Weihnachtsgeheimnis? – Weihnachtsandacht

Vielleicht habt ihr zu Hause bei Euch ja auch eine Weihnachtskrippe. Wir neigen dazu, eine Weihnachtskrippe als nur eine weitere Form von weihnachtlichem Schmuck zu sehen. Die Weihnachtskrippe ist aber Vergegenwärtigung einer Geschichte, auch wenn es sich bei dieser Geschichte nicht um ein historisches Ereignis handelt.

Bei meiner Mutter stehen gleich zwei. Eine davon ist ganz schlicht. Die Figuren sind aus Gips und unbemalt. Die Krippenfiguren stehen nicht einmal unter einem schützenden Dach. Aber sie sind alle da, die Protagonisten der Weihnacht: die Weisen, die Hirten, Schafe, ein Ochse und ein Esel, dazu Maria und Josef. Alle sorgsam gruppiert um einen Futtertrog, in dem ein kleines Kind liegt. Jede dieser Figuren hat eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat, aber die sollen uns heute einmal egal sein. In der Weihnachtserzählung des Lukas fehlen die Weisen. Selbst dem begnadetsten Erzähler des Neuen Testaments kann nicht alles einfallen. Aber wir müssen auf die Weisen nicht verzichten. Wir finden sie in der Weihnachtserzählung des Matthäus. Auch ihre Geschichte will ich heute nicht erzählen, es genügt schon zu wissen, dass sie von allen Protagonisten der Weihnacht, diejenigen sind, die uns am meisten ähneln.

Die Weisen sind Suchende, die das Sternenzelt erforschen, um Antworten zu finden auf ihre Fragen. Sie folgen einem besonders hellen Stern, und finden am Ende ihrer Reise ein Kind, dass in einem Futtertrog gebettet liegt. Viele von uns sind auch Suchende. Wir suchen nicht mehr am Sternenhimmel nach Antworten auf unsere Fragen. Wir bemühen unseren Verstand, vertrauen auf die Wissenschaft – aber viele von uns sind auf der Suche nach Wahrheit. Nach einer letzten Wahrheit, vielleicht. Vor allem aber danach wie unsere Lebensgeschichte weitergeht. Was die Zukunft für uns bereit hält. Solche Fragen stellen wir besonders, wenn sich unsere bisherige Lebensgeschichte wendet. Wenn wir in eine neue Stadt ziehen, ein Studium beginnen, eine neue Arbeitsstelle antreten. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, oder uns ein Kind geboren wird. Wenn eine Liebe zerbricht oder aufblüht. Wenn ein Traum zerplatzt oder sich neue Möglichkeiten auftun. Wir fragen uns, wie wird es weitergehen und wird es mit mir gut enden. Mit meinem Studium, meinen Freundschaften, meiner Familie. Wir sorgen uns, um uns, und um die, die wir lieben.

Viele Menschen suchen Orientierung und Trost in einem Glauben, der ihrem Leben Sinn geben soll. Das christliche Sinnangebot besteht in der Botschaft, dass unser eigenes Lebensglück an das Glück des Anderen gebunden ist. Wir uns weder aus der Gemeinschaft der Menschen, noch aus unserer Gebundenheit an unser eigenes Leben stehlen können – es sei denn zum Preis der Aufgabe unseres Lebens. Das ist gemeint, wenn Christen von der Menschwerdung Gottes sprechen. Dass sich Gott an ein Menschenleben, an jedes Menschenleben unwiderruflich gebunden hat.

Aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir das nicht so genau. Es ist unsere Vermutung davon, wie Gott es mit uns meint, wie Gott ist. Eins können wir mit Sicherheit sagen: Gott ist geheimnisvoll. Allein schon die Angewohnheit, immer das Schwache zu erwählen und nicht die Starken, sich die Ohnmacht zu Eigen zu machen, und nicht in Herrlichkeit aufzutrumpfen. So denken wir einfach nicht, so stellen wir uns das einfach nicht vor, das ist nicht der Weg der Menschen. Unser Weg führt uns in eine große, pulsierende Stadt, nicht in ein kleines Nest wie Bethlehem.

Am Ende stehen wir wie die Weisen vor einem Kind. Alle guten Weihnachtsgeschichten erzählen von der Suche des Menschen nach Antworten, nach Sinn, nach Frieden. Und sie erzählen von einem Gott, der andere Wege geht und anders denkt als wir. Am Ende der Reise, so will es die Weihnachtsgeschichte, stehen wir wie die Weisen vor einem Kind.

Was ist also mit diesem Kind gemeint? Das Kind ist das mächtige Symbol für den Anfang. Des Anfangs jedes Menschen, seiner Geburt, der Anfänge jedes Menschenlebens, seiner Wiedergeburt. Einmal wurde ich als Einzigartiger in die Welt, in die Geschichte und in die Gesellschaft der Menschen hineingestellt. Der Mensch ist in seinem Wesen mehr, als einfach nur eine Kreatur die da ist, sich entwickelt, eine Zeit lang lebt und vergeht, sondern ein Jemand, der selbst im Besitz der Fähigkeit ist, anzufangen. Das Kind ist das Symbol für den Anfang. Eine Aufforderung zum tätigen Leben, zum Anpacken, zum Planen und Träume verwirklichen. Zum Kümmern, zum Scheitern, zum Aufstehen und Weiterleben. Das alles ist mit dem Bild des Kindes gemeint. Und all das können wir, weil es in unserer Geburt schon angelegt ist.

Der letzte Vers der englischen Originalversion des wunderbaren Lieds „O Bethlehem, du kleine Stadt“ ist ein Gebet: O holy child of bethlehem, descend to us we pray, cast out our sin and enter in, be born in us today.

Es ist ein Gebet darum, eine Erinnerung daran, dass wir Menschen des Anfangs werden. Denn es ist an uns, aktiv zu werden, Entscheidungen zu treffen, Hilfe bei anderen zu suchen, Entschlossenheit und Mut zu finden und Durchblick zu gewinnen.

Zu anderen Zeiten aber geht es um etwas viel weniger eifriges. Bisweilen braucht es nur ein wenig Freundlichkeit. Ein wenig von Gottes Freundlichkeit, der wir – wenn auch nur für einen Moment – trauen.

Es gibt eine Zeit, in der auch die anstrengendste Suche zu einem Ende kommt. Auch wenn nicht jede Antwort gefunden wird, und wir wie die Weisen nur vor einem neuen Anfang stehen. Ich glaube, dass Gott will, dass wir schon am Anfang Frieden finden, dass wir wissen, dass jeder Anfang behütet ist, auch wenn er selbst für uns geheimnisvoll bleibt: Jesaja 55, 8: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR. Ich glaube, was damit einfach gemeint ist, ist: Ich bin geheimnisvoll, Leute. Lebt damit.

Frohe Weihnachten!

Ergänzung: Hier finden sich gute Gedanken zur Auslegung der Weihnachtstexte im NT.

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