„Wenn Evangelikale den Finger in die Wunde legen“ – Der Tragödie erster Teil

Für theologiestudierende.de habe ich mir die aktuelle Ausgabe der idea-Spektrum angeschaut. Passend zum Themenmonat „Islam und Theologie“, den wir dort über den August hinweg veranstalten, ging es mir vor allem um den Umgang des Blattes mit dem Islam. Daraus ist eine ausführliche „Blattkritik“ und Einordnung geworden, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Weil der Artikel so schon sehr lang geworden ist, habe ich einige Beobachtungen außen vor lassen müssen, die für sich genommen spannend sind. Deshalb hier ein kleiner Nachschlag, der sich mit einem kurzen Artikel aus dem Heft mit dem Titel „Wenn Evangelikale den Finger in die Wunde legen“ (S. 8) befasst.

Dem Artikel liegt ein Text des Arbeitskreises Religionsfreiheit der Evangelischen Allianz  mit gleichem Titel zu Grunde. Der Magazintext ist ein Bericht von der Jahreskonferenz der Allianz. Aufhänger ist ein Seminar des designierten Beauftragten der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) beim Deutschen Bundestag, Uwe Heimowksi, auf der Jahreskonferenz. Der kurze Artikel hat zwei Themen: Übergriffe auf christliche Flüchtlinge und das Orlando-Attentat und die Haltung der Evangelikalen dazu (im zweiten Teil).

Christliche Flüchtlinge in Gefahr

Dass christliche Flüchtlinge in einigen Flüchtlingsunterkünften Übergriffen ausgesetzt sind, sei in Deutschland nur deshalb in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, weil Evangelikale den Finger in diese Wunde gelegt hätten. Es sei OpenDoors endlich gelungen, das Problem in die Öffentlichkeit zu bringen.

Erst einmal: Wunde? Sind denn Übergriffe auf christliche Flüchtlinge von Seiten muslimischer Flüchtlinge tatsächlich ein Tabuthema? Sind sie eine „Wunde“, die die Öffentlichkeit und der christliche Mainstream aus falsch verstandener politischer Korrektheit nicht anrühren möchte?

Heimowski behauptet, OpenDoors sei hauptverantwortlich dafür, das Thema in die Öffentlichkeit getragen zu haben. Die betreffende Studie von OpenDoors datiert aus dem Mai 2016. In der Studie werden Zeitraum und Gebietsbezug der Studie folgendermaßen angegeben: „Die Befragungen begannen am 15.02.2016. Für die Zwecke dieses Berichts wurde als Stichtag der 15.04.2016 gewählt. […] Die Befragung fand deutschlandweit statt.“ Einmal abgesehen von der Geschichte „kreativen Umgangs“ mit Zahlen und Statistiken, die OpenDoors hat, fällt auf: Der Zeitraum der Befragung liegt weit hinter einigen Artikeln großer Zeitungen und christlicher Medien, die über das Thema schon seit dem Herbst 2015 berichteten, z.b. DIE WELT Ende September 2015, die tagesthemen im Februar 2016, katholisch.de ebenfalls im Februar, evangelisch.de mit Material des epd im März und die Süddeutsche Zeitung im April.

Das Thema war also durchaus vor dem OpenDoors-Bericht in der Diskussion. Nach dem Gewaltausbruch in einer Flüchtlingsunterkunft in Fulda wurde die separate Unterbringung von Flüchtlingen nach Religionen breit diskutiert. Diese sei aber aus Platzgründen nicht durchführbar, allein die rot-rot-grüne Landesregierung in Thüringen hat sich um eine Umsetzung bemüht. Selbst der in Religionsfragen interessierte Vorsitzende der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag, Volker Kauder, war im März in Sachen Übergriffe auf christliche Flüchtlinge unterwegs. Er besuchte in Berlin Pfarrer Martens, auf dessen Arbeit sich die meisten Artikel in den Nachrichten beziehen.

Der umtriebige Pfarrer der SELK kümmert sich seit Jahren um christliche Flüchtlinge. Seine Bemühungen scheinen mir der eigentliche Ausgangspunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit zu sein. Im Mai hat man ihm in Berlin den Stephanus-Preis verliehen und dazu noch ein bisschen mehr über seine Arbeit aufgeschrieben.

