Rezension – „Altes Land“ von Dörte Hansen

Ich habe gelacht, geschmunzelt, war gerührt und habe das Buch am Ende etwas widerwillig aus der Hand gelegt, weil es schon vorüber war. Gemessen an diesen meinen eigenen, höchst subjektiven Maßstäben, ist „Altes Land“ von Dörte Hansen ein hervorragendes Buch.

Warum eine Rezension über einen Bestseller schreiben, an dem viele von uns dank Spiegel-Bestsellerliste und Geschenken ohnehin kaum vorbei kommen? Warum ein vermeintliches Frauenbuch lesen und dann auch noch drüber schreiben? Warum einen Unterhaltungsroman für ein Onlinemagazin für (angehende) Theologen besprechen?

Dass ich über „Altes Land“ schreibe, hat viel damit zu tun, welche Antworten auf diese Fragen häufig gegeben werden. Ich schreibe ja nicht über jedes Buch, das mir gefallen hat. Es muss etwas kitzeln. Im Falle dieses Erstlings von Dörte Hansen ist es die Tatsache, dass zumindest die beiden Rezensionen, die ich im Anschluss an meine Lektüre gelesen habe, einfach gräuslich sind. Und es liegt daran, dass „Altes Land“ ein Heimatroman ist.

Schlimmer Erfolg

Das zumindest hat Morten Freidel in der F.A.Z. begriffen, wenngleich er es wohl eher abschätzig meint. Denn statt sich selbst und das Buch danach zu befragen, warum die Heimat uns so sehr angeht, nicht loslässt, gerade wenn sie uns bedrückt, vermeint er darin allein den Grund für die Beliebtheit des Buches entdeckt zu haben.

Wenn es nichts Schlimmeres gibt als den Erfolg eines Buches, dann ist man in einem deutschen Feuilleton gelandet. Das geht Wiebke Porombka für DIE ZEIT nicht anders. Allein, bei ihr sind es die stereotypen Frauenfiguren, nicht der Heimattopos, die in ihren Augen das Buch so erfolgreich machen – einen vergifteten Dank an die Autorin für den Erhalt des Büchermarktes gibt es gratis dazu.

Also zu meiner ersten Frage: Ich schreibe eine Rezension über diesen Roman, weil er ein Bestseller ist und trotzdem gelobt werden muss. Weil er gerade vor denjenigen in Schutz genommen werden muss, die ihm den Erfolg neiden und sich aus ihren Vorurteilen eine Kritik zusammenkonstruieren. Weil ich ihn gerade denjenigen empfehlen will, die sonst um die Bestsellerlisten einen großen Bogen machen.

Ja, es geht um Heimat. Aber nicht um ein heiles, ungebrochenes, unreflektiertes Zuhause, wie in den Groschenromanen. Ja, es sind die Frauen die Hauptprotagonisten des Buches – im übrigen auch mindestens einmal drei und nicht nur zwei, aber das rutscht dem berufsmäßigen Leser schon mal durch -, und diese Frauen sind erst einmal höchst unterschiedlich und doch sehnen sie sich, auf je andere Weise, nach ähnlichen Dingen: Liebe, Zärtlichkeit, Treue, Nähe. Wem das zu stereotyp ist, hat von der conditio humana entweder keine Ahnung oder hält sich selbst für so einzigartig und überkomplex, das jede Ähnlichkeit mit anderen als Beleidigung empfunden werden muss. Im Buch jedenfalls stehen die Frauen zu ihren oft unerfüllten Wünschen. Sie nehmen ihr Leid an ihnen auf sich, statt ihre Sehnsüchte wegzurationalisieren.

Frauenbuch

Das Buch lag seit längerer Zeit auf meinem Nachttisch, meine Mutter hatte es mir bei einem Dresdenbesuch mitgegeben. Und ich bin ehrlich, ich habe es lange Zeit nicht aufgeschlagen, weil es ein Bestseller wurde, während es auf meinem Nachttisch versauerte und weil ich es für ein Frauenbuch hielt, eines von der schlechten Sorte.

