Die Bekehrung des Jüngers Hananias – Predigt am 7. September 2014

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Dieses Wochenende steht ganz unter dem Eindruck der Bekehrung des Paulus (Apg 9,1-20). Ein paar Predigtideen habe ich dazu schon aufgeschrieben. Hier folgt nun die Predigt, die ich heute in Andenhausen und Empfertshausen tatsächlich gehalten habe.

Für diese Predigt wurde ich mit dem 2. Platz des Jan-Hus-Predigtpreises ausgezeichnet.

I

Die Bekehrung des Saulus, so ist unser heutiger Predigttext überschrieben. Die Bekehrung des Saulus. Sprichwörtlich sagt man ja „vom Saulus zum Paulus“ werden, wenn einer seine Meinung radikal ändert, wenn er einer Sache erst widersprochen hat, der er jetzt zustimmt. Wenn jemand auf die „richtige“ Seite wechselt.

Und da kann ich gleich zu Beginn einmal ein wenig aufklären: Saulus wurde gar nicht erst zum Paulus und erst recht nicht vor Damaskus, denn der Christenverfolger, der zum Apostel der Heiden werden sollte, trug beide Namen von Geburt an, weil er in zwei Welten lebte. Geboren wurde er als Jude in Tarsus, das liegt heute in der Türkei. Und dort wurde damals Griechisch gesprochen. Wie viele Juden, die in der Diaspora, das heißt nicht in Palästina lebten, hat er auch einen griechischen Namen benutzt: Paulus.

Paulus, der Jude, der einen griechischen Namen nutzt. Paulus, der Pharisäer, der von Kindesbeinen an in der Tora, der hebräischen Bibel, unterrichtet wurde. Paulus, der glühende Verfolger der noch jungen Jesusbewegung. Der Apostel der Heiden, der durch seine Missionsreisen und Gemeindegründungen den Glauben an Jesus, den Christus, nach Europa brachte. Paulus, dessen sieben Briefe wir noch heute lesen und hören und gepredigt bekommen. Aber auch Paulus, der Schwache, der Inhaftierte, der Verurteilte.

Von seiner Bekehrung erzählt uns Lukas in seiner Apostelgeschichte. Eine Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus, so verwunderlich, dass sie uns heute unglaublich erscheint. Paulus erblindet, hört eine Stimme, die er nicht versteht, wird schließlich von einem Jünger Jesu geheilt. Er erhält sein Augenlicht zurück und wenig später predigt er schon in den Synagogen von Jesus, dem Christus.

Paulus findet zum Glauben an den Auferstandenen. In seinem Auftrag zu reisen und zu predigen, wird sein restliches Leben ausfüllen. Paulus Leben nimmt eine Kehrtwende, aber es ist nicht die einzige Bekehrung, die hier geschieht; nicht das einzige Leben, dass hier auf den Kopf gestellt wird.

II

Hananias, der Jünger Jesu in Damaskus, wird damit beauftragt, zu Paulus zu gehen, ihm die Hände aufzulegen, ihn wieder sehend zu machen. Wir wissen nicht viel von diesem Hananias, außer dass ihm dieser Auftrag so gar nicht schmeckt. Zu einem landauf und landab bekannten Feind soll er gehen, unbewaffnet, mit ausgestreckter Hand, er soll ihn segnen und ihm die Blindheit nehmen.

Und Hananias widerspricht. Haben Sie Jesus schon einmal widersprochen? Gottes Weisung als unzutreffend hingestellt? Ganz sicher. Ich auch. Aber würde ich das auch machen, würden Sie ihm widersprechen, wenn er tatsächlich einmal vernehmlich, deutlich zu uns sprechen würde?

Viele Menschen sehnen sich danach, dass Gott zu ihnen spricht, vernehmlich, deutlich. Dass er ihnen sagt, dass es gut mit ihnen wird. Ganz so, wie auch Hananias gesagt bekommt, das Paulus ihn im Traume schon gesehen hat. Und viele Menschen sind zu tiefst davon überzeugt, sie wüssten, was Gott will, weil er es ihnen persönlich gesagt hätte oder weil in ihren heiligen Büchern doch deutlich drin steht, was zu tun ist, um das Reich Gottes aufzubauen, oder die Gesetze Gottes zu halten oder wie man mit den Ungläubigen umgehen soll.

Allen Menschen, die genau zu wissen meinen, was Gott von ihnen will, weil er auf die eine oder andere Weise direkt zu ihnen gesprochen habe – vernehmlich und deutlich -, sollten wir diese Geschichte von Hananias erzählen. Denn was wir von Gott hören, dass passt uns doch erstaunlich häufig sehr gut in den Kram. Ganz anders ergeht es Hananias, was er von Jesus zu hören bekommt, schmeckt ihm überhaupt nicht.

Er freut sich nicht – er spricht ja immerhin mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen – , er ist auch nicht Stolz über seinen Draht „nach oben“, sondern vielmehr ist er skeptisch, unsicher und er hat Angst davor, sein Leben zu verlieren.

Das scheint mir ein guter Gradmesser für wahre Gottesrede zu sein: Wenn Gott zu Dir spricht, dann wirst Du dich dafür nicht rühmen wollen oder vor Freude auflachen, dann wird es dich schütteln und Du wirst alles in Frage stellen und Du wirst Angst haben. Denn was Gott auch immer sagt: es ist sehr wahrscheinlich, dass es dir nicht in deinen Kram passt.

