Amazon, Kapitalismus und der Buchladen um die Ecke

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Ich beteilige mich ja grundsätzlich nicht an Shitstorms, ich habe Stil. Dieses, mein eigenes Stildiktat, sorgt dafür, dass ich zu vielen Themen erst mit entsprechendem Abstand von ein paar Stunden oder Tagen etwas (dann hoffentlich Substantielles) sagen kann. Dazu gehört sicher auch die Amazon-Debatte der letzten Woche. Viele, wirklich viele Leute haben dazu etwas ins Netz geschrieben und inzwischen hat Amazon auf die Vorwürfe mit einer Erklärung geantwortet. Aufgekommen ist die aktuelle Diskussion durch die Reportage „Ausgeliefert!“ letzten Montag in der ARD (in der Mediathek).

Potpourri
Die Diskussion ist ein riesiges Potpourri aus unterschiedlichen Themen, von denen ich über die meisten hier gar nicht lange schreiben will. Dazu gehören:

1) Der Umgang mit Leiharbeit in Deutschland/Europa.
2) Die Möglichkeit für Arbeitgeber (Steuer-)Gesetzgebung in Deutschland auszuhebeln.
3) Der Umgang mit ausländischen Arbeitskräften, die wir ja eigentlich bräuchten (sagt man jedenfalls), aber denen wir offensichtlich häufig mit würdelosen Beschäftigungen den Antrieb nehmen, in Deutschland dauerhaft sesshaft zu werden.
4) Die Frage, ob wie es gelingen kann, dass sich auch Global-Player wie Amazon an die Regeln in Deutschland/Europa halten.
5) Daraus folgt: Wie kann es gelingen, dass Europa (nur so gehts) seine Bedingungen für Beschäftigung und Handel durchsetzen kann? Diese sollten nicht nur nach ökonomischen, sondern besonders nach sozialen Gesichtspunkten gestaltet sein.

Für alle 5 Themen gilt: Dass Amazon sich hier offenbar nicht nett verhält, liegt vor allem daran, dass wir diese Probleme politisch nicht gelöst bekommen. Dem ist zumindest teilweise durch Wahl einer neuen Regierung und bleibende Kontrolle der nächsten abzuhelfen.

Skepsis, kein Zynismus
Einige Artikel (und reichlich Kommentare) der letzten Tage zum Thema arbeiten mit einem ekligen Zynismus der Sorte Kapitalismus-Jüngerschaft: „So ist das System, da kannste nichts machen, also Kopp runter und weiter schwimmen.“ Dabei saufen wir ab. Statt Zynismus ist aber ehrliche Skepsis angebracht. Weder ein Shitstorm, noch eine Online- oder Offlinedebatte wird für sich genommen das Problem lösen. Welches Problem: Wir alle sind Täter in einem wirtschaftlichen System, dessen Vorteile für uns so positiv sind, dass wir uns der Mittäterschaft nicht entziehen können/wollen. Immer mehr Menschen sind gleichzeitig Täter und Opfer dieses Systems. Systeme, in denen man zugleich Opfer und Täter ist, nennt man totalitär.

„Wir sprechen von der Freiheit des arbeitenden Menschen, aber diese Freiheit endet an den Fabriktoren. Der Liberalismus verabscheut die Diktatur als Regierungsform, der Neoliberalismus toleriert sie am Arbeitsplatz. So können die multinationalen Konzerne aus Gründen der Kostenminimierung ganze Belegschaften von mehreren tausend Leuten entlassen, ohne auch nur Rücksprache mit den Menschen zu nehmen, deren Leben durch solche diktatorischen Entscheidungen alle seine Wurzeln verliert. Das nennen wir „freies Unternehmertum“.“ 1

Was mich am Zynismus vieler Leute ankotzt, ist der Umstand, dass sie denken, die Beschreibung der Realität wäre nicht nur Diagnose, sondern auch Antwort und Weiteres dazu nicht mehr zu sagen. Tatsächlich versetzt uns eine zutreffende Beschreibung der Realität aber erst in die Lage, Entscheidungen zu treffen. Nämlich entweder nichts zu tun oder zu handeln. Sich zu ergeben oder den Kampf aufzunehmen. Vielleicht können wir ja daran das nächste Mal denken, wenn wieder eine Sau ein Konzern durchs Dorf gejagt wird.

Amazon und der Buchhandel
Das alles ist vielmehr Beschreibung unseres Wirtschaftssystems als eine konkrete Äußerung zur Amazon-Debatte. Einzelne haben aus der (bruchstückhaften) Beschreibung der Arbeitsrealität bei Amazon ihre Lehren gezogen und gehandelt. Sie haben sich bei Amazon abgemeldet oder wollen zukünftig auf den Service des Marktführers verzichten. Andere haben eine Petition unterschrieben (ich auch).

