Manifeste und latente Kirche (1/3)

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In meinem letzten Unter Heiden-Artikel schrub ich über die Kirchen in (Ost-)Deutschland und die Frage, ob sie in Zukunft Volkskirche 2.0 werden wollen oder sich weiterhin zum Bekenntnisverein degradieren. Eine der entscheidenden Fragen für die Kirche in ganz Deutschland ist die, ob sie bereit ist, es als ihre Aufgabe anzunehmen, in Bewegungen außerhalb der christlichen Kirchen – gar solchen, die den Kirchen gegenüber feindselig eingestellt sind – einen Teil ihrer Sendung zu erkennen, sich von diesen Bewegungen befruchten und inspirieren zu lassen, ihre Ziele zu den eigenen zu machen und ihre Verabsolutierung unter das Gericht des Evangeliums zu stellen.

Manifeste und latente Kirche
Schon im 20. Jahrhundert stellte der Theologe und Philosoph Paul Tillich eben diese Frage an die Kirchen seiner Zeit. Ein Erklärungskonstrukt nennt er das Nebeneinander von manifester und latenter Kirche. Die manifeste (lat. manifestus „handgreiflich gemacht“) Kirche ist die sichtbare Christenheit: ihre Religionsgemeinschaften, ihr Vereinswesen, ihre diakonischen Einrichtungen, ihre politischen Vertreter.

Um zu erklären, was Tillich mit latenter (lat. latere „verborgen sein“) Kirche meint, müssen wir ein wenig in sein Denken eintauchen. Tillich geht von einem existentiellen Religionsbegriff aus, nach dem Religion das ist, was uns unbedingt angeht. Unsere partiellen Anliegen gründen alle in einem größeren (Raummetapher) oder ewigen (Zeitmetapher) Anliegen, nämlich im Streben des Menschen, seinem Leben Sinn zu geben. Die Quelle dieses Sinns bezeichnet Tillich als Gott. Gott ist der Sinn- und Seins-Grund und als solcher allen unseren partiellen Anliegen immanent.

Was uns unbedingt angeht
Ein Maler, der mit ganzem Ernst die menschliche Situation abzubilden versucht, ist zugleich auf der Suche nach dem, was uns unbedingt angeht. Ein Schauspieler, der den Versuch unternimmt, einen Charakter in seinem Innersten zu treffen, ist zugleich auf der Suche nach dem, was uns unbedingt angeht. Der Revolutionär, dem es um die Befreiung  der Menschen aus politischer Ungerechtigkeit geht, ist zugleich im Kampf um das, was uns unbedingt angeht. Es muss sich nicht um eine kreative oder intellektuelle Handlung handeln: auch der Arbeiter, der sich nach vollbrachtem Tagwerk an den Abendbrottisch setzt, hat in der Erfüllung seines Lebensinns Anteil an dem, was uns unbedingt angeht (->Luther). Tillichs Kultur- und Religionsbegriff ist weit offen und zugleich vereinnahmend. In Tillichs eigenen Worten:

„Religion als das, was uns unbedingt angeht, ist die sinngebende Substanz der Kultur, und Kultur ist die Gesamtheit der Formen, in denen das Grundanliegen der Religion seinen Ausdruck findet. Abgekürzt: Religion ist die Substanz der Kultur, und Kultur ist die Form der Religion.

Nach Tillich ist jeder religiöse Akt kulturell geformt, und jede Kultur verfolgt in ihren Teilanliegen letztlich ein letztes, religiöses Anliegen. Kultur und Religion sind nicht voneinander zu trennen. „Kirche und Kultur liegen ineinander, nicht nebeneinander.“ Die latente Kirche setzt sich nach Tillich aus Gruppen zusammen, „in denen die Erfahrung dessen, was uns unbedingt angeht […], unter kulturellen Formen verborgen ist.“

Die prophetische Rolle der manifesten Kirche
Der manifesten Kirche, als Ort der Offenbarwerdung dessen, was uns unbedingt angeht, kommt daher eine prophetische Rolle zu. „In ihrer prophetischen Rolle ist die Kirche der Wächter, der dynamische Strukturen der Gesellschaft enthüllt und sie durch die Enthüllung ihrer dämonischen Macht beraubt. Eine solche Funktion erfüllt sie auch gegenüber sich selbst.“ Gegen sich selbst, weil auch die Kirche als der Teil der Kultur in der gleichen Gefahr steht, ihre Strukturen, ihre partiellen Anliegen zu verabsolutieren. Tillich nennt dieses Absolutsetzen des eigenen Anliegens dämonisch. Die prophetische Aufgabe bestünde also in einer „Scheidung der Geister“, der Enthüllung der dämonischen Qualität gesellschaftlicher Phänomene in und außerhalb der manifesten Kirche.

