„Wenn Evangelikale den Finger in die Wunde legen“ – Der Tragödie zweiter Teil

Im ersten Teil dieses Nachschlags auf meinen Hauptgang „Idea und der Islam – Blattkritik und Einordnung“ vom letzten Mittwoch habe ich mich mit dem von Uwe Heimowksi thematisierten Problem der Verfolgung von christlichen Flüchtlingen in deutschen Flüchtlingsunterkünften befasst. Mein Fazit: Wenn Evangelikale den Finger in die Wunde legen, kann es auch ein Fehlgriff sein.

Im zweiten Teil des betreffenden Artikels (idea-Spektrum Nr. 31/31, 3. August 2016, S. 8) und meiner kleinen Aufbereitung geht es um das Attentat auf einen Schwulenclub in Orlando und dessen evangelikale Nachwehen. Als Grundlage für die Beurteilung meiner Einlassungen kann dieser Text des Arbeitskreises Religionsfreiheit der Evangelischen Allianz dienen, der vom idea-Spektrum-Artikel nur gering abweicht.

Diskriminierung von Homosexuellen

Es wird berichtet, Heimowski kritisiere einen Kommentator der Süddeutschen Zeitung, der insinuierte, auch ein Evangelikaler hätte den Anschlag in Orlando verüben können. Mit seiner Kritik ist Heimowski nicht allein, auch Michael Diener, der Vorsitzende der Evangelischen Allianz (DEA) übte gegenüber idea Kritik am Artikel. Was genau er sagte, weiß ich leider nicht, da sich der Artikel hinter der Bezahlschranke verbirgt.

Der betreffende Kommentar von Thorsten Denkler, der für die Süddeutsche so ziemlich alles und jeden kommentiert, ist allerdings auf Süddeutsche.de abrufbar. Die kritisierte Passage aus dem Artikel lautet: „Der IS hat die Tat jetzt für sich vereinnahmt. Aber das produziert womöglich ein falsches Bild. Als wäre Mateen von IS-Schergen ausgebildet und auf diesen Terrorakt vorbereitet worden. Vielleicht aber war es nur die einsame Tat eines hochgradig gestörten, homophoben Mannes, der sich in seinem Irrsinn auf den IS beruft. Für diese Tat hätte er genauso gut auch ein evangelikaler Christ gewesen sein können.“

Heimowski findet es laut idea „dramatisch, dass Menschen anscheinend den Unterschied zwischen einer biblisch begründeten evangelikalen Position, praktizierte Homosexualität abzulehnen, und der Anwendung von Gewalt nicht verstünden. Da werde etwas verknüpft, was überhaupt nichts miteinander zu tun habe.“

Von vorne bis hinten, auch wenn ich etwas wortklauberisch werde:

Jede Haltung kann man biblisch, also mit Rückgriff auf die je eigene heilige Schrift begründen. Auch islamistische Terroristen stellen sich ja hin und begründen ihr Handeln mit Anweisungen aus dem Koran. Die Art der Begründung, sei sie für den Betroffenen auch noch so verbindlich, entlastet nicht vom Blick auf die Konsequenzen des Handelns.

Nur nebenbei: Was wäre denn eine evangelikale Position, wenn sie nicht biblisch begründet ist? Sind das nicht Synonyme: evangelikal und bibeltreu? Oder beziehen einige Evangelikale ihre Inspiration von woanders her als der Schrift, wenn es um den Islam geht?

Zurück zum Hauptplot: Die praktizierte Homosexualität wird also abgelehnt. Wieder einmal die Unterscheidung von Tat und Person oder paulinisch-traditionell: Sünde und Sünder. In meiner kurzen Antwort auf Frau S. habe ich hier auf dem Blog alles Notwendige zu dieser Unterscheidung geschrieben. Einen anderen Zugang dazu habe ich auf diesem Blog gelesen, auch nachdenkenswert.