Warum ich weiter Kunde bei Amazon bleibe? Als armer Student (jetzt wirklich) kaufe ich viele Bücher gebraucht. Das kann man zwar auch anderswo machen, nirgends aber so günstig und unkompliziert wie über Amazon. Neue Bücher kaufe ich bevorzugt beim Buchhändler um die Ecke, also auch nicht bei Thalia. Damit bin ich häufig sehr zufrieden, z.B. wenn ich in meiner Heimatstadt Dresden in der Buchhandlung C. L. Ungelenk Nachf. einkaufe. Manchmal erlebe ich aber ähnliches Verhalten, wie es Felix Schwenzel beobachtet hat. Das Interesse am Kunden hält sich arg in Grenzen. Natürlich will ich beim Stöbern nicht belabert werden, aber ein Kunde, der unangesprochen den Laden nach einer halben Stunde wieder verlässt, kauft halt nichts. Vielleicht sollte man den dann schon initiativ beraten.

Vor allem wundert mich aber, wie wenig die kleinen Buchhändler in meinem Umfeld selbst in Richtung Online(-Marketing) unternehmen. Gerade Studenten, die etwas auf Verantwortung geben, würden noch häufiger im Buchladen um die Ecke kaufen, wenn Sie über Fatzebook & Co. eventuell mit Rabatten und Aktionen angelockt würden. Und schön wäre es auch, wenn ich an prominenter Stelle im Netz die kleinen Buchläden um die Ecke versammelt sähe. Viele Buchhändler scheinen aber nach der oben beschriebenen Denke zu handeln: Amazon ist auf dem Markt, Schluss der Diskussion. Ja, Amazon ist auf dem Markt und es wird dort auch nicht verschwinden. D.h. aber nicht, dass man nicht vor Ort ganz prima mit Amazon konkurrieren kann. Alle kleinen Buchläden können ebenso (fast) jedes Buch bestellen, das dauert vielleicht einen Tag länger, das gönn ich mir dann. Gegen einen kleinen Aufpreis würde ich mich sogar freuen, wenn es in meinem Briefkasten landet. Dafür nehme ich vor Ort Dinge in Anspruch, die Amazon nur begrenzt im Angebot hat: Lesekultur, literarischen Sachverstand und ein beruhigtes Gewissen.

1 aus „Lieben und arbeiten“ von Dorothee Sölle

12 Kommentare

  1. Ich versuche auch seit eine Weile schon bei einem kleinen Buchhändler (Bittner in Köln) einzukaufen aber häufig ist der Klick bei Amazon schon gemacht, bevor ich daran denke.

    • So geht es mir auch ab und zu. Es kann auch nicht wirklich um einen Amazon-Boykott gehen, sondern darum, wie wir lokal wirtschaften wollen. Dafür sollte ich eigentlich gar nicht auf Service verzichten müssen.

  2. Pingback: Ein Kommentar zu Amazon und co. | kartoffelwasser.de

  3. Sehr schöne Einleitung! Du hast doch eigentich das Problem erfasst?
    Warum verläßt Du den Pfad der Systemkritik wieder und wendest Dich dem Amazon-Problem zu?

    Amazon macht alles richtig – gemäß den Spielregeln unseres hochgelobten kapitalistischen Systems! Dieses System gilt genauso in Deutschland!
    Den Ansatz, an den Auswüchsen und Folgen des Kapitalismus herumzudoktorn verfolgt D ja schon lange. Aber mit Brot&Spiele-Politik („soziale Marktwirtschaft“, komplette „Sozialgesetzgebung) hält man das Volk ja nur in Zaum!
    Wichtiger ist es doch, über die Alternativen zu reden! Das deutest Du an (Stichwort Zynismus), beugst Dich aber dann in Deiner Handlungsrechtfertigung (Amazon und der Buchhandel) wieder der Unveränderbarkeit des Systems?

    Das Ziel kann nicht sein, den K zu regulieren (damit widerspricht man ja der eigenen Idee)! Man muß doch mal schauen, warum es überhaupt zum K gekommen ist und an diesen Wurzeln arbeiten? Dann kommt man auch auf die Ideen für Alternativen!

    • Alternativen? Hatten wir nicht schon genug Versuche? Natürlich, beim nächsten Versuch ist alles anders … keine Mio. von Toten, keine Zwangsarbeiter, alles viel humaner.

      Was ist an diesem Kapitalismus schlecht? Die enorme Wohlstandsexplosion in allen Gesellschaftsschichten (nicht nur im Zeitverlauf, auch im aktuellen Vergleich).

      Den Preis der Regulierung zahlen Sie und ich! Und, woher wissen Sie eigentlich, was die richtige Regulierung ist?

      • Von einer maßvollen Regulierung profitieren sie als Bürger dieses Landes täglich. Sie stimmen die Hymne der Deregulierung an, nichts gelernt?