Es ist ein Frauenbuch, aber eines von der guten Sorte. Ein gutes Frauenbuch ist auch für Männer ein sehr gutes Buch, ebenso wie ein gutes Männerbuch („Der menschliche Makel“ von Philip Roth z.B.) ein gutes Buch auch für Frauen ist. Was macht ein gutes Frauenbuch aus?

Es hat Frauen in den Hauptrollen. Das ist nur deshalb erwähnenswert, weil es ähnlich wie beim Film immer noch zu selten ist, dass Frauen wirkliche Handlungsträger sind und nicht einfach Staffage. Und: Es wurde von einer Frau geschrieben. Auch das ist im gehobenen Literaturbetrieb selten, wie erst vor kurzem auf ZEITonline zu Recht bemängelt.

Also, liebe Männer, ran an dieses Buch: Von diesen Frauen und der Autorin lässt sich eine Menge lernen über Einsamkeit, Verlust und Nähe, über Männergenerationen und über Frauen.

Eine Generationengeschichte

Und was macht das Buch für (angehende) Theologen und Theologinnen interessant? Da wären die intergenerationellen Verstrickungen, ohne die Familien und Biographien nicht zu erklären sind. Damit kann (und sollte) man sich durch geeignete Fach- und Sachbücher beschäftigen, wie z.B. „Mein Vater und der Krieg“ (Rezension hier auf dem Blog) aus der Männerperspektive oder den Klassiker „Die Unfähigkeit zu trauern“ von Margarete und Alexander Mitscherlich – aber es spricht doch überhaupt nichts dagegen, dies auch in Form der Lektüre eines unterhaltsamen Romans zu tun!

Darüber hinaus erzählt „Altes Land“ von Menschen, die irgendwie die Kraft finden, ihr Leben zu bestehen und sich ihr Leben vor sich und anderen zu erzählen, so dass es schlüssig und nicht mehr ganz so schmerzhaft ist. Dazu gehört implizit auch der Glaube, zu dem die Figuren Verbindungen finden oder kappen. Wo der Glaube einen Platz im Leben hat, noch immer haben kann, das wird hier zwar nur angedeutet, aber deutlich.

Und dann haben wir mit „Altes Land“ einen Roman vor uns, der nicht trotz, sondern wegen seiner gut sitzenden Sprache unterhält. Da findet sich eine Alltagssprache, die niemals peinlich wird und dazwischen, genau richtig gesetzt, finden sich Sätze von bleibender Schönheit und darum auch Triftigkeit. Hier kann man sich auch für die eigene (Predigt-)Sprache noch etwas abgucken.

Fazit

Der Roman bietet weder ein Sitten- oder Zeitgemälde bundesrepublikanischer Geschichte (Wiebke Porombka, DIE ZEIT), noch handelt es sich bei ihm in der Tiefe um einen Aussteigerroman für Landlebenromantiker (Morten Freidel, F.A.Z.). Es ist schlicht und gut ein Buch über Frauen, die Heimat suchen. Mich geht diese Heimatsuche an. Und außerdem habe ich gelacht, geschmunzelt, war gerührt und habe das Buch am Ende etwas widerwillig aus der Hand gelegt, weil es schon vorüber war.

 

Altes Land. Roman.
Dörte Hansen
Knaus Verlag
19,99 € (gebunden)
Link zur Verlagshomepage

 

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1 Kommentar

  1. Ich habe das Buch auch gelesen und es hat mich direkt in seinen Bann gezogen. Die Figuren wachsen einem unmerklich ans Herz. Man sieht und spürt das alte Land förmlich. Die Charaktere sind lebenswichtigen getroffen und humorvoll etwas ironisch beschrieben. Ich kann den Roman jeden ans Herz legen, der die dunklen Zeiten des Krieges in eindringlichen Worten lesen möchte.

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