Unter Heiden (7): Zwischen Bekenntnis und Volkskirche

Die Kirche im Osten Deutschlands ist eine Minderheitenkirche. Allenorten sind die Spuren der DDR-Diktatur kaum mehr wahrnehmbar, das Gedenken an diesen Teil der Geschichte ist zu einer Willensfrage geworden, man kann hier prima leben ohne mit der Geschichte des Landes in Berührung zu kommen. Deutlich sichtbare Spuren hat die DDR aber in der Kirchenlandschaft hinterlassen. 1991 stellte DER SPIEGEL die Frage „Bleiben sie Heiden?“, noch ist die Frage nicht abschließend beantwortet.

Folgen der Diktatur
Die Kirchen wurden während der DDR systematisch marginalisiert und haben auch nach der Wende nur selten ihren Status als Volkskirche zurückerkämpft. Die augenfälligste Folge der DDR-Jugend- und Kulturpolitik ist die hohe Anzahl der Konfessionslosen in den neuen Bundesländern. Fast 70 % der Bewohner bezeichnen sich als zu keiner Religionsgemeinschaft zugehörig. Historisch bedingt (Reformation!) gibt es in den Landstrichen östlich der Elbe ohnehin weniger Katholiken. Das wirkt sich auf den Kirchenbesuch aus, denn Katholiken gehen regelmäßiger und häufiger in den Gottesdienst als Protestanten. Das haben Ost- und Westdeutschland gemeinsam: In der Tat, nivelliert man die großen Unterschiede in der Kirchenmitgliedschaft, gehen die ostdeutschen Protestanten und Katholiken genauso häufig oder selten in den Gottesdienst wie ihre Glaubensgeschwister in den gebrauchten Bundesländern.

In strukturschwachen Regionen ist die Kirchenmitgliedschaft auf unter 10 % abgesackt. Neben der DDR ist dafür auch der demographische Wandel verantwortlich. Ältere, die noch getauft wurden, sterben; Jüngere, die doch getauft wurden, wandern in die Städte ab. Kirche in solchen Gegenden ist ein multidimensionales Zuschussgeschäft. Die Kirchgemeinden hängen mehr als andernorts an den Kirchensteuermitteln, da sie aus eigenen Bemühungen kaum Mittel akquirieren können. Gleiches gilt umso mehr für die Kraft und Motivation der dort tätigen Haupt- und Ehrenamtlichen. Der zeitliche Aufwand, den Pfarrerinnen aufbringen müssen, um ihre über viele Dörfer versprengte überalterte Kerngemeinde zu erreichen, unterscheidet sich erheblich von dem in den Städten und in Westdeutschland. Der Pool an Ehrenamtlichen ist gering und überaltert.

Als Zentralveranstaltung von Kirche gilt nach wie vor der Sonntagsgottesdienst. Häufig genug mit weniger als zehn Teilnehmern. Ein Problem, dass inzwischen weite Aufmerksamkeit genießt. Die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland Ilse Junkermannn regte bereits 2012 an, Gottesdienste mit unter 10 Teilnehmern ausfallen zu lassen und durch andere Formate zu ersetzen. Bis heute finden solche Gottesdienste in Hülle und Fülle statt. Und es ist ja auch richtig so, denn die wenigen treuen Kirchgänger ganz im Stich zu lassen, kommt gar nicht in Frage. Doch jeder, der dauerhaft mit einer solchen Rumpfgemeinde Gottesdienst feiert, leidet auch darunter. Keiner reißt sich gerne für fünf Omis den Arsch auf.

Der Westen zieht nach
Ein Blick in die entchristlichste Region des Abendlandes lohnt, weil auch der Westen des Landes ähnlichen Bewegungen ausgesetzt ist. Zwar war es in der alten Bundesrepublik keine atheistische Bildungsdiktatur, die den Kirchen zusetzte, sondern eine jugendliche Befreiungsbewegung von verkrusteten Traditionen — die in der Breite von den Kirchen gestützt wurden — die in den 70er-Jahren die Kirchenmitgliedschaftszahlen (ein deutsches Wort par excellance) absacken ließen, doch die zugrunde liegende Geisteshaltung in der Gegenwart ist die Gleiche. Kaum jemand außerhalb des traditionell hochkirchlich geprägten Bildungsbürgertums — das es im Westen schlicht noch häufiger gibt als im Osten — braucht noch eine Kirche, die vornehmlich mit sich selbst und ihrem Unglück beschäftigt ist. Die um die Wahrung ihrer Besitz- und Bekenntnisstände besorgt ist, statt den offenen Dialog mit „der Welt“ zu suchen. Die eine Sprache für ihre Verkündigung und ihren gesellschaftspolitischen Einspruch wählt, die zwischen Putzigkeit und Unverständlichkeit changiert.

