Wir pflügen und wir streuen – Matthias Claudius zum „Namenstag“

Der 21. Januar ist im Evangelischen Namenkalender der Gedenktag für Matthias Claudius. Den allermeisten dürfte Der Mond ist aufgegangen ja noch ein Begriff sein. Richtig, der weiße Neger und unseren kranken Nachbarn auch. Kann man Matthias Claudius heute noch gebrauchen? Ich hab das mal anhand eines seiner bekanntesten Beiträge zum Kirchenliedgut durchprobiert: Wir pflügen und wir streuen.

Wir pflügen und wir streuen – Erntedank-Oldie
Dieses Lied ist ein Klassiker für das Erntedankfest. Ursprünglich als Wechselgesang zwischen einem Vorsänger und einem Chor der Bauern gedichtet, fand es im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts Eingang in zahlreiche Gesangbücher. Der Refrain

„Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt
und hofft auf ihn.“

ist auch ohne Strophen im Gebrauch, als gesungenes Tischgebet vieler Christen. In den USA ist es in seiner englischen Textfassung bei Beibehaltung der Melodie eines der beliebtesten christlichen Thanksgiving-Lieder.

Alle gute Gabe, d.h. alles was er zum Leben braucht, erhält der Mensch aus Gottes Hand. Dazu gehören die im positiven Sinne segensreichen Naturereignisse, die die Landwirtschaft begünstigen; dazu gehören im Ernstfall aber alle Unwägbarkeiten des Menschenlebens, auf die wir keinen Einfluss haben. Deutlich macht das die ursprünglich erste Strophe.

„Im Anfang war’s auf Erden
Nur finster, wüst, und leer;
Und sollt was sein und werden,
Mußt es woanders her.“

Hier wird gleich die ganze Schöpfung im Anklang an Genesis 1,2Lut in eine Gabe Gottes verwandelt, die zu empfangen, der Mensch aufgefordert ist. Die Sicherheit, sein ganzes Leben Gott zu verdanken und anbefehlen zu können, ist in den letzten Jahrhunderten gewichen. Ist also, jenseits einer folkloristischen Nutzung, eine Anknüpfung an den Gehalt des Liedes (noch) möglich? Vielleicht wenn wir einmal ein ganz anderes Lied daneben stellen: Ernten was wir säen von den Fantastischen Vier (Text).

Synopse
Auf den ersten Blick scheint es sich um eine Verkümmerung der Weltsicht zu handeln. Statt mit dem Segen für die eigene Arbeit zu rechnen wird nur noch gefragt: wie kommt es, dass ich trotz all meiner Anstrengung nicht voran komme? Positiv gewendet: statt unmittelbar auf den Segenskleister zu rekurrieren, steht hier das menschliche Tun im Zentrum – wir ernten, was wir säen. In dieser Spannung aus göttlichem Handeln und menschlichem Tun kann man dem alten Erntedank-Oldie etwas abgewinnen. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Selbst- und Gottvertrauen? Was können wir ohne ein geschlossenes religiöses Weltbild darüber sagen, wie sich erbrachte Anstrengung mit Misserfolg verträgt oder wie scheinbar mühelos Erfolge erreicht werden?

Denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf
Denjenigen, die meinen, sich ausschließlich auf sich selbst verlassen zu können, muss gesagt werden, dass sie mit dieser Einstellung nur unglücklich werden können. Denjenigen, die sich allzu wenig zutrauen, muss gesagt werden, dass in ihrem eigenen Handeln der Schlüssel zum Fortkommen liegt. Dieses Gericht über unsere eigene Haltung zum Werden des Glücks sollten wir aufrecht erhalten ohne jedoch das Geheimnis vollständig zu zerrütten. Es ist eine Frage der Lebenskunst, nicht alles von sich und anderen zu erwarten, sondern Raum für das Überraschende, das Unverfügbare zu lassen.

erntenstreuen

(PDF-Download)


Ergänzung:
Matthias Claudius im Ökumenischen Heiligenlexikon.

Print Friendly, PDF & Email

1 Kommentar

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*