Tillich erkennt, dass die manifeste Kirche diesem Anspruch nicht gerecht wird. Für seine eigene Epoche betrachtet er beispielhaft den Umgang der Kirche mit dem Kommunismus. Weil die Kirchen die prophetische Stimme im Kommunismus nicht hörten, konnte sie weder von ihm lernen, noch seine dämonischen Möglichkeiten erkennen. Zu einer Zeit, als die kommunistische Bewegung über ihren letztlich kirchenfeindlichen Weg noch nicht entschieden hatte, nahm die Kirche nicht wahr, dass unter den Anliegen der Arbeiterbewegung und des Kommunismus ihr eigenes letztes Anliegen verborgen lag.

Als eine weitere prophetische Stimme seiner Epoche sieht Tillich den Existentialismus. Ihn aufzunehmen und zu transformieren, das heißt auch, ihm seine dämonische Spitze zu nehmen, ist Tillichs philosophisches Anliegen. Er will zuhören, weil er am Grunde des Existentialismus das gleiche letzte Anliegen spürt, wie es die Kirchen verkörpern sollten.

„In der Erfüllung dieser Aufgabe gehorcht sie [d.h. die Kirche] den prophetischen Stimmen, die von außen kommen, und richtet sowohl die Kultur als auch sich selbst, insofern sie ein Teil der Kultur ist. Wir haben uns auf solche prophetischen Stimmen in unserer Kultur berufen [u.a. Kommunismus, Existentialismus, Expressionismus]. Viele von denen, die so gesprochen haben, gehören nicht als aktive Glieder zur „manifesten Kirche“, aber vielleicht könnte man sie Glieder der „latenten Kirche“ nennen […]. Gelegentlich kommt die latente Kirche zur Erscheinung. Dann sollte die manifeste Kirche erkennen, dass in deren kritischer Stimme das spricht, was sie selbst hätte verkündigen müssen, uns sie selbst sollte die Kritik annehmen, selbst dann, wenn die latente Kirche ihr feindlich erscheint. Aber die Kirche sollte auch als ein Wächter gegen die dämonischen Verzerrungen stehen, der alle Bewegungen zum Opfer fallen, die sich nicht unter das Urteil dessen stellen, was uns in Wahrheit unbedingt angeht: des Göttlichen.“

Die latente Kirche unserer Zeit
Gibt es auch in unserer Zeit Bewegungen und Gruppen, die diesem Verständnis nach latente Kirche sind? Von denen die Kirche zu lernen hat, sich in Frage stellen lassen muss? Denen aber die Kirche im Umkehrschluss auch zu geben hat, in dem sie zur Läuterung und Einordnung, zur Enthüllung des menschenfeindlichen und dämonischen Potentials solcher Bewegungen beiträgt?

Ich bin mir da sicher und stelle im zweiten Teil dieses Artikels vier fünf vier „Bewegungen“ der Gegenwart vor, von denen ich denke, dass sie latente Kirche unserer Zeit sein können. Und von denen ich hoffe, dass sich die manifeste Kirche ihnen nicht verschließt und von ihnen nicht verstoßen wird.

Mehr:
„Das, was uns unbedingt angeht – Eine Erinnerung an Paul Tillich anlässlich seines 125. Geburtstags“ von Christian Danz
– Präsentation „Paul Tillich – Student, Theologe und Philosoph“ im Downloadbereich
– „Die Aneignung des Neuen Seins“ mit weiteren Gedanken zur latenten Kirche

(Die Zitate sind entnommen aus Paul Tillich: Die verlorene Dimension, Religion und Kultur, Furche-Verlag Hamburg 1962. Tillich führt seine Gedanken rund um die latente Kirche und ihr Verhältnis zur manifesten Kirche im Dritten Teil seiner Systematischen Theologie komplexer und zum Teil verändert aus.)

Artikelserie Die latente Kirche
Manifeste und latente Kirche (1/3)
Die latente Kirche unserer Zeit (Teil 1, 2/3)
Die latente Kirche unserer Zeit (Teil 2, 2/3)
Die latente Kirche predigen (3/3)

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