Improv-Regeln für den Hausgebrauch

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Vor einiger Zeit bin ich über Grundregeln der Improvisation gestoßen, die von erfolgreichen (und witzigen) Komikern immer wieder als fundamentale Arbeitshinweise empfohlen werden. Ich glaube, dass man diese Regeln auch für die Gesprächsführung und das Vortragen anwenden kann. Können die Regeln der Improvisation bei der Teamarbeit und beim Referat helfen?

Hier nun die drei Regeln, wie sie u.a. von Tina Fey im Gespräch bei Google vorgestellt werden:

improv(dt.: Zuhören, „Ja“ sagen, „Ja, und …“ sagen)

1. Listen
Ich nutze jetzt einmal bewusst das englische Wort „listen“, denn es hebt die Doppeldeutigkeit des deutschen „hören“ auf. Es geht nicht darum irgendetwas zu hören, sondern auf etwas hinzuhören. Nämlich darauf, was mein Gegenüber mir wirklich sagen will. Irrtum eingeschlossen! Das wir in unserer Kommunikation mehr mitteilen, als wir bewusst sagen, dürfte hinlänglich bekannt sein (Watzlawick). Im oben angepriesenen Video spricht Fey das Zuhören nicht an. Es ist aber die Bedingung allen Reagierens, weil sich unsere Antwort in einem gelingenden Gespräch immer auf ein konkretes Etwas bezieht, auch wenn dieses Etwas nicht explizit ausgesprochen wird. Bei der Improvisation höre ich also implizit auch mit, dass mein Gegenüber anfängt, eine Geschichte – so absurd sie auch sein kann – zu erzählen. Es lohnt sich also darauf zuhören, welche Geschichte mir mein Gegenüber durch seine Äußerung implizit miterzählt.

So passiert es mir z.B. recht häufig, dass ich meinem Gegenüber mit einem Ratschlag antworte, obwohl er mir lediglich von einer erfolgreichen Aktion berichtet hat. Es ist wichtig auf die Geschichte des Gesprächspartners zu hören: erzählt er von seinem Erfolg oder seiner Niederlage, und welchen Ort in seiner (Lebens-)Geschichte nimmt das erzählte Geschehen ein?

2. Say „Yes“
Mit der Aufforderung „Ja“ zu sagen ist in der Improvisation gemeint, sich auf das Vorhergesagte, das vorgeschlagene Szenario, einzulassen. Ganz pragmatisch heißt das, die Erzählung des Gegenüber nicht einzuschränken. Aber es geht noch weiter, denn es geht hier nicht nur um den Inhalt, sondern auch um das konkrete Setting des Gesagten. D.h. ich muss auch die vorgeschlagene Rollenverteilung für dieses Gespräch annehmen. Werde ich als Ratgeber angesprochen oder soll ich zu einer Handlung motiviert werden? Wird Zustimmung oder Widerspruch von mir erwartet? Improv lehrt uns, zu Beginn des Gespräches nicht gegenzusteuern, weder inhaltlich noch formal.

Für alle, die es gewohnt sind, Gespräche zu führen, stellt das eine große Herausforderung da. Meistens sind wir durch Zeitvorgaben und unsere eigenen Gesprächsvorhaben abgelenkt und lenken das Gespräch bewusst in unsere Richtung. Die Regeln der Improvisation zeigen aber, um ein Gespräch zum Laufen zu bekommen, ist es unbedingt notwendig, zum Vorhergesagten vorbehaltlos „Ja“ zu sagen. Keine Sorge, für inhaltliche Einsprüche bleibt später noch Zeit.

3. Say „Yes, and …“
Im dritten Schritt geht es darum, dem Vorhergesagten etwas Eigenes hinzuzufügen (engl.: add on). Die Hinzufügung muss das etablierte Szenario anerkennen (Yes), geht aber darüber hinaus, indem die erzählte Geschichte gleichsam gemeinsam forterzählt wird (and).

Ein Beispiel:
Er: „Ich dachte, wir hatten uns darauf verständigt, uns nach dem Essen zu besprechen?“
Sie: „Das stimmt.“
Er: „Ich fand es nämlich wichtig, noch heute mit dir darüber zu sprechen.“
Sie: „Ich weiß, und wenn Du willst, können wir jetzt darüber reden.“

Klingt erstmal nicht allzu spektakulär, deshalb hier mal ein negatives Beispiel:
Er: „Ich dachte, wir hatten uns darauf verständigt, uns nach dem Essen zu besprechen?“
Sie: „Ja, aber …“
Er: „Aber was, mir ist es wichtig, dass heute noch zu klären.“
Sie: „Aber ich hatte heute nach dem Essen keine Zeit.“

Die Situation scheint klar: die Beiden hatten sich zu einem Gespräch verabredet, dass nicht stattfinden konnte. Übergeordnetes Ziel ist es, dieses Gespräch nachzuholen. Mein Vorschlag: die Improv-Regeln zu benutzen, um auch in schwierigen Situationen ein Gespräch zum Laufen zu bekommen. Dafür ist es wichtig, dass meine Hinzufügung die Erzählung meines Gegenübers nicht abbricht, sondern weiterlaufen lässt, sie im Idealfall zu unserer gemeinsamen Erzählung macht.

Improv-Regeln beim Vortragen
Die vorgestellten Improvisationsregeln empfehle ich vor allem für die Diskussion nach einem Vortrag. Gerade bei kontroversen Themen oder eigenwilligem Publikum kann es für den Vortragenden in der anschließenden Gesprächsrunde ungemütlich werden. Bei Anwendung der Improv-Regeln laufen die meisten – garantiert die hinterlistigen – Angriffe ins Leere, weil man ihnen durch die generelle Zustimmung die Schärfe nimmt.

Aber auch bei der Strukturierung des Vortrags, der Rede, können die Improv-Regeln hilfreich sein. Gleich zu Beginn meiner Vorbereitung sollte ich mir die Frage stellen, mit welcher Geschichte mein Publikum „anreist“ (listen). Das Anliegen meines Beitrags kann ich nun auf das Anliegen des Publikums zuschneiden (yes), indem ich die Situation des Zuhörers verbalisiere und so zu meinem Thema mache. Dann kann mein eigentliches Anliegen leicht zur Antwort auf das Anliegen des Publikums werden (and). Gerade für kurze und weniger komplexe Vorträge und Reden scheint sich mir eine solche Struktur zu lohnen.

PS:
Ob die vorgestellten Improv-Regeln auch für ein Seelsorgegespräch zu nutzen wären, überlege ich noch und werde bei Gelegenheit darüber schreiben. Hinweise und Einsprüche gerne in die Kommentare!

3 Kommentare

  1. Klingt interessant, zweifel aber ob das in einem normalen Gespräch zu machen ist, klingt mir doch etwas zu gekünstelt.

    Trotzdem interessant.
    Danke. Sandra

  2. Toller Artikel!
    Wer mit dieser inneren Einstellung in ein Gespräch geht, hat schon halb gewonnen.
    @Sandra: Ich denke nicht, dass es darum geht genau „Ja, und“ zu sagen, sondern diese drei Regeln als innere Haltung zu verinnerlichen.

  3. Pingback: Die Kunst des Zuhörens | Sarah Lukas

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