Folgen der DDR für die Theologie
Doch die DDR hat auch konkrete Folgen für die gelehrte und gelebte Theologie der Kirchen im Osten. Zum einen wäre da die Haltung, sich es in der Nische bequem zu machen. 40 Jahre DDR haben gereicht, um der Kirche im Osten den Anspruch Volkskirche zu sein auszutreiben — aller widersprüchlichen Äußerungen der Kirchenleitungen dazu zum Trotz. Teile der Christenheit im Osten sehen sich als Gegenüber zur Mehrheitsgesellschaft, nicht nur in Fragen des Glaubens, sondern auch in Fragen der Moral.

Denn die Abgrenzung gegen das DDR-Regime funktionierte innerkirchlich vor allem durch Kritik am sozialistischen Lifestyle. Die Kinder wurden eben nicht oder nur unter Zögern zu den Pionieren oder in die FDJ geschickt; Diskussionen darüber finden sich in allen christlichen Familien mit DDR-Geschichte. Sonntags ging man in den Gottesdienst, man las Zeitungen der Block-CDU und die Kirchennachrichten und vermeinte in ihnen zwischen den Zeilen mehr Aufrichtigkeit zu verspüren als im Neuen Deutschland. Noch so eine Frage: Zur Wahl gehen oder nicht? Das Kreuz bei der Block-CDU machen oder den Urnengang boykottieren, bis zum Schluss eine Gewissensfrage.

In der DDR waren viele alltägliche Entscheidungen zu Gewissensfragen geronnen, von den Kanzeln mit der Wucht der dialektischen Theologie unterstützt. Ähnlich wie in der Bekennenden Kirche der NS-Zeit wurde besonders die Theologie Karl Barths zum brauchbaren Mittel der Auseinandersetzung mit dem System. Und natürlich gab es auch die, die ihr braunes Hemd ablegten und sich für den Staatssozialismus begeistern konnten — nicht wenige von ihnen in den Fakultäten und Kirchenleitungen.

Nach dem Ende der DDR hielten es daher viele Christen und Pfarrer für gängig, Kritik am Lifestyle der Mehrheit als Mitte ihrer Verkündigung zu sehen. Zugegeben, die 90er-Jahre gaben dazu vielerorts Anlass genug. In einer pluralen Gesellschaft mit einem freien Markt der Weltanschauungen und Lebensorientierungen konnte man sich aber mit einem starken Gegen schnell nicht mehr prominent positionieren. Das kraftvolle Gegen, dass von außen in die Kirchen hineingetragen wurde und dort seine Rolle während der Wende spielte, versiegte, nun da der Gegner untergegangen und die Lage unübersichtlich geworden war. Gerade in Regionen mit überdurchschnittlich großer Kirchenmitgliedschaft (Erzgebirge, Vogtland, Eichsholz) blieb man bei theologischen und moralischen Einsichten, die sich während der DDR als brauchbar, nun aber als völlig veraltet erwiesen. Eine liberale Lesart der Bibel, ein aufgeklärter Glaube, eine progressive Theologie gelten noch heute als erster Schritt zum Untergang der Kirchen.

Anderswo mögen die Christen ihren lauen Glauben leben, bei uns aber blüht er in der ganzen Pracht des Pietismus. Dabei merkten viele gar nicht, wie sich ihre Kinder weiter radikalisierten und als Evangelikale mit amerikanischem Anstrich nicht nur der offenen Gesellschaft und liberalen Lebensmodellen, sondern auch der Kirche ihrer Eltern und Großeltern den Rücken zukehrten. In dieser Minderheitskirche herrscht der Glaube vor, man müsste den alten Schrott nur modern anpinseln und er würde sich wieder verkaufen. Solange man nur recht poppig daher komme und rede, würde das moralinsaure Gefrömmle auch in dieser Zeit verfangen, es hat sich ja in Bedrängung bewährt und ist biblisch legitimiert.

