Die Bekehrung des Paulus predigen (2)

Gestern hatte ich angekündigt, dass ich im Vorfeld der Predigt über die Bekehrung des Paulus (Apg 9, 1-20) am Sonntag weitere Predigtideen hier auf dem Blog posten werden. Heute will ich zwei mögliche Zugänge kurz anreißen. Ich werde einfach weiter von Predigtideen sprechen. Auch wenn das immer ein wenig problematisch ist, gehe ich für diese Artikelserie einfach mal davon aus, dass man nicht ohne einen ersten, zündenden Einfall eine Rede halten kann. Gleiches gilt m.E. für die Predigt, auch wenn bei ihr als geistlicher bzw. seelsorglicher Rede natürlich auch andere Aspekte hinzutreten.

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Predigtidee 1: Kann sich ein Mensch wirklich verändern?
Im Bibeltext geht es um eine Bekehrung, darum, dass Paulus sich wandelt. Vom Christenverfolger zum Verkündiger des Evangeliums. Vom selbstsicheren Ankläger zum ohnmächtigen Blinden zum Rekonvaleszenten, der sich Speise geben lässt und sich stärkt, zum Überzeugungstäter in Sachen Jesus Christus. Die Wunderhaftigkeit seiner Erblindung und seiner Heilung durch Hananias spielt für diesen Wandel eine wichtige Rolle. Erzähltechnisch sowieso und auch theologisch, den jede Bewegung der Bekehrung wird vom auferstandenen und entrückten Jesus selbst bzw. durch den Heiligen Geist bewirkt. Es wäre also möglich zu fragen, ob Menschen durch die Begegnung mit Jesus Christus und dem Heiligen Geist tatsächlich wandeln d.h. bekehren können? Wohlgemerkt nicht durch den Glauben an Jesus Christus als ihren Herrn  und Heiland, nicht wahr?

Denn Paulus gelangt ja nicht durch seinen eigenen Glauben hindurch, sondern ganz durch das Wirken Jesu bzw. das seines Jüngers Hananias. Das lässt Paulus seltsam objekthaft erscheinen. Es nimmt aber auch eine „Stilfigur“ paulinischer Theologie auf: In der eigenen Unzulänglichkeit verwirklicht sich Gott. Paulus als Apostel ist ein Werkzeug des Geistes, der durch ihn wirkt.

Die Frage, ob die Begegnung mit Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist, mithin mit Gott zureichend dafür ist, dass ein Mensch sich wandelt, bleibt bestehen. Ich will aber einmal grundsätzlicher fragen, ob ein Mensch überhaupt zu einem wirklichen Wandel fähig ist? Kann er Entscheidungen bereuen und so er die Chance erhält korrigieren? Selbstverständlich. Kann er von bestimmtem Handeln lassen und sich stattdessen zwingen, anders zu handeln? Sicher. Aber ist er zu charakterverändernden Wandel begabt?

Der Neurobiologe Gerhard Roth gibt im Interview mit DER ZEIT zu: „Die Persönlichkeit verfestigt sich schon sehr früh, zwischen dem zehnten und zwölften Lebensjahr ist dieser Prozess weitgehend abgeschlossen. Danach kommen noch soziale Erfahrungen hinzu, die allerdings nicht mehr viel an den eigentlichen Persönlichkeitsstrukturen ändern: Man lernt, dass man in der Öffentlichkeit nicht in der Nase bohrt, macht es aber trotzdem, wenn man alleine ist.“

Verändert sich Paulus nicht wirklich, sondern setzt seinem, milde formuliert, Engagement nur ein anderes Ziel? Ist es derselbe Ehrgeiz, den er erst gegen die Christen richtet und dann für das Evangelium einsetzt? Oder wandelt sich Paulus tatsächlich? Vieles, das man in den sieben Briefen des Paulus lesen kann, spricht für einen lebenslangen Kampf, nicht für eine einmal abgeschlossene Wandlung. Paulus wird wohl immer ein ziemlich anstrengender Zeitgenosse geblieben sein, auch wenn er durch seine Begegnung mit Jesus Christus und seinen Jüngern wohl zunehmend lernte, wie er mit diesen schwierigen Seiten seiner Person umzugehen hat. Vielleicht ist ja auch seine Betonung der eigenen Schwäche wenigstens zu einem kleinen Teil pathologisch?