Praktizierte Ablehnung

Für unsere Belange hier ist aber wichtig, dass die Ablehnung der „praktizierten“ Homosexualität schon für sich genommen ein recht spannender Narrativ ist, der wohl von der umfänglichen Ablehnung der Homosexualität ablenken soll oder eine aktuelle Abschwächung jener ist, die jedenfalls gerade mal wieder schwer in Mode ist. Klingt ja auch gleich freundlicher und irgendwie „katholisch“: Wir haben nichts gegen (Homo-)Sexualität, solange man sie nur nicht „auslebt“.

Und die evangelikale Ablehnung der Homosexualität hat durchaus Konsequenzen, die man als Anwendung von Gewalt beschreiben kann: Versuchte Heilungen, public-shaming, shunning und Diskrimierung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in evangelikalen Gemeinden kann man nicht „gewaltfrei“ nennen, ohne sich dabei nicht übergeben zu müssen.

Insofern hat Ausgrenzung in Haltung und Sprache natürlich etwas mit Gewalt zu tun. Sie geht ihr voraus, begleitet und legitimiert sie. Wort und Tat sind – gut biblisch – nicht zu trennen. Aus dem evangelikalen Mutterboden aus Schwulenfeindlichkeit wachsen Gewalttaten, genauso wie aus der „Flüchtlingskritik“ der AfD Gewalttaten gegen Flüchtlinge sprießen.

Jetzt kann man natürlich einwenden, dass ein Attentat mit 49 Toten eine andere Qualität von Gewalt hat, als die genannten gewaltsamen Methoden evangelikaler Schwulenfeindlichkeit. Das stimmt in diesem Falle wohl, wenngleich man mit dieser Haltung übersieht, dass die meisten Angriffe auf die LGBT-Community in den USA nicht von selbsterklärten IS-Terroristen, sondern aus der Mitte der Gesellschaft dieses christlichen Landes kommen. „More than 20 percent of U.S. hate crimes in 2014 (the most recent year available) targeted people because of sexual orientation or gender, according to FBI statistics cited by the activist group Human Rights Campaign.“

Und so ist es auch in Deutschland. Das ist genau der Punkt auf den Thorsten Denkler in seinem Kommentar hinaus wollte und den Uwe Heimowski offensichtlich missverstanden hat. Es geht nicht um die Größe des Anschlags, sondern um die zugrundeliegende Kultur aus Ausgrenzung und Diskriminierung, die häufig genug – und im Falle der Evangelikalen ganz bestimmt – religiös legitimiert wird.

Deshalb sei Orlando auch kein Angriff auf uns alle oder die freie Gesellschaft gewesen, sondern eben ein Verbrechen, das ganz bewusst Schwule zum Ziel hatte. Ein Hassverbrechen, dessen niedrigere Eskalationsstufen für Schwule, Lesben und Transsexuelle auch in Deutschland Alltag sind: „Wer im Attentat von Orlando einen Angriff auf die offene Gesellschaft sieht, der sieht nicht, dass die westlichen Gesellschaften so offen eben nicht sind. Vor dem Gesetz haben die LGBT viel erkämpft. Heute sind sie in vielen Teilen der Welt rechtlich weitgehend gleichgestellt. Auch in Deutschland. Aber die Rechtswirklichkeit ist eben nicht die Wirklichkeit. Homophobie ist Alltag. Verbale und körperliche Gewalt gegen LGBT ist Alltag.“

Dass Heimowski dies nicht verstanden hat, zeigt denn auch der letzte Satz des idea-Artikels, der in indirekter Rede an das Zitat von oben anschließt: „Da werde etwas verknüpft, was überhaupt nichts miteinander zu tun habe. Dabei setzten sich die Evangelikalen gegen die Diskriminierung von Homosexuellen ein.“

Uwe Heimowski und idea-Spektrum sind ernstlich der Meinung, die Evangelikalen würden sich gegen die Benachteiligung und Herabwürdigung von Schwulen und Lesben einsetzen. Da hat der gute Herr Heimowski vielleicht zu lange in der Sauna gesessen? Was idea anbelangt, so ist dieser kurze Artikel von ca. 200 Wörtern ein gutes Beispiel für die tendenziöse Berichterstattung und mit journalistischen Maßstäben nur schwer fassbare Chuzpe, die eigenen Vorurteile ins Heft zu schreiben.

Zu Teil 1: Christliche Flüchtlinge in Gefahr

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