Heimat auf dem Weg – Gedanken zur Jahreslosung 2013

Die Jahreslosung für das Jahr 2013 lautet: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Ich möchte mich ein wenig mit der Losung aus dem Hebräerbrief beschäftigen und schauen, in wie weit sie in unsere Situation hineinsprechen kann.

Gesellschaft
„Weihnachten entscheidet sich unterm Baum.“ So warb die Elektronikmarktkette Mediamarkt im Advent 2011 um Kunden. Abgesehen davon, dass in diesem kurzen Satz ein scheinbar allgegenwärtig akzeptierter und praktizierter Materialismus behauptet wird, liegt in ihm auch ein Fünkchen Wahrheit. Denn ist es nicht so, dass wir mit dem Weihnachtsfest Bilder, Wünsche und Vorstellungen verbinden, die unserem tatsächlichen Leben nicht entsprechen? Frieden, Geborgenheit, Heimat. Man kann die vielfältigen Verbrämungen des Christfestes zum „Fest der Liebe“ kritisieren – sollte es sogar – aber es darf nicht vergessen werden, dass in der Tiefe solcher Beschreibungen, Wünsche und Bilder der Menschen liegen, die von Geborgenheit, Ankunft und Frieden sprechen.

Ich nutze einmal die Jahreslosung 2013 für die Kritik an Weihnachten: Wir haben hier keine bleibende Stadt. Das heißt, bei aller verständlichen Sehnsucht nach Momenten der Einigkeit, Gemütlichkeit und Friedlichkeit wird auch an Weihnachten die Realität unseres Lebens nicht gänzlich bei Seite geschoben. Und diese Realität ist eben nicht Friede-Freude-Weihnachtsgans, sondern Fragment. Deshalb können wir zu Recht idealisierte Bilder der Weihnacht ablehnen, die uns eine unverletzte Wirklichkeit vorsetzen. Mit der Jahreslosung sollten wir das Weihnachten der „Reichen“ kritisieren. Derjenigen, die alles zu besitzen und zu wissen glauben, wenn sie den Idealbildern einer bürgerlichen Weihnacht hinterher leben, in der nur alles recht einig und gemütlich und friedlich zu sein hat. Derlei opiatische Nutzung auch der religiösen Gehalte der Weihnacht tritt das Bibelwort der Jahreslosung entgegen.

Im Licht der Jahreslosung werfe ich einen Blick auf die gegenwärtige Situation, die auch die Weihnacht nicht ändert. Global wird der Mensch auf die Krise eingeschworen. Der Begriff „Krise“ scheint sich mir abgestumpft zu haben, kein Tag vergeht ohne irgendeine neue Krise, während die Krisen des letzten Tages in keiner Weise bewältigt sind. Die Dauerkrise ist langweilig geworden, die Rede von der Krise vermag es nicht mehr uns wachzurütteln. Die Krise ist normal geworden. Krise in der Medizin bezeichnet den Zeitpunkt, an dem der Krankheitsverlauf kippt, den Punkt, an dem Heilung beginnt. Wir leben, so schallt es allenthalben, in permanenter Krise. Steht das Leben des Menschen also jederzeit auf der Kippe?

Es ist, sowohl global als auch privat, geprägt von Phänomenen, die wir allzu leicht einer Krise zurechnen, die wir aber mit Menschen aller Zeiten teilen: Unsicherheit, Zukunftsangst, Desozialisation, Entsolidarisierung und der Herrschaft des Egoismus. Nicht erst heute stehen wir diesen Unwägbarkeiten gegenüber, sie prägten auch das Leben unserer Vorfahren. Verstärkung erfährt diese allgemein menschliche Situation nur durch ihre globale Übersteuerung, so dass, wie bei einer schlecht eingestellten Soundanlage, das Fiepen im Ohr immer lauter wird.

Und doch, das Streben des Menschen, soweit es sich immer wieder aus diesen Phänomenen lösen kann, weist in eine Richtung. Wir teilen die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man bleiben kann, der Heimat wird.

Losung
Die Jahreslosung für das Jahr 2013 stammt aus dem Hebräerbrief (Kapitel 13, Vers 14 Lut). Sie spielt mit der Vorstellung der immerwährenden Pilgerschaft des Menschen auf Erden. Kaum einer von uns wird sich als Pilger und sein Leben als Pilgerweg verstehen. Das Bild der Pilgerschaft kann uns trotzdem etwas sagen. Unser Leben bleibt in Bewegung. Das heißt, es muss nicht so bleiben, wie es jetzt ist. Aber auch berechtigte Sehnsucht nach Rast und Ruhe wird nicht erfüllt. Eine Pilgerschaft kennt einen Anfang und ein Ende. Den Anfang müssen wir in der Entscheidung sehen, uns immer wieder neu auf den Weg zu begeben, das Leben anzufangen. Das Ende, das Ziel der Pilgerschaft bleibt mit der Jahreslosung im Verborgenen, in die Zukunft hinein gestellt. Es ist auf alle Fälle „Draußen“, um einmal eine Metapher, die nicht aus dem Wortfeld „Zeit“ stammt, zu bemühen.

Vorschnell legen Christen den zweiten Satz der Jahreslosung „denn die zukünftige suchen wir.“ auf ein Leben nach dem Tod, auf eine Wirklichkeit jenseits des letztes Endes der Pilgerschaft aus. Die gegenwärtige Stadt – zeitlich gesprochen – hat keinen Bestand, ebenso auch die zukünftige – zeitlich gesprochen – nicht. Wenn wir unser Denken in Zeitabläufen, auch unser Gewahrsein der Endlichkeit unserer Lebenszeit in das Wort von der zukünftigen Stadt eintragen, verzerren wir es.

