Rezension – „Mein Vater und der Krieg“ von Hans-Martin Gutmann

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Einer Leseempfehlung meiner Professorin folgend, habe ich das Buch „Mein Vater und der Krieg“ von Hans-Martin Gutmann gelesen. Weil der Lektüretipp bei der Arbeit an einer richtigen „Männerpredigt“ gegeben wurde, laß ich also mit besonderem Blick auf Männerfragen. Das erscheint naheliegend bei einem Buch, dass der Autor aus einem tiefen inneren Bedürfnis geschrieben hat, seinem verstorbenen Vater und seiner Lebensgeschichte nahe zu sein.

Vater-Sohn-Geschichte

Hans-Martin Gutmann, Professor für Praktische Theologie mit Schwerpunkt Homiletik in Hamburg, schreibt über seinen Vater und damit über sich selbst. Denn die lebensgeschichtlichen Erinnerungen seines Vaters, vor allem die in diesem Buch mitgeteilten und kommentierten Passagen aus Jugend, Kriegszeit und Gefangenschaft, sind für ihn bedeutsam geworden, nicht nur aber besonders für seine eigene lebensgeschichtliche Verständigung als Sohn seines Vaters.

Im Wesentlichen besteht das Buch aus zwei Teilen. Im ersten Teil kontextualisiert und interpretiert Gutmann zwei Manuskripte seines Vaters, die dieser unveröffentlicht hinterlassen hat. Gutmanns Vater war ein beliebter Schreiber sog. „Dönekens“ (Anekdoten). In einer Einführung („Eine Entdeckung“) schildert der Autor den zum Verstehen nötigen Hintergrund von Abfassung und eigener Rezeption der Manuskripte.

Es folgen mal kleinere, mal größere Abschnitte aus den Manuskripten, die Gutmann in den Kontext ihrer Entstehungszeit – und wichtiger – in den Zusammenhang der in ihnen geschilderten erlebten Zeit (vor und während des 2. Weltkrieges und aus der Gefangenschaft) einordnet. Dabei ist Gutmann an der Zuspitzung eines eigentümlichen Interpretaments gelegen, nämlich an der Unterscheidung von Binnen- und Außenräumen – überhaupt eines „Innen“ und „Draußen“ – in den Erzählungen seines Vaters.

Für diesen ersten Teil benötigt der Leser wahrscheinlich einen etwas größeren Atem, denn gerade das Verfolgen dieses bestimmten, enggefassten Interpretaments wirft doch die Fragen nach dem „Warum?“ und „Wozu?“ auf, die der Autor bewusst offenlässt und zu deren Beantwortung er erst im zweiten Teil schreitet.

Die Auseinandersetzung mit den Manuskripten ist jedoch nicht nur Grundlage der im zweiten Teil ausgeführten praktisch-theologischen Reflexionen, sondern weiß für den interessierten Leser durchaus zu „unterhalten“. Hier kommt eine persönliche Lebensgeschichte zur Sprache, die aber gerade in unserer Zeit, die in vielen Familien wohl schon durch die Abwesenheit der Zeitzeugengeneration geprägt ist, ihren allgemeinen Wert erhält.[1]

„Innen“ und „Außen“ in unserer Gesellschaft

Im zweiten Teil des Buches, der der „praktisch-theologisch interessierten Reflexion“ gewidmet ist, geht es Gutmann insbesondere um die Wechselbeziehungen zwischen eigener Lebensgeschichte, Politik und Religion. Und dieser Teil ist schon recht außergewöhnlich.

Sicher, es findet sich hier genügend Bekanntes. Das liegt meinem Empfinden nach daran, dass es Gutmann um einen Anschluss seiner Reflexionen des väterlichen Erzählens an die je aktuelle Debattenlage seiner Themen geht. Das geht wunderbar auf.

Der im ersten Teil immer wieder beschworene Unterschied von „Innen“ und „Außen“ in den Geschichten des Vaters wird von Gutmann als grundlegendes Merkmal unserer Gesellschaft beschrieben und dann dekonstruiert. Das macht das Buch besonders dieser Tage aktuell:

Außen und Innen, diese Denk- und Handlungsfigur findet Gutmann nicht nur in der pädagogischen Inklusionsdebatte wieder, sondern entschlüsselt damit auch unseren gesellschaftlichen und persönlichen Umgang mit dem Fremden. Dabei legt Gutmann mit seinen Reflexionen nicht nur eine überzeugende Darstellung der gegenwärtigen Problemlage vor, es klingen immer wieder auch mögliche Lösungsstrategien an.

Alles das hat Gutmann nun nicht als Erster erfunden, aber er hat es doch gefunden und zusammengeführt: für den praktisch-theologisch interessierten Leser ist das Buch deshalb unbedingt lesenswert, weil es bereits Bekanntes aus der Pädagogik, Soziologie und Psychologie theologisch aufnimmt und konzentriert und verständlich darlegt.

Langsamer Luther

Ihren Abschluss finden Gutmanns Reflexionen in einer „langsamen Lektüre“ der Hohelied-Vorlesung Martin Luthers (1530/31). In ihr deutet Luther die Figur der Braut nicht als Metapher für die Kirche oder Maria oder die Seele des Glaubenden (nach Gutmann die drei „Standard-Auslegungen“), sondern als Bild für den Staat. In Folge dessen fallen Staat und Kirche bei Luther – für mich überraschend! – in eins.

