Sonntagabend bei Anne Will – Zwei Schwarze, ein Bischof und Trixi von der AfD

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Gestern Abend lief viel beachtet die Talksendung Anne Will im Ersten zum Thema: „Vorbild Österreich – Braucht auch Deutschland eine nationale Obergrenze?“. Eins vorweg: Ich habe die Sendung gar nicht gesehen. Vielmehr habe ich sie fast ausschießlich gehört, weil ich nebenbei twitterte. Und weil ich auf dem Notebook viel schneller schreiben kann als auf dem Smartphone, wurde aus dem Second-Screen also ein Hörspiel.

In diesem Hörspiel traten auf: Armin Laschet, Landespolitiker der CDU aus Nordrhein-Westfalen und Sprachrohr der Bundeskanzlerin; H.P. Friedrich (CSU), einst Bundesminister u.a. des Inneren und immer noch Vasall Horst Seehofers; Beatrix von Storch, Stellvertretende Bundesvorsitzende und Europaparlamentarierin der AfD, und Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof in Bayern und Ratsvorsitzender der EKD. Als Spielleiterin wieder neu auf dem Sonntagabendspielfeld: Anne Will.

Kritik an der Gästerunde

Im Vorfeld hörte ich auf Twitter vor allem viel Kritik an der Gästeauswahl der Sendung. Auf den ersten Blick wirkte sie auch etwas verstörend: Drei „Schwarze“ und eine bekannte National-Konservative (nennen wir es erst einmal so). Dass Bedford-Strohm ganz und gar kein „Schwarzer“ ist, sondern vor seiner Wahl zum Bayerischen Landesbischof mehr oder weniger aktives Mitglied der SPD war und seine Mitgliedschaft gegenwärtig auch „nur“ ruht, darf man ruhig recherchieren, bevor man sich über den Mangel progressiven Personals in der Runde beschwert.

Auch die beiden Vertreter der konservativen C-Parteien kann man nach dieser Sendung wohl kaum einem Block zuordnen. Beharrlich widersprach Armin Laschet im Auftrag und Sinne der Bundeskanzlerin ihrem ehemaligen Innenminister nach fast jeder seiner Wortmeldungen. Ja, Wortmeldungen muss man sie tatsächlich nennen, denn Antworten auf die Fragen der anderen Teilnehmer und Anne Wills hatte Friedrich keine im Gepäck. Entweder war er schlampig vorbereitet oder allzu sehr in den eigenen Wort-Blasen gefangen.

Hinzu kam noch Trixi von der AfD. Dazu später.

Klar kann man Kritik an der Zusammensetzung der Runde üben. Hätte eine weitere Frau, jemand von den Grünen oder von DER LINKEN der Diskussion gut getan? Vielleicht. Ich finde an der „Einladungspolitik“ Anne Wills aber zwei Dinge ganz hervorragend.

Was Anne Will richtig macht

Erstens macht sie die Runde nicht immer „voll“, sondern will lieber mit weniger Gästen konstruktiver sprechen, als jede mögliche Meinung im Diskutantenkreis dabei zu haben. Das birgt das Risiko, abweichende Meinung nicht zur Sprache kommen zu bringen. Ihre Verantwortung als Diskussionslenkerin wird dadurch nur noch größer, auch abwesenden Meinungen eine Stimme zu geben. Ich finde, genau das ist ihr gestern ganz gut gelungen – auch weil die Einspieler an den richtigen Stellen die richtigen Impulse gaben (von Günter Jauch bin ich Einspieler als reine Illustration und Provokation gewöhnt).

Zweitens widersteht Anne Will zumindest ab und zu der Talkshowlogik, nach der ein Thema am besten so besprochen gehört, dass man möglichst extreme Meinungen aufeinanderprallen lässt – die Wahrheit wird sich dann wie so oft schon in der Mitte finden. Das ist natürlich Schmus, wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe. Die Wahrheit liegt nur selten in der ominösen Mitte. Sie nur dort zu suchen, ist wenig journalistisch.

Scheinbar verstehen die Redaktionen „Fairness der Meinungen“ falsch, wenn sie meinen, jeder Schwachsinn müsste Gehör finden. Es kann eben auch fair gegenüber dem Thema und den Zuschauern sein, manche Extreme überhaupt nicht zu Gehör zu bringen. Ein kleines Video aus einer meiner gegenwärtigen Lieblingsserien The Newsroom (Rezension) illustriert das ganz gut:

Diese Einladungspraxis mutet Frau Will natürlich reichlich journalistisches Geschick zu, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, sachlich zu bleiben und der Wahrheit verplichtet. Ein hoher Anspruch, dem man wohl kaum immer gerecht werden kann. Ich aber hatte gestern Abend das Gefühl, Anne Will war zumindest nah dran.