Die zukünftige Stadt ist einfach die, die nicht da ist, die „draußen“ ist. Zu ihr können wir uns ins Verhältnis setzen. Als derjenige, der auf eine Hoffnung verzichten will, oder als derjenige der nach ihr sucht. Das Entscheidende ist nicht die Zeitlichkeit der zukünftigen Stadt, sondern die Suche nach ihr. Allein die Sprache, in der wir die Suche und die damit verbundene Hoffnung ausdrücken, ist häufig zeitlich.

Ich möchte die Jahreslosung nicht auf eine irgendwo, irgendwann, irgendwie anbrechende Ewigkeit hin auslegen. Ewigkeit kann nur im Hier und Jetzt erfahren werden. Ewiges Leben taugt nicht als Vertröstung, denn es bedeutet nicht ein anderes, besseres Leben nach dem Tod, sondern eine Teilhabe an der Ewigkeit, aus der unser endliches Sein kommt und zu der es zurückkehrt. Diese Teilhabe ist nur im Moment möglich.1

Heimat auf dem Weg
Die zukünftige Stadt ist das Symbol für Heimat und alle Bilder, die wir damit verbinden. Das sind dann keine Kleinigkeiten mehr. Nicht Friedlichkeit, sondern Frieden. Nicht Gemütlichkeit, sondern Geborgenheit. Nicht Einigkeit, sondern Einheit.

Bis in das Mittelalter hinein galt das Elend als Gegenteil der Heimat, nicht die Fremde. Unsere Lebenserfahrung sagt uns, dass wir unser Leben lang aus Heimaten ausziehen müssen. Für die Jungen ist der Auszug Chance auf Bewährung und Wachstum, für die Älteren Ausbruch aus eingefahrenen Gleisen, der Neues entstehen lassen kann. Dieser Auszug ist die Bedingung für den Glauben der Bibel: nur wer den Schritt ins Freie geht, verlässt sich nicht nur auf sich und kann den Segen empfangen. In diesem Kontext ist auch die Jahreslosung zu verstehen: Halte Dich nicht unnötig fest an dem was ist: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Zur Erkenntnis, hier keine bleibende Stadt zu haben, tritt die Gewissheit, mit einem Ziel unterwegs zu sein. Insofern suchen wir alle immer wieder die zukünftige Stadt, denn ein jeder von uns verfolgt ein Ziel. Mancher ein wenig zögerlich, der andere mit ganzen Herzblut. Das sind unsere Ziele, unsere zukünftigen Städte, an denen wir bauen können. Auch diese Bemühungen richtet das Wort von der zukünftigen Stadt, denn auch unsere je eigene Zukunft bliebe für uns nur bedingte Heimat. Das gilt für unsere privaten Ziele genauso wie für die globalen Utopien. Sie verfügen nur über bedingte Kraft und Haltbarkeit. Zurzeit erleben wir wieder einmal das Vergehen einer globalen Utopie, des Kapitalismus. Er wird vergehen, wie alle Utopien vergehen, die keine Einsicht darin haben, dass nicht sie selbst die zukünftige Stadt sind, wie viel Gutes sie im Einzelnen auch mit sich bringen.

Hans im Glück
In unserer der Jahreslosung geht es wie im Märchen Hans im Glück um eine unbedingte Heimat. Im Märchen bricht Hans mit einem Goldklumpen beschenkt nach Hause auf, das er mit leeren Händen erreicht. Der Hans, der am Ende des Märchens zu Hause ankommt, hat nichts und ist darum erleichtert. Er wandert heim, „denn er hat etwas viel Wertvolleres als Gold, Pferd oder Kuh: Er hat ein Ziel. Und dort jemanden, der ihn liebt.“2.

Am Ziel wartet jemand, der ihn liebt. Das zu haben, bedeutet Glück. Die zukünftige Stadt liegt „draußen“, dort wo auch Jesus war – zu Beginn und am Ende. Das Ziel ist nicht zeitlich zu verstehen und zu erwarten, sondern in der Gegenwart zu ergreifen. Die zukünftige Stadt ist Heimat auf dem Weg, ist Gegenwart Gottes im Moment.

 

PS:
Hier geht es zur Jahreslosungspostkarte des Stadtjugendpfarramts Dresden.
Und hier geht es zum kompletten Text von Sabine Rückert.

 

1 s. Paul Tillich, Brief an Cecile
2 Sabine Rückert, ZEIT Geschichte – Die Brüder Grimm, Nr. 4 2012, S. 45

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4 Kommentare

  1. Herzlichen Dank für Ihre guten und tiefen Gedanken zur Jahreslosung. Sie werden mir am heutigen Tage eine ganz wichtige Hilfe sein, wenn es nun vom Jahre 2012 ins das neue Jahr 2013 geht.
    Ich danke Ihnen und wünsche Ihnen und uns allen, dass wir weiter auf dem Weg bleiben in der Suche der zukünftige Stadt (Wohnstatt).

    R, Dreut

  2. Lieber Herr Greifenstein,
    danke für Ihre Interpretation der Jahreslosung 2013. Ich denke ähnlich und doch haben Sie mir wertvolle Anregungen gegeben. Z.Z. leite ich eine Einkehrzeit im Kloster Germerode b. Kassel mit diesem Thema.

    Beste Grüße und ein gesegnetes Neues Jahr 2013

    Willi Stiel

  3. Danke für den Text, hab ihn als Hilfe für meine Andacht für die JG benutzt. Schön das es nicht immer nur um das Leben nach dem Tod geht.

    Tschau
    Sven

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