  4. Ein schöner Kommentar, sehr schön und ohne jeglichen Zynismus analysiert.
    Bezüglich kleine Buchhandlungen: Mit Rabatten dürfen die Kleinen nicht locken, dafür gibt es ja die Buchpreisbindung. Höchstens auf Ramschware könnten sie hinweisen, allerdings ist das dem Image sicherlich nicht sonderlich förderlich.
    Viele kleine Läden gehen jetzt dazu über, auf ihren Homepages (die teils schrecklich veraltet sind) eine Bestellfunktion anzubieten. So kann man sich für einen Aufpreis das Buch nach Hause liefern lassen oder es aufpreislos im Laden abholen. Meist am nächsten Tag.
    Was die Sache mit Amazon angeht ist es wohl einfach die Bequemlichkeit, die siegt. Die Vernunft müsste natürlich sagen: Geh in den Buchladen um die Ecke, kostet ja auch noch genauso viel. Allerdings ist es einfach bequemer, sich beim größten Anbieter verwöhnen zu lassen. Und so zahlt man nicht selbst den Preis sondern lässt es andere ausbaden.

  5. Wie wäre es mit einem Siegel für faire Arbeitsbedingungen? Ist nur so eine Idee… Mehr dazu hier: http://www.wosolldasallesenden.de/?p=965

  6. Hi Philipp,
    Ein schöner Kommentar zur aktuellen Amazon-Debatte. Was mich an den Zynisten, die du erwähnst am meisten stört, ist, dass sie hier absolut ungerechtfertigt verallgemeinern. Es stimmt, dass es viele andere Konzerne auch nicht richtig machen und man als Verbraucher manches Mal von unwissender Ohnmacht oder mangelnder Alternative gelähmt wird. Aber in diesem konkreten Fall haben wir es mit einer absolut überschaubaren Situation zu tun. Der Buchhandel ist durch seine Markteinschränkungen wie die erwähnte Preisbindung recht einfach zu durchschauen und, da es überall Buchhandlungen um die Ecke gibt, kann man auch recht leicht mit Menschen darüber ins Gespräch kommen. Wir müssen das nur mal tun, dann würden wir nämlich auch erfahren, dass viele Buchhändler sehr wohl versandkostenfrei zusenden und dass Ware über Nacht zugestellt wird – übrigens ein Service, den es sonst nirgends im Einzelhandel gibt, außer in Apotheken und Buchhandlungen.
    Leider hast du vollkommen recht, wenn du sagst, dass antiquarische Bücher bei Amazon unschlagbar günstig sind – wohl auch ein Grund, warum es kaum noch Antiquariate gibt. Seit das ZVAB ebenfalls aufgekauft wurde, mangelt es auch im Netz an Alternativen.
    Aber du sprichst hier noch etwas anderes an. Viele Buchhändler versinken im Selbstmitleid angesichts der Marktmacht von Amazon oder – du erwähnst sie auch – Thalia. Während sie das tun, verstauben ihre Bücher in ihrem kleinen Laden und sie selbst gleich mit (ich formuliere das jetzt mal bewusst provokant). Wann werden kleine Buchhandlungen endlich beginnen, sich den Herausforderungen zu stellen, sich neue Konzepte zu überlegen, das Internet und den Ebook-Markt zu erobern? Ich bin der festen Überzeugung, dass hier der Schlüssel zum Erfolg liegt, denn nur, wenn Buchhandlungen wieder charmant und einladend sind, werden sie wieder zu den Literaturbegegnungsstätten, die sie sein sollten und die einige von ihnen auch bereits sind.
    Liebe Grüße,
    Mareike

    • Danke Dir für den ausführlichen Kommentar. Ich will ja nicht jammern, aber es geschieht imho schon sehr selten, dass kleine Buchhändler sich z.B. für irgendetwas Neues und dann auch noch was mit Internet begeistern lassen. Da ist ein echtes Umdenken angebracht und das kommt leider nur durch Verkaufszahlen und damit vom Endverbraucher.

  7. Mit Jammern hat das wenig zu tun – die Kritik ist ganz berechtigt. Ich bin selbst Buchhändlerin und habe einige Jahre in einem großen Familienunternehmen gearbeitet, dass sehr innovationsfreudig und auch entsprechend erfolgreich ist. Wenn ich heute in eine kleine Buchhandlung gehe, in der ich Unordnung, wenig Atmosphäre und Unlust zu Beratungen sehe, dann bringt mich das regelrecht in Rage. Auf Tradition allein kann man sich nicht ausruhen, sondern man muss sich auch weiter entwickeln. Dann würde das Phänomen Amazon automatisch klein gehalten werden. Die Branche steht längst unter Handlungsdruck und muss den nur noch produktiv einsetzen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was alles noch passieren wird.

  8. Das ist alles viel komplexer geworden. Der Markt wird nicht mehr geteilt in Einzelhandel vs. Webshop. Im Internet gibt es noch eine ganze Reihe eigener Regeln bzw. Dienstleister, die man beachten muss, wenn man nicht völlig untergehen will.
    Das Problem, was es bzgl. der Arbeitsbedingungen gibt, ist hingegen genau die gleiche Thematik, die es mit Fair Trade bei anderen Produkten schon länger gibt.

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