Die OpenDoors-Studie bezieht sich in erheblichen Ausmaß auf Flüchtlinge, die der Gemeinde von Pfarrer Martens angehören. Auch er selbst kommt in der Studie zu Wort (S. 13). Diese Konzentration auf die Berliner Gemeinde wurde u.a. von Journalisten der F.A.S. kritisiert, weil sie nicht dem selbstformulierten Anspruch entspricht, eine deutschlandweite Erhebung durchgeführt zu haben. Darauf antwortete OpenDoors mit einer erneuten Stellungnahme bei idea (hinter der Bezahlschranke), Hanno Terbuyken kommentierte den Vorgang treffend auf evangelisch.de.

Nur der Vollständigkeit halber sei eine Einlassung von Heinrich Bedford-Strohm erwähnt, die nach dem OpenDoors-Bericht erfolgte, in der er auf die Situation der christlichen Flüchtlinge eingeht: „Weder darf aus irgendwelchen political-correctness-Überlegungen irgendetwas verschwiegen oder Hilfe vorenthalten werden, noch darf diese Frage zum Instrument einer versteckten politischen Agenda, wie etwa einer Pauschalabwertung des Islam, werden“.

Kein Tabuthema

Dass es also der OpenDoors-Studie bedurfte, um das Thema auf die Tagesordnung zu rücken, ist falsch. Vielmehr wurden die Probleme von Seiten der Politik und kirchlicher Einrichtungen angesprochen, Lösungsvorschläge unterbreitet und örtlich durchgeführt.

Auch davon, dass es sich um ein Tabuthema handeln könnte, kann keine Rede sein. Dafür sprechen nicht nur die angeführten und weitere Artikel in der Presse, sondern auch mein eigenes Erleben und das vieler weiterer Christen, die sich seit dem letzten Herbst (dem Höhepunkt der „Flüchtlingskrise“) immer wieder mit dem Thema befassen.

Und übrigens, nur als kleine Pointe entgegen der Haltung, die idea-Spektrum der „Flüchtlingskrise“ allgemein entgegenbringt, aus dem SZ-Artikel: „Einen Moment lang wirkt Martens müde, seit sieben Stunden redet er und hört zu, ohne Pause. Im April wird er 50 Bewerber taufen, den Rest im Mai oder Juni. Dass jetzt die Balkanroute dicht ist, empfindet Martens als Niederlage Europas, aber sie verschafft auch ihm eine Atempause. Er könnte endlich sein Farsi verbessern, die Sprache seiner neuen Gemeinde. Das Vaterunser kann er schon auswendig.“

Nichts liegt mir ferner, als die schwierige Situation christlicher Flüchtlinge zu verharmlosen. Sie sieht gleichwohl in ihren Heimatländern noch viel schlimmer aus. Was tun wir eigentlich gegen die vielbemühten Fluchtursachen?

Angesichts von hunderten Gewaltverbrechen, die sich gegen Flüchtlinge gleich welcher Religion und ihre Unterkünfte richten, muss auch gesagt werden: Die größte Gefahr für Flüchtlinge geht von rechtsextremen Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft aus, nicht von anderen Flüchtlingen.

Und noch eines: Menschen streiten sich, häufig aus religiösen Gründen. Dem religiösen Fundamentalismus muss nicht nur im Namen der Verfassung, sondern im Namen der Religion selbst gewehrt werden, denn sie entstellt ihr Angesicht, unabhängig davon, ob es sich wie in diesem Fall um den Islam oder in anderen Fällen um das Christentum handelt. Als jemand, der lange Jahre in einem christlichen Studentenwohnheim gewohnt hat, weiß ich aber auch, dass Platzmangel, Traumata, unterschiedliche Erziehung einen mindestens ebenso großen Anteil an der Entstehung von Konflikten haben wie Konfession und Frömmigkeit.

So viel zum ersten Thema des kurzen Berichts über Uwe Heimowksi, immerhin designierter Beauftragter der DEA beim Deutschen Bundestag. Da soll es ja auch viel um gesellschaftliche Debatten und Zahlen und Studien und so gehen. Wenn Evangelikale den Finger in die Wunde legen, kann es auch ein Fehlgriff sein.

Weiter zu Teil 2: Diskriminierung von Homosexuellen

 

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