Denn ich bin nicht mutig, was Schmerz angeht

Man kann sich das so vorstellen: Ein Papst sitzt mit ein paar Journalisten bei Tee oder Kaffee zusammen, sie fliegen einmal um die halbe Welt. Nach Manila, das ist die Hauptstadt der Philippinen. Für Kinder auf den Philippinen sammelten dieses Jahr die Sternsinger und überhaupt wollte der Papst da schon länger einmal vorbeischauen, denn dort gibt es eine ganze Menge Leute, die auf ihn gewartet haben.

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Im Gespräch fallen dann Sätze, die von den eifrigen Journalisten natürlich mitgeschrieben und veröffentlicht, dann aggregiert und weitergereicht werden. In einem kurzen Text bei ZEITonline finden sich alle in Rede stehenden Äußerungen.

Deine Mudda!
Zum Thema Meinungsfreiheit und Religionskritik sagte der Papst sinngemäß, dass es da Grenzen geben sollte. Er sagte nicht, wer diese Grenzen festzulegen habe. Mir klang es eher wie ein Appell an alle Menschen guten Herzens, es damit einfach nicht zu übertreiben.

„Um zu verdeutlichen, wo genau seine Grenze liegt, wurde der Papst deutlich. „Wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes, Anm. der Redaktion), mein lieber Freund, meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag“, sagte Franziskus. Man könne den Glauben der anderen nicht herausfordern, beleidigen oder lächerlich machen, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa das Oberhaupt der Katholiken.“ – aus „Papst Franziskus zum Faustschlag bereit“ (ZEITonline)

Daraus machten einige beflissene Kommentatoren die verschärfte Aussage, dass der Papst Gewalt als Konsequenz auf Beleidigung durchaus gut findet. Ich hätte da gerne mal Mäuschen gespielt und zum Beispiel gehört, in welchem Ton und genauem Gesprächskontext Bergoglio diese Sätze gesagt hat. Jedenfalls halte ich es für übertrieben, Bergoglio nun anzulasten, er würde für Gewalt eintreten, allzumal er sich ja im Bezug auf die Attentate in Frankreich deutlich äußerte:

„Das Oberhaupt der Katholiken betonte mit Blick auf die Anschläge islamistischer Attentäter auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt, dass man im Namen der Religion nicht töten dürfe. „Das, was gerade passiert, erstaunt uns. Aber denken wir immer an unsere Geschichte, wir haben große Religionskriege gehabt, denken Sie an die Bartholomäusnacht. Wir sind auch Sünder, aber man darf im Namen Gottes nicht töten.“ aus „Papst Franziskus zum Faustschlag bereit“ (ZEITonline)

Aufgeklärte Christenheit, rückständiger Islam?
Auch zu diesen Sätzen gab es zahlreiche Kommentare. So wurde auf der einen Seite gelobt, dass der Papst die gewaltvolle Geschichte des Christentums durchaus mit in den Blick genommen hat. Auf der anderen Seite wurde diese Aussage u.a. vom, von mir sehr geschätzen, Friedrich Küppersbusch in der taz kritisiert:

„Hier lauert auch der Nebenunsatz des Jahres vom „Islam, der die Aufklärung noch vor sich“ habe: Erstens erklärt hier der Hochleistungschrist, der bärtige Lümmel Mohammed müsse nun aber bald mal in die Grundschule. Und zweitens: Es verführt zu glauben, wir hätten schon alles sowieso aufgeklärt verstanden. Und führten Kriege aus selig machenden Gründen.“ – aus „Wie geht es uns Herr Küppersbusch?“ vom 18.1.2015 (taz)

Nun ja. Jeder Satz, der geschrieben oder gesagt wird – auch solche, die in Gesprächen in einem Flugzeug geäußert werden – ist interpretationsfähig. Auch gibt es viele Sätze, die interpretationsbedürftig sind; zum Beispiel die Weisungen der Bibel oder des Korans, die aus einem ganz anderen historischen Kontext stammen und deshalb für unsere heutige Situation ausgelegt werden müssen. Aber ist denn jeder Satz, der über unsere Lippen und Federn kommt auch interpretationswürdig?

Täten wir uns alle, gerade in solch aufgeheizter Zeit, nicht mit ein wenig weniger Wortschwurbelei Gutes? Dazu gehörten für mich vor allem weniger aufdringliche Texte und mehr Eindeutigkeit bei den Redenden und Schreibenden, aber auch mehr Gelassenheit auf Seiten der Hörer und Leser.

Denn über den wichtigsten Satz, den der Papst auf seinem Flug nach Manila sagte, wurde noch viel zu wenig geredet:

„Nach den Terroranschlägen sei die Sicherheit um ihn erhöht worden. Er mache sich Sorgen um die Gläubigen. Er selbst habe dagegen eine „gute Dosis Unbeschwertheit“. Wenn ihm etwas zustoßen sollte, scherzte Franziskus, bitte er Gott, „dass sie mir nicht wehtun, denn ich bin nicht mutig, was Schmerz angeht“.“ aus „Papst Franziskus zum Faustschlag bereit“ (ZEITonline)

Bergoglio ist ein Papst, dem es nicht schwer fällt, in der Öffentlichkeit seine Gefühle zu zeigen. Er ist der erste Papst, den ich erlebe, der nicht in der nachdenklichen Pose des Intellektuellen stecken bleibt oder permanent mahnt, sondern der auch in einem kleinen Gespräch über den Wolken ganz schwach menschlich bleibt. Er bitte Gott, „dass sie mir nicht wehtun, denn ich bin nicht mutig, was Schmerz angeht.“

Dieser Satz ist Gold. Er wurde gesagt von einem Mann, der weiß wie eine Diktatur auch mit den Mitteln der Folter Angst und Schrecken verbreitet. Der weiß, dass man einer Diktatur nicht einfach so widerstehen kann, sondern dass dies unheimlich schwer ist, vielleicht zu schwer. Der weiß, dass es die eigene Angst ist, die Menschen leitet – wird sie nun von Diktatoren oder Terroristen geschürt – und dass der erste Schritt sich seiner Angst zu entledigen ist, sich ihrer bewusst zu werden. Das ist mutig.

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