In deinen Toren werd ich stehen (Extended Version) – Predigt zum Israelsonntag 2015 am 9. August 2015

Im Vorfeld des Israelsonntags habe ich hier mein Material zusammengetragen. Aus einigen Versatzstücken ist dann eine eher lange Predigt geworden – eben eine erweiterte Version. Gestern habe ich in Halle-Diemitz und in der Christuskirche dann Gottesdienst gehalten. Mehr dazu bald.


Eine Geschichte aus den Erzählungen der Chassidim, gesammelt von Martin Buber:

In Rabbi Naftalis Stadt, in Robschitz, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam am Ende der Stadt lagen, Leute zu beschäftigen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali eines Abends spät am Rande des Waldes entlang ging, begegnete er solch einem auf und abwandelnden Wächter. „Für wen gehst