Daraus ergibt sich für Gutmann eine Neuakzentuierung eines harmonisierten Gemeinwesens, das als machtvolles inneres Bild „als Energiereservoir und zugleich als Gestalt-Vorlage dienen [kann], sich überhaupt auf den Weg zu machen, Konflikte zu riskieren, sich nicht durch die Trägheit dessen binden zu lassen, was mit der Macht der Tatsachen Plausibilitäten setzt und Unterordnung fordert. Und vor allem: sich von totalitären Poilitikmodellen und Lebensentwürfen niemals restlos faszinieren und aufsaugen zu lassen.“

Damit gibt Gutmann dem traditionell lutherischen Dualismus von Staat und Kirche eine Absage, die umso charmanter ausfällt, da sie an der Hand Luthers selbst erfolgt und aktualisiert gleichzeitig das Konzept von der Königsherrschaft Christi, das vor allem in Westdeutschland in den letzten gut fünfzig Jahren bemüht wurde und doch in der Praxis so wirkungslos blieb.

In Gutmanns Luther-Lektüre entdeckte ich schließlich auch den Erinnerungsschnipsel, der meine Professorin auf die Idee brachte, mir dieses Buch zu empfehlen: Denn es sind gerade die Männer, denen Luther (nicht Gutmann) die öffentliche Sphäre des Staates und damit ein nachgerade erotisches Verhältnis zum Engagement anheimstellt.

Bürger sein und evangelischer Christ sein, das fällt für Gutmann bei Luther zusammen und hat seinen historischen Anker in der städtischen Reformationsgeschichte. Für die Reformation eintreten, hieß Bürger sein und Bürger sein, hieß sich einsetzen für die (einmal eingeführte) evangelische Predigt. Dieses Wechselspiel bezieht Gutmann auf das Verhältnis des heute Glaubenden zur pluralen Gesellschaft und wirbt damit für ein Gemeinwesen, in das sich Christen voll und ganz investieren. Ihr Wirken sollen die Christen „als intime, ja erotisch aufgeladene Attraktion wahrnehmen“.

Den bei Luther deutlich vorhandenen Drang, dieses „harmonische Gemeinwesen“ nach Außen und gegen seine Gegner auch mit Gewalt zu schützen, lehnt Gutmann ab – eingedenk seines Durchgangs zu Innen und Außen als „Grundübel“ gesellschaftlicher und persönlicher Gewalt nur allzu klar.

Abermals kommt er Luther mit Luther oder überspitzt formuliert: er treibt Luther mit Jesus Christus aus, indem er ganz zum Schluss noch einmal und am triftigsten darauf zu sprechen kommt, was auch rigide christliche Binnenraum-Orientierungen überschreiten hilft: die bindende Orientierung an Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi. „Die unabweisbare Erinnerung an den Freund von Prostituierten, ,Zöllnern‘ und ,Sündern‘, von religiös ausgegrenzten und politisch anstößigen Leuten, der außerhalb der Grenzen der Heiligen Stadt (jenseits des heilsamen Binnen-Raums seiner Kultur/Religion) auf schmähliche Weise hingerichtet und von Gott durch die Auferweckung ins Recht gesetzt wurde, öffnet das protestantische Gesellschaftsideal des ,harmonisierten Gemeinwesens‘ von Anbeginn gegenüber denen, die seinen normativen Verhaltenszumutungen nicht entsprechen […].“

Fazit

Mich überzeugt Gutmanns praktisch-theologischer Durchritt an Hand des Unterschieds von Innen und Außen, auf den man sicherlich auch ohne die Lektüre der Manuskripte des Vaters kommen kann. Diese illustrieren aber auf treffende Weise die Gültigkeit des Gedankenspiels. Und ich persönlich empfinde sie auch als Zeitzeugnisse interessant und bedenkenswert.

Es geht Gutmann um eine Überwindung des Denkens und Handelns im Sinne von Außen und Innen, damit um die Bekämpfung von Totalitarismus, Fundamentalismus und Dualismus und die Bewahrung von Frieden und Sicherheit in einer pluralistischen Gesellschaft, die unbedingt bejaht wird. Dieses Anliegen ist richtig und man sollte dankbar sein, wenn theologisches Rüstzeug dazu einmal in dieser Form geliefert wird.[2]

Das Buch ist in einem kleinen Verlag erschienen, daran sollte sich jeder erinnern, der sich wie ich über die zahlreichen Lektoratsfehler ärgert. Leider finden sich mannigfaltig Tipp-, Rechtschreib- und Bezugsfehler. Ihr Verlage, bitte gebt doch wieder mehr Geld für ein ordentlichen Lektorat aus! Das soll nicht vom Lesen abhalten, der Inhalt ist die Mühe wert: Lesen!

Mein Vater und der Krieg
Hans-Martin Gutmann
EBVerlag Berlin
17,90 € (Taschenbuch)
Link zur Verlagshomepage


  1. Zur weiteren Beschäftigung mit der Verfertigung von Lebensgeschichten während der Zeit des Nationalsozialismus und darüber hinaus empfehle ich das Buch „Opa war kein Nazi“ von Harald Welzer, Sabine Möller und Sabine Tschuggnall, Frankfurt am Main 2002. Rezension hier.
  2. Ob nun Gutmanns Luther-Lektüre nicht ein wenig zu gedrechselt ist, gerade weil sie am Ende doch so viel des „authentischen Luther“ bei Seite fallen lassen muss? Auf der Plausibiltät der Lutherinterpretation aber fusst Gutmanns Denke nicht, sie ist nur mehr ein Schmankerl zum Schluss und man wird seine Zusammenführungen und Gedanken, auch ohne dass man ihm in diesem Falle zujubelt, mit Gewinn lesen können.

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