Gerhard Roth sagt im Interview, dass bei Depressions-Patienten und Suchtkranken nach längerer Therapie tatsächlich deutliche Veränderungen im Gehirn erkennbar werden. Und, dass er glaubt, dass auch kleinere Persönlichkeitsveränderungen sich so manifestieren, auch wenn sie nicht so deutlich erkennbar sind.

Dass Menschen sich tatsächlich wandeln können, daran zweifle ich immer wieder, wenn ich Menschen begegne, die offensichtlich nicht aus ihrer Haut können, die immer wieder in die gleichen Muster zurückfallen, scheinbar keinen Schritt voran kommen. Nochmehr aber nährt sich mein Zweifel daran, dass ich mir selbst solchen Wandel nicht zutraue.

Ob für solchen Wandel, eine wirkliche Kehrtwendung im Leben, tatsächlich allein die Begegnung mit Gott zureicht oder ob nicht tatsächlich (gerade von Protestanten) mehr vom Wirken des eigenen Willens und äußerer Umstände gesprochen werden muss; ich weiß es nicht, tendiere aber dazu. Doch dass Gott zu mir kommt, wenn ich für alles Andere blind geworden bin und zu mir redet, auch wenn ich ihn nicht verstehe, reicht, um mir ein wenig Hoffnung zu geben.

Gerhard Roth sagt, dass es vor allem darauf ankäme, sich selbst besser kennenzulernen. Für jemanden, der von Gott nicht loskommt (vice versa), heißt das, auch Gott kennenzulernen. Dafür brauchen auch wir Jünger und Jüngerinnen Jesu, die zu uns kommen, uns die Blindheit nehmen und Sprache zurückgeben.

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Predigtidee 2: Damaskuserlebnis
Diese Idee habe ich geklaut, und zwar von Adrian Plass (Blind Spots in the bible, The Bible Reading Fellowship, 2007)1. Die Frage(n) die er stellt, scheinen auf den ersten Blick ziemlich simpel und wenig theologisch-reflektiert. Aber mal ehrlich, wer hat sich das nicht auch schon einmal – vielleicht in anderen Worten – gefragt. Die Fragen: „Why not let everyone have am Damascus Road moment? Why not let me have one?“

Er fährt fort damit, Paulus ein wenig zu beneiden. Nicht unbedingt für die Umstände seines Damaskuserlebnisses, aber darum, dass er einen unmissverständlichen Ruf (hier zur Verkündigung) erhalten hat, der ihn ohne Zweifel an der Realität und Wertigkeit seiner Begegnung mit Jesus Christus zurücklässt. Und fragt sich, warum Gott nicht Gleiches für hunderte, ja tausende Menschen tut, deren Leben sicher für immer verändern würden. Wäre es nicht sinnvoll, dass jeder sein eigenes Damaskuserlebnis erlebte? Alle unsere Zweifel wären von einer eindeutigen Begegung mit Gott ausgelöscht.

Nein, meint Plass, unser Wachstum im Glauben an Dinge, die man nicht sehen kann, hat viel bereicherende und substantiellere Folgen für unsere Leben, als wir es uns häufig vorstellen können. Wie auch immer es sich damit verhält, es sei schließlich der auferstandene Jesus selbst gewesen, der seine zukünftigen Nachfolger selig pries, eben weil sie nicht sehen (Joh 20, 29). Das meint Dich und mich.

Plass schließt damit, einmal zu behaupten, dass Gott uns allen immer wieder erfrischende Einblicke und Hinweise in und auf sein Wirken schenkt. „Sometimes it doesn’t feel like enough, but i suspect that it probably is.“

Soweit Adrian Plass. Ich habe nur noch einen Gedanken anzufügen. Vielleicht liegt es ja doch in unserer Hand, ein richtiges Damaskuserlebnis zu erleben? Immer dann, wenn ich meinen Blick dahin wende, wovor ich die Augen immer wieder verschließe und ich meine Ohren spitze und auf Worte höre, die mir unverständlich und unpassend erscheinen.

 


1 Ich weiß, das ist ein Amazonlink. Gefällt mir auch nicht wirklich, gibt aber keine bessere Variante. Ich verdiene nichts dran.

 

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