Das gleiche gilt von unserer Bibel und für jedes heilige Buch, dass sich Menschen geschrieben haben. Wenn wir lesen und uns bestätigt fühlen und uns nichts aufstößt, dann sollten wir nochmal nachfragen, wie es Hananias tut. Nochmal lesen, ob dort nicht mehr steht, ein Anspruch an uns, der uns beunruhigt. Heilig halten wir diese alten Texte, wenn wir uns von ihnen in Frage stellen, herausfordern lassen, nicht wenn wir sie als Siegel unserer eigenen Meinung vor uns her tragen.

III

Hananias wird gesagt: geh zu deinem Feind, lege ihm die Hände auf und segne ihn – wie wir es mit kleinen Kindern machen. Er widerspricht, er ringt mit Jesus und seiner Angst und dann geht er und legt seinem Feind die Hände auf und segnet ihn.

Das ist die zweite Bekehrung in unserem Predigttext, es ist die Bekehrung des Jüngers Hananias. Denn obwohl er sagt „Hier bin ich“ wird er erst durch die Begegnung mit seinem Feind bekehrt. Es gibt viele Christen, die sagen „Hier bin ich“, die getauft sind, die zu Jesu Kirche gehören und noch viel mehr gläubige Menschen, die ihre Religion ernst nehmen. Die wirklich glauben; die sich Christen, Moslems oder Juden nennen, die aber nicht bekehrt sind, wie Hananias hier bekehrt wird. Denn es kommt gar nicht auf das Bekenntnis an oder den Taufschein, nicht auf das „Hier bin ich“, sondern darauf, sich herausfordern zu lassen und zu gehen und sei es zu meinem Feind, um ihm die Hände aufzulegen und ihn zu segnen.

Wenn wir Jesus trauen dürfen und dem was er uns von Gott gelehrt hat, dann, dass Gott nicht Gleiches mit Gleichem vergilt, sondern die segnet, die ihn verfluchen. Das ist die Antwort Gottes auf die Welt, die Jesus ans Kreuz schlug. Gott vergilt nicht Gleiches mit Gleichem, und so sollen es auch die Gotteskinder nicht tun. Nicht verurteilen, nicht schelten, sondern segnen. (nach D. Bonhoeffer)

Wie würde sich unser Leben, unsere Welt verändern, wenn wir losgingen und unsere Feinde segnen würden? Wie würde sich ihre Familie, ihr Freundeskreis verwandeln? Wie veränderte sich unsere Welt, die gerade diesen Sommer so voller Kriege ist?

Und ich habe richtig Angst davor, dahin aufzubrechen, weil es nämlich heißt, sich angreifbar und verletzlich zu machen und das will ich nicht. Weil es bedeutete, nicht Recht zu behalten, nicht als Sieger vom Platz zu gehen, sondern zu vergeben, zurückzustecken, sich selbst zu verleugnen.

Und ich fürchte mich davor, weil ich glaube, dass meine Feinde sich mein Segnen nicht gefallen lassen würden, dass sie meine ausgestreckte Hand fortstoßen und mich erschießen oder zumindest verletzen würden, vielleicht auch nur dadurch, dass sie meine Geste nicht ernst nähmen, sondern zurückwiesen und ich als armer Trottel dastünde, mit all meinem Segen, den ich geben will.

Hananias hat die gleiche Angst, denn er hat so viel Schlechtes über diesen Paulus gehört, der die Jünger Jesu jagt. Und diese schlechten Nachrichten stimmen auch noch. Wie so viele schlechte Nachrichten aus Russland und der Ukraine, aus dem Irak und aus Israel ja wirklich stimmen. Und wir glauben zu wissen, aus den Nachrichten und vom Hörensagen, wer unsere Feinde sind und was sie im Schilde führen und wir sind uns sicher, niemals würden sie in die ausgestreckte Hand einschlagen, sich die Hände auflegen lassen.

Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug.

Jesus widerspricht den schlechten Nachrichten, den Gerüchten nicht. Er ist nicht darum besorgt, ihre Falschheit zu beweisen, die Gerüchte und Vorurteile auszuräumen. Sie sind ihm einfach egal. Er weiß, dass Hananias Angst hat, weil er auf die schlechten Nachrichten hört, weil er nach dem gesunden Menschenverstand handelt, der uns sagt, halte dich fern von deinen Feinden, meide die, die Ärger bedeuten, halte dich raus, wenn es dreckig und gefährlich wird.

Und er weiß, dass Hananias nicht durch Argumente und gutes Zureden von seiner Angst vor den Menschen befreit werden kann, und sei es auch die Stimme Gottes im Gehörgang, sondern nur dadurch, dass er seinen Feind berührt. Geh nur hin, denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug.

Unsere Feinde, die Fremden, die Anderen, die Ärger bedeuten, das sind die Werkzeuge Gottes, die er nutzen will, um uns zu bekehren. Uns zu bekehren aus der Angst hinein in das Vertrauen, aus der Schuld hinein in die Vergebung.

Und der Segen Gottes, der wider alle Vernunft ist, komme über uns und unsere Feinde und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 


Diese Predigt habe ich am 7. September 2014 in Andenhausen und Empfertshausen gehalten.

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