Rezension – „Make Love – Ein Aufklärungsbuch“

Was weißt Du über Sex?

Ich gehöre ja zu einer Generation, die so ziemlich alles schon gesehen hat, was im Bett (oder anderswo) so abgehen kann. Dem Internet sei Dank, steht heute ja mehr als genug Anschauungsmaterial zu Verfügung. Außerdem wurden wir doch alle aufgeklärt: von Eltern, die nicht mehr ganz so verklemmt waren wie ihre eigenen Eltern und von Lehrern, die sich im Biologieunterricht überwanden und mit uns die wichtigsten Dinge durchsprachen.

Und da sind wir ja auch schon beim Stichwort: Was ist eigentlich das Wichtigste? Sicher, wir haben (oder sollten es zumindest) ein umfassendes Wissen erworben, was Geschlechtskrankheiten, Verhütung und so angeht und natürlich interessieren wir uns auch für die Praxis selbst – der eine mehr, der andere weniger. Wie wird das gemacht? Die Männer- und Frauenzeitschriften sind voll davon. Welche Stellung ist wann anzuwenden, was kann ich tun, um meinem Partner besondere Lust zu bereiten bzw. selbst nicht zu kurz zu kommen?

Technik vs. Gefühl

Und das alles ist ja auch einigermaßen interessant zu wissen, kommt aber reichlich technisch daher. Meine Skepsis war also dementsprechend groß, als ich von Freunden das hier besprochene Buch zur Kenntnisnahme überreicht bekam. Doch weit gefehlt.

Den Autorinnen Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski gelingt ganz Außergewöhnliches. Sie schreiben über Sex, wie über Sex geschrieben werden sollte: Ohne falsche Zurückhaltung und doch mit einer gewissen Zärtlichkeit. Sie vermeiden das Trockene, das man von einem Aufklärungsbuch erwarten könnte und sind der Wahrheit verpflichtet, d.h. sie unternehmen den Versuch, die zahlreichen Sexmythen zu entkräften, die sich durch Pornographie und Medien aufgebaut haben. Ihr Buch richtet sich vor allem an Jugendliche, d.h. aber nicht, dass man als junger Erwachsener hier nichts lernen kann.

„Wir wollen hier Sex zeigen, wie er wirklich ist. Deswegen sind die Fotos [herausragend fotographiert von Heji Shin], in diesem Buch ein wesentlicher Bestandteil: Sie zeigen Paare, die tatsächlich Paare sind. Jugendliche, die wirklich miteinander ins Bett gehen. Diese Bilder sind nicht inszeniert, sie zeigen etwas von der Nähe und Intimität zwischen zwei Menschen.

Unser Buch ist für Jugendliche geschrieben, die anfangen Sex zu haben. Ausgehend vom Grundsatz „Erregung ist angeboren, Sexualität wird gelernt“ wollen wir von Anfang an das Spüren am eigenen Körper fördern, die Aufmerksamkeit auf Empfindungen, Wünsche und Grenzen lenken, damit jeder den Spaß an einer guten, selbstbestimmten Sexualität entdecken kann.

Sex ist lernbar. So wie eine Fremdsprache, ein Musikinstrument oder Skateboardfahren. Und das Beste daran: Jedem steht dieser Weg offen.“ (aus der Einleitung)

Die beiden Autorinnen beginnen ihr Buch dann auch nicht mit Angstmache oder den Befürchtungen der Erwachsenenwelt, sondern mit einem ausführlichen Artikel über Selbstbefriedigung und Petting, das den schönen Titel „Fass dich an“ trägt. Weiter geht es mit dem ersten Mal, dem zweiten, dritten, vierten Mal und einem klugen Kapitel über das Finden der eigenen sexuellen Identität. Gerade dieses Kapitel sei Eltern, Lehrern und Bedenkenträgern (z.B. aus der #idpet-Debatte) ans erwachsene Herz gelegt. Nicht nur wegen der Fakten, sondern auch wegen der unverschränkten Sprache, von der man sich ’ne Menge abschauen kann.