Zustand der Koalition

Ich habe zu vielen Themen eine ganz, ganz große Koalition in meinem Herzen, nur, dass in ihr üblicherweise mehr gestritten wird als in realexistierenden Großen Koalitionen. Was Laschet und Friedrich aber aufführten, muss nachdenklich stimmen. Hat gar der ewige Jörges vom Stern gar nicht mal Unrecht damit, der CSU zu unterstellen, sie würde Frau Merkel am allerliebsten stürzen? Oder hat sich Friedrich a.D. mit seiner CSU nur einfach so sehr im eigenen Netz der Forderungen und Dramatisierungen verheddert, dass er gleich einem Fisch, der an die Wasseroberfläche (der Vernunft) gezerrt wird, nur noch mehr zappelt und verzweifelt um sich schlägt?

Ich will es als ziemlich linker Soze mal deutlich sagen: Armin Laschet hat der CDU und dieser Bundesregierung gestern einen großen Gefallen damit getan, zu widersprechen und wenigstens in Ansätzen zu erklären, warum eine Grenzschließung Unsinn ist. Dass er dabei – typisch konservativ, wie auch Sigmar Gabriel, da nehmen sich beide nichts – auch eine wirtschaftspolitische Argumentation bemüht („Was soll nur aus unserem schönen Warenverkehr werden?!“), finde ich nicht anstößig, wenngleich ich sie wohl kaum selber nutzen würde.

Als Beobachter der gestrigen Sendung, der Frau Merkel sonst im herzlichen Widerspruch verbunden ist, komme ich kaum umhin – mangels Alternativen, für den Moment – ganz froh zu sein, dass sie Kanzlerin ist. Uuhhaaa, das tut weh.

Und der Bischof?

Ohne den Bischof als Gast hätte ich mir die gestrige Sendung überhaupt nicht angeschaut. Ich schaue eigentlich gar keine Talkshows mehr (vielleicht überleg ich mir das mit Anne Will auf dem Sonntag jetzt häufiger anders). Aber ich wollte schon sehen, wie sich der Ratsvorsitzende schlägt. Ich hatte von seiner Debattenfähigkeit auch vorher schon eine hohe Meinung, das sei mal zuvor bemerkt.

Gestern war er der Einzige, der auf konkrete Schicksale von Flüchtlingen z.B. in den Flüchtlingslagern in der Türkei einging – sie überhaupt erwähnte. Man merkte ihm an, und er sagte es ja auch mehrmals, dass er erst unter der Woche einen Ökumenischen Flüchtlingsgipfel besucht hatte. Er teilte (mit), was er erfahren hatte und dazu noch kluge Gedanken. Dazu gehören die Mahnung zur Sachlichkeit und Humanität, die Erinnerung daran, dass Verantwortung nicht an Ländergrenzen aufhört und die Erweiterung des üblichen Fluchtursachen-Katalogs damit, dass die EU ihren Anrainerstaaten eben auch wirtschaftliche Probleme beschert und sich eigentlich nicht wundern darf, warum so viele Menschen gerne nach Europa (und Deutschland) kämen.

Das alles findet man so oder so ähnlich natürlich in den Pressemitteilungen und Denkschriften der Kirchen. Dass der Protestantismus in Deutschland im Ratsvorsitzenden aber wieder jemanden gefunden hat, der derlei engagiert und pointiert vortragen kann, darf man ruhig als Glücksfall bezeichnen. Seine Botschaften sind sogar twitterbar und damit haben sie in aller Kürze und Prägnanz auch Hoffnung, auf Gehör zu stoßen.

Trixi von Storch

Ich will mich über die Performanz von Frau Storch an dieser Stelle nicht weiter auslassen, das haben heute ja viele Menschen im Nachgang der Sendung unternommen. Überrascht davon kann nur sein, wer in den letzten Wochen und Monaten die Ohren und Augen auch vor der begrenzten Weltsicht von Frau Storch verschlossen hat.

Eine Erkenntnis aber ist bei mir durch den Auftritt Trixis schon hängen geblieben bzw. hat sich dadurch verfestigt: Weil es die AfD und ihr fragwürdiges Führungspersonal nun einmal gibt, tun wir uns keinen Gefallen damit, nen Dreyer zu drehen und sie von öffentlichen Bühnen – auch den öff.-rechtl. – fern zu halten. Was passiert, wenn AfDler von einer anständigen Journalistin befragt werden und sich zwei engagierten Diskussionsgegnern (Laschet, der Bischof) gegenüber sehen, haben wir gestern Abend sehen können. Ein bisschen mehr Zutrauen zur eigenen Debattenstärke und zum Können unserer Journalisten täte uns gut.

Zum Schluss:

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