Die latente Kirche unserer Zeit (2/3, Teil 1)

Am 11. Februar habe ich über die manifeste und latente Kirche bei Paul Tillich geschrieben, heute möchte ich – wie angekündigt, wenn auch verspätet – Beispiele für die latente Kirche unserer Zeit vorstellen und zur Diskussion stellen. Dabei handelt es sich um Geistesströmungen, die teilweise von konkreten Gruppen getragen werden. In Ermangelung eines besseren Ausdrucks nenne ich sie einfach „Bewegungen“.

Weil das alles ein wenig länger geworden ist als beabsichtigt, habe ich den zweiten Teil der Serie noch einmal in zwei Hälften geteilt. Ja, jetzt wirds richtig unübersichtlich. Deshalb findet sich am Ende dieses Artikels eine kleine Übersicht über die gesamte Artikelserie. Auch über die Artikel, die erst noch kommen.

Ganz im Sinne Tillichs Methodenvorgabe geht es mir darum festzustellen, was diese Bewegungen mit ihrem kritischen Einspruch sagen, das die Kirche selbst hätte verkündigen müssen. Und, in einem zweiten Schritt, darum offenzulegen, wo die Kirche im Sinne ihres prophetischen Wächteramtes die Anliegen der Bewegungen klären muss, ihre dämonischen Verzerrungen aufzeigen sollte.

Beispiel 1: Grundrecht auf Sicherheit
Der gerade eben vom Posten des Bundeslandwirtschaftsministers zurückgetretene Hans-Peter Friedrich postulierte im Laufe der „Snowden-Affäre“ ein „Supergrundrecht“ auf Sicherheit. Mehr zum Hintergrund des Begriffs schreibt Sönke Paulsen für den Freitag. Der Ausspruch erregte einigen Widerspruch und auch Spott, aber sicher nicht selten auch heftiges Kopfnicken in den Wohnzimmern der Republik. Seit dem Biedermeier gilt der Deutsche immer mal wieder als Schlafmütze, der es zuallerst um Ruhe und Friedlichkeit und Besitzstandswahrung geht. Diese Kritik wird vor allem von Links – was das zu den unterschiedlichen Zeiten auch hieß – formuliert, während die konservativen Kräfte der jeweiligen Epoche, sich der Stärkung des Sicherheitsempfindens widmeten. Hier könnte man noch hunderte Worte anschließen, die Historie und Gegenwart des Freiheits- vs. Sicherheitsdenkens dieser und anderer Bevölkerungen Europas beleuchteten.

Es soll aber einmal zureichen festzustellen: Anders als von der jeweiligen Avantgarde (heute links-liberales Internetbürgertum ohne politische Repräsentanz) goutiert, hat der „Normalbürger“ ein großes Interesse daran, sich sicher fühlen zu können. Umso weniger er von den eigentlichen Vorgängen versteht, desto größer wird dieses Bedürfnis ausfallen. Es steht in der Verantwortung der politisch Handelnden, und unter ihnen besonders der Konservativen, dieses Bedürfnis nicht nur durch Postulate in Anspruch zu nehmen, sondern in den Grenzen der je geltenden Rechtsordnung zu befriedigen. Für die Bundesrepublik Deutschland ist daher ein Supergrundrecht auf Sicherheit weder vorgesehen noch möglich (->Grundgesetz).

Was aber ist der Aufnahme wert? Ganz offenbar gibt es im Angesicht des Neuen, sei es die digitale Revolution oder die Unwägbarkeit der Welt an sich, entstehende Unsicherheiten. Angst, die alles Neue begleitet. Über diese Ängste kann nicht einfach hinweg gegangen werden. Sie müssen auch von den Kanzeln aufgenommen, transformiert und bekämpft werden. Die theologische Aufgabe bestünde darin, zwischen Friedlichkeit und Frieden, Ruhe und nötiger Aufregung, Gemütlichkeit und Geborgenheit im Ungewissen zu vermitteln. Dabei sollte die manifeste Kirche nicht verhehlen, dass in dieser Welt keine letztgültige Sicherheit möglich ist, sondern es nur Heimat auf dem Weg gehen kann.

Beispiel 2: LGBT-Bewegung
Von der LGBT-Bewegung und der gegenwärtigen Debattenlage kann man Einiges lernen. Und die Kirche hat zu mehreren der verhandelten Gegenstände etwas zu sagen. Es soll aber einmal nicht um die Frage der religiösen Diskriminierung oder um die Frage der rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung und auch nicht um Stilfragen gehen, sondern allein darum, dass uns durch die Aktivisten der LGBT-Bewegung vorgeführt wird, was in Liebesbeziehungen unter Menschen denn eigentlich wichtig ist.

Nämlich, dass es nicht auf die Form der Beziehung und das Geschlecht und die Sexualität der beteiligten Personen ankommt, sondern auf die Qualität der in der Beziehung vermittelten Nähe. „Wenn Sex eine religiöse Dimension hat, dann nur, wenn er nicht allein der Befriedigung sexueller Bedürfnisse dient, sondern ein im wahrsten Sinne des Wortes intimes Geschehen ist. Intimität setzt gleichberechtige Partner voraus, deshalb verdammen die Autoren der Bibel sowohl Päderastie als auch  “Gelegenheits-Verkehr”. Wobei hier keine Häufigkeit (“manchmal”) gemeint ist, sondern eine Motivation (“weil es mir gelegen kommt”). Intimität als tiefster Grund der Sexualität setzt Einvernehmen, Gleichberechtigung und die Bereitschaft voraus, sich mitzuteilen. Sex ist die direkteste Kommunikation, zu der Menschen fähig sind. Eine solche Intimität ist die religiöse Dimension jeder Sexualität.“ (aus Ist Homosexualität christlich? – Versuch einer bleibenden Antwort)

Dort wo dies ermöglicht oder zumindest versucht wird, muss sich auch die manifeste Kirche investieren. D.h. auch, dass sie ihren Schutz von der „traditionellen“ Familie nicht abziehen muss. Wohl aber muss sie deren Vergötzung aufgeben. „Immer dann, wenn die Religion eine einzelne Sozialform nicht nach ihrem tiefsten Grund befragt, sie transzendiert und unter ihr Gericht stellt, kommt sie ihrer Sendung, nach dem Unbedingten zu fragen, nicht nach, sondern setzt Bedingtes an seine Stelle.“ Es kommt nicht auf die Form der gelebten Partnerschaft an. Im Politischen muss die Kirche „sich von ihrer vormaligen Heiligung einzelner Sozialformen lösen. Es darf weder heterosexuelle, noch homosexuelle Partnerschaften an sich heiligsprechen. Es muss sich dort investieren, wo Menschen nach dem Unbedingten fragen. Die Gleichstellung homosexueller Menschen muss daher als Anliegen der Christenheit gelebt werden.“ (ebenda, s.o.) Aus gleicher Begründung sollte die manifeste Kirche dort Einspruch einlegen, wo sich die LGBT-Bewegung überspannt, indem sie die Notwendigkeit und Möglichkeit echter menschlicher Beziehung an sich negiert.

Teil 2 des zweiten Drittels der Artikelserie folgt bald.

Artikelserie Die latente Kirche
Manifeste und latente Kirche (1/3)
Die latente Kirche unserer Zeit (Teil 1, 2/3)
Die latente Kirche unserer Zeit (Teil 2, 2/3)
Die latente Kirche predigen (3/3)

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