Ab in die Federn!

Die Autorinnen fahren mit einer gründlichen Beschreibung des weiblichen und männlichen Körpers fort und gehen dabei tiefer als je ein Biologielehrer es sich getraut hat. Dann werden (unvermeidlich) auch die technischen Feinheiten (Titel „Durch die Betten“) des Geschlechtsverkehrs besprochen. Hier kommt den beiden Autorinnen ihr untrügliches Gespür für Entspannung und Ironie zu Gute:

„Wer nach oben darf, ist reine Geschmackssache. Meistens ist es so, dass derjenige, der oben ist, mehr Kontrolle hat. Er gibt im wahrsten Sinne des Wortes den Takt vor. Allein das kann für manche Jungen und Mädchen schon sehr erregend sein. Andere sind lieber in der passiveren Rolle. Manchmal gibt es aber auch gar kein oben und unten und die Frage erledigt sich von selbst.“ (S. 147)

Wie kommen die beiden Autorinnen zu ihrer Sprache? Im Interview mit jetzt.de beschreibt es Ann-Marlene Henning so: „Meine Ko-Autorin Tina Bremer-Olszewski hat den Duktus des Buches schon erarbeitet, das war sogar das erste, was sie getan hat, nachdem wir beschlossen haben, das Buch zu schreiben. Aber eigentlich ist die Sprache des Buches eine Mischung aus meiner Art zu sprechen und dem journalistischen Handwerk, das Tina mitbringt. Uns war es wichtig, konkret und direkt zu erklären, worum es geht, ins Detail zu gehen, aber auch humorvoll darüber zu schreiben.“ Das ist den Beiden ausgesprochen gut gelungen.

Dazu passt auch, dass das Thema Safer-Sex erst weit hinten im Buch eine Rolle spielt. Hier soll nicht verschämt gelesen werden, Sicherheit gehört einfach so mit dazu, muss den Spaß an der Sache aber nicht kaputt machen. Diesem Spaß ist das letzte Kapitel „Schwerelos“ gewidmet, das das ganze sexuelle Universum anreißt. Sexualität ist keine schambelastete Peinlichkeit und keine Sünde, wenn auch eine große Verführung.

Ein Buch für wen?

Roswitha Budeus-Budde schrieb in der SZ, dass das Buch weder für Jugendliche noch für anständige Katholiken gedacht wäre. Ersteres ist eindeutig zu bestreiten, letzteres stimmt vielleicht, aber welch schöneres Kompliment für ein Aufklärungsbuch kann man sich eigentlich erdenken?

Inzwischen hat Ann-Marlene Henning (mit Anika von Kaiser) ein weiteres Aufklärungsbuch, diesmal für Erwachsene, geschrieben („Make more Love: Ein Aufklärungsbuch für Erwachsene). Doch schon diese „Jugendausgabe bietet genug Stoff fürs Nachdenken, Schmunzeln und so manch interessantes Gespräch. Beide Bücher sind im Verlag Rogner & Bernhard erschienen. Den Verantwortlichen ist zur stimmigen Gestaltung des ganzen Buches zu gratulieren. Das Buch fasst sich einfach ganz hervorragend an und ist bildtechnisch eine Augenweide.

Fazit

„Make Love – Ein Aufklärungsbuch ist eine runde Sache. Die Sprache, die Fotografien, die zahlreichen Infografiken – all das macht einfach Spaß zu lesen. Und man lernt eine Menge dabei, auch wenn man dachte, schon alles gesehen zu haben. Das Buch gehört daher in die Hände all derer, die sich für ihre eigene Sexualität interessieren und entweder jetzt schon oder in Zukunft mit Jugendlichen arbeiten wollen.

Make Love – Ein Aufklärungsbuch
Ann-Marlene Henning & Tina Bremer-Olszewski
mit Fotografien von Heji Shin
Rogner & Bernhard Verlag
22.95 €
Link zur Verlagshomepage


Diese Rezension erschien zuerst auf theologiestudierende.de.

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