wunder warten, die sie in Gewittern und Getöse, in Klamauk und Esoterik vermuten. Die zu sehr am Haben, als am Sein orientiert sind. Die der Sichtbarkeit und dem Gesehenwerden großen Wert beimessen. Die gerne einen Pfand in der Hand halten für das, was kommen mag. Von denen sagt Jesus: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Ihr könnt euch eures Glaubens nicht sicher sein, denn das hieße, auf euch selbst zu vertrauen: vertraut stattdessen Gott!

Da gibt es die, die lesen und hören das Evangelium von Jesus und sind ein wenig ratlos. Manches davon geht uns später im Leben auf, wird uns zum Trost und Halt, an manchem stoßen wir uns und fragen uns, was dass nun schon wieder soll. Je nachdem, auf alle Fälle, halten wir uns in unseren Herzen einen Platz frei für die überraschenden Wege Gottes.

Wenn uns etwas von diesem überraschenden Weg Gottes aufgeht, dann kann das für unser Leben erschütternd sein, denn er steckt auch in den Härten unseres Lebens. Das ist der Gott, mit dem nicht zu spaßen ist, weil er Ernsthaftigkeit einfordert. Ernsthaftigkeit seiner Schöpfung gegenüber, unseren Nächsten und uns selbst erst recht.

Wenn uns etwas von diesem überraschenden Weg Gottes aufgeht, dann kann das für unser Leben erlösend sein, denn er steckt in der Freude unseres Lebens. Das ist der Gott, der keine Späßchen mit uns treibt, sondern da ist, eben so wie Jesus uns ihn gezeigt hat: als Herrn, der seinen Verwalter dafür lobt, dass er das Geld an die Schuldner verteilt; als Hirten, der noch jedem verlorenen Schaf nachgeht, bis er es gefunden hat; als Frau, die ihr Haus durchkramt, bis sie ihren Schatz wiedergefunden hat; als Vater, der die Arme offen hält.

Amen.

 


Die Predigt wurde am 7. September 2013 im Gottesdienst in Brunnhartshausen gehalten. Mehr zu den Gottesdiensten, die ich im Sommer 2013 gehalten habe, hier.

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