Harte, neue Zeiten
Die Bedrängung ist vorbei. Heute käme es vielmehr darauf an, auch die Inhalte, nicht nur die Form, anschlussfähig an die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu gestalten. Dazu gehörte — bei aller persönlicher Überzeugung — einmal einen Schritt zurückzutreten und sich ein paar Dinge vor Augen zu halten:

1) Obwohl viele Menschen im Osten Jesus Christus nicht als ihren Herrn und Heiland angenommen haben und in einer persönlichen Beziehung mit ihm Leben, geht es ihnen recht gut. Die Vorstellung, das Weltgericht bräche an und die Menge der Ungläubigen würde vertilgt und die tapferen ostdeutschen Christen würden durch die enge Pforte eingehen, sollte dringend abgelöst werden. Dies bedeutete einen radikalen Abschied von einer Theologie, die die christliche Offenbarung absolut setzt. Gebraucht würde eher eine Theologie, die vom Menschen und seinem Streben nach Deutung seines Lebens ausginge. Und eine Kirche, die es vermag, eine latente Kirche neben der manifesten Kirche anzuerkennen und sich zu Zeiten von ihr korrigieren zu lassen.

2) Obwohl viele Menschen im Osten dem Mammon huldigen, vor- und außerehelichen Sex haben, schwul oder lesbisch sind, können sie aufrechte Christen sein. Christlicher Glaube bedeutet nicht mehr einen uniformierten Lifestyle in der Nische zu leben, sondern die Durchdringung aller Lebensentwürfe mit dem Evangelium. Dazu muss man sich der sofortigen Wertung enthalten.

3) Eine Kirche, die für eine kleiner werdende Minderheit Schutz- und Rückzugsraum sein möchte, ist Gold in Zeiten der Bedrängung. In einer pluralen Gesellschaft wird sie aber zum Bunker vor der Welt, in die Christen gesandt sind, und zum Refugium für Fanatiker und Extremisten. Die Kirche ist nicht für die Christen da, sondern für die Heiden.

Von den Heiden lernen
Von den Konfessionslosen ließe sich lernen, dass man auch ohne ein bestimmtes Bekenntnis leben kann. Bei den Theologischen Tagen in Halle 2013 wurde daher über die Bezeichnung „Konfessionsfreie“ für die bisher „Konfessionslosen“ gesprochen, in Mode ist auch die Bezeichnung als „religiös indifferent“ gekommen. Betont wird hierbei die Freiheit der Menschen, zwischen mehreren Bekenntnissen zu wählen oder zusammenzustellen. Nichts anderes machten die Heiden früherer Zeiten, weshalb diese Kolumne zwar ironisch aber nicht ohne Grund „Unter Heiden“ heißt.

Von den Heiden lernen? Ja, wenn es darum geht christliche Bekenntisse historisch-kritisch zu relativieren und sich gemeinsam mit den Menschen auf den Weg zu machen. Wenn so viele Menschen, unter ihnen reichlich Christen, keine festgefügten ewigen Bekenntisse mehr suchen, sondern stattdessen einen Ort des gemeinsamen Nachdenkens und Suchens, dann müssen die Kirchen dieser Ort werden. Wenn das Interesse und Wissen am und um den Inhalt des christlichen Glaubens merklich kleiner wird, muss der Halt, den der Glaube geben kann, klar formuliert werden.

Freilich braucht es dafür einen aufgeklärten Glauben, der selbstbewusst aber nicht exklusiv redet und daher schlussendlich eine progressive Theologie.

Volkskirche 2.0
Ob die Kirchen ist Ostdeutschland wieder Volkskirchen werden können, diese Frage stellt sich seit der Wende. Was die Frage der Kirchenmitgliedschaft der Mehrheit angeht, kann man das getrost verneinen. Sie muss aber Volkskirche in neuem Sinn werden. Ihrer Aufgabe Kirche für das Volk zu sein, kann sie auch gerecht werden, ohne Kirche des Volkes zu sein. Ihre Sendung bedarf weder der Sicherheit einer abgeschlossenen Weltanschauung und eines uniformierten Lifestyles, noch der Zustimmung der Mehrheit. Es braucht nur eine kritische Masse an Menschen, die bereit ist an die Heiden zu denken. Kirchliches Handeln muss sich an den 95 % orientieren, die bisher nicht kommen.


Einmal im Monat schreibe ich unter dem Titel Unter Heiden auf theologiestudierende.de über meine ostdeutsche Heimat. Etwas später erscheinen die Artikel hier auf meinem Blog. Es geht um Vorurteile, Lebenserfahrungen und Perspektiven. Es geht um Arbeit, Leben und Glauben.

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