Auch das Christentum ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar

Am Wochenende entblödete sich Trixi von Storch von der AfD nicht, zu behaupten, der Islam sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Das gilt natürlich auch vom Christentum. Grundgesetzkonformität ist auch nicht der Maßstab, an dem wir Religionen messen sollten. Ich habe bei Storchs Äußerungen an ein Interview Navid Kermanis mit PublikForum (Ausgabe 24/2015) denken müssen, darin:

„Teile der Gesellschaft halten einen schon für bekloppt, wenn man die Ansicht vertritt, dass der Mensch nicht alles und der menschliche Verstand nicht das Maß aller Dinge ist. Und wer staatliche Vorschriften nicht für die einzige Gesetzesquelle hält, ist für sie ein Fall für den Verfassungsschutz. Wenn es aber keine Kommuniktation mehr gibt zwischen denen, die religiös verankert sind, und denen, die kein Gespür dafür haben, was Religiosität ausmacht, wird es zunehmende Missverständnisse geben, innerhalb der Gesellschaft, aber mehr noch in der Auseinandersetzung mit anderen Gesellschaften. Denn diese radikal säkularisierte Zone der Welt existiert nur in einem schmalen Streifen zwischen Skandinavien und Nordspanien.“

Das Bestürzende ist, dass Storch Christin ist. Sie tut aber so, als ob ihr nicht klar ist, was Religiosität ausmacht. Oder hat sie dafür kein Gespür? Nach allem was man weiß, ist Frau Storch sogar eine Christin, die besonders auf die Gesetzlichkeit ihres Glaubens Wert legt. Wenn sie also Grundgesetz und Religion gleichsetzt, dann nicht unabsichtlich, sondern bewusst, um gegen den Islam zu hetzen. Darin steckt eine gehörige Portion Doppelmoral, weil sie für sich selbst in Anspruch nimmt, was für viele Religiöse selbstverständlich ist: Eine höhere Bedeutung des „göttlichen Gesetzes“ gegenüber menschlichen Gesetzgebungen. Oder nicht? „Auch das Christentum ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar“ weiterlesen

Das neue Israel – Gedanken zum Shoah-Gedenktag am 27. Januar

Herr, du gabst unsern Vätern deinen guten Geist, um sie zu unterweisen.
Nehemia 9,20

Das Christentum sei das neue Israel. Israel, dass ist nicht nur der Zweitname Jakobs, den er am Jabbok erhält, als er in Richtung Pniel aufbricht. Israel, das ist sein Volk, das sind seine Nachkommen, unsere Vorfahren im Glauben. Die Frage des wahren Israel wurde in der Kirchengeschichte immer wieder gestellt. Erst nach der Shoah und dem 2. Vatikanischen Konzil auf Seiten der röm.-kath. Kirche hat die Kirche als Ganzes (Ausnahmen gibt es bis heute!) einen neuen Weg an der Seite des Judentums eingeschlagen und so vielleicht wieder zu dem zurückgefunden, was Paulus schon im Brief an die Gemeinde in Rom schrub.

Es widerstrebt mir, über die Leidensgeschichte der Juden zu sprechen. Nicht, dass es nicht wichtig wäre, gerade am heutigen Tag. Aber ich will das Judentum nicht ständig aus den Augen des Christen betrachten, der nach Jahrhunderten nichts anderes tun kann, als Abbitte zu leisten. Sehe ich die Juden dann nicht wieder und abermals nur als Opfer einer Geschichte, die von Christen gemacht wird und die ich weitererzähle?

Da fällt mir das Geprahle vom „jüdisch-christlichen Abendland“ ein, was für ein Quatsch. Diese Wortpaarung suggeriert ja Partnerschaft und Einmütigkeit. Wenn aber, dann ist die Geschichte des Abendlandes eine Geschichte auch der Verbrechen an den Juden und ihrer Unterdrückung bis hin zur fast völligen Ausrottung während der Shoah.

Man muss froh darüber sein, meine Generation sollte es, ich bin es: Über jedes Samenkorn des Jüdischen soll sich gefreut werden, das uns in Europa und Deutschland noch geblieben ist. Wegen ihrer einmaligen Geschichte, Kultur – des Witzes, des Essens und der Musik wegen – wegen ihres Denkens und Glaubens, wegen ihrer Bibel und dann auch zuletzt, weil ihr Leben hier in Europa uns genauso wie jedes Flüchtlingsschicksal an die andere Seite der Geschichte erinnert, die die Mehrheitsgesellschaft noch nie zu sehen vermochte.

Das Christentum sei das neue Israel. Wenn überhaupt, dann sind wir damit vollumfänglich und fürchterlich gescheitert. Wenn überhaupt, bedeutete neues Israel zu sein, sich an den Rand zu stellen.

Das Christentum sei das neue Israel. Ist es nicht so, dass in der Bibel – dem „alten“, wie dem „neuen“ Testament – jede Verheißung einer Gruppe, einer Gemeinschaft gilt? Erst dem Volk, ganz Israel, dann auch den Christen, die sich in diese Tradition stellen? Gelten die Verheißungen Gottes gar nicht mir kleinem Individuum – zumindest nicht alleine -, sondern nur mir als Teil einer größeren Gemeinschaft, eines Volkes der Gottsucher und Wandernden? Gibt es Gottes Verheißungen im doppelten Sinne nur im Plural?

Es scheint mir schon so zu sein, dass der christliche Widerwille, Anderes oder mehr als die eigene Verkündigung gelten zu lassen  – paradigmatisch am Beispiel der Ablehnung der Synagoge gezeigt, wenn auch nicht darauf begrenzt – seinen tieferen Grund in der Schwierigkeit des Menschen hat, mit Differenz und Polyphonie umzugehen. Was den Christen ihr wahres Israel war (und ist), das ist manchen eben die „abendländische Kultur“, das Deutschtum, die Ruhe und Ordnung – jedenfalls das, neben dem nichts anderes denkbar und lebbar erscheint.

Sich dieser Eintönigkeit – vielmehr dieses stahlharten Dualismus – zu erwehren und dagegen vorzugehen, erscheint mir eine wichtige Aufgabe jeder Religion, gerade weil sie in ihrer je eigenen Tradition genug „Material“ mitträgt, dass unvermeidliche Verletzungen und Reibungen auffangen, erklären, einordnen kann. Religion kann Differenz erträglich machen und Polyphonie ausdeuten.

Erdal Toprakyaran schreibt: „Eine Ökumene aller Religionen und Weltanschauungen bedarf mutiger Menschen, die das Feld nicht Tyrannen überlassen. Wir brauchen Poly-, Mono- und Atheisten, die den Stein des Sisyphos gemeinsam stemmen und einander nicht beschuldigen, wenn er auf der anderen Seite des Berges hinabrollt. Gewiss gibt es eine Wahrheit hinter allen Wahrheiten, die in absurd anmutenden Augenblicken unser hastiges irdisches Treiben transzendiert und uns ermuntert.“

„We can’t repent what is not sin.“ – Streit in der Anglikanischen Kirche

Mein heute veröffentlichtes Moment-mal zur Entscheidung der EKiR, gleichgeschlechtliche Partnerschaften absolut gleichzustellen, sollte eigentlich noch einen weiteren Absatz enthalten:

Die Entscheidung der EKiR fällt zeitlich zusammen mit der Entscheidung der Anglikanischen Weltkirche, die Episkopalkirche in den USA für drei Jahre von vielen kircheninternen Beratungen auszuschließen. Diese hatte zuvor die Trauung für homosexuelle Partnerschaften eingeführt. Die Episkopalkirche beantwortete die Sanktionen trotzig: We can accept these actions with grace and humility but the Episcopal Church is not going back. We can’t repent what is not sin.“ Die fortschreitende Spaltung der Anglikaner hat ein neues Fanal.

Warum habe ich den Absatz rausgenommen? „„We can’t repent what is not sin.“ – Streit in der Anglikanischen Kirche“ weiterlesen

Der Ort der Freiheit – Predigt zu Markus 10, 13-16 (Segnung der Kinder)

Diese Predigt habe ich im Hauptseminar Homiletik 2012 geschrieben und vor dem Seminar gehalten. Aus aktuellem Anlass veröffentliche ich sie hier auch endlich auf dem Blog. Direkt vor der Predigt werden die Kinder in den Kindergottesdienst bzw. in den Krabbelgottesdienst eingeladen, dies geschieht durch Ansage des Pfarrers und das gemeinsame Lied der Gemeinde:

Komm geh mit mir
von Gott erzählen wollen wir
groß oder klein
Gott will bei uns sein

Das Lied wird so lange wiederholt, bis die Kinder das Kirchenschiff verlassen haben, darauf folgt unmittelbar die Predigt. (Ungefähr so, wie in meiner Beispielgemeinde, der Heilig-Geist-Kirche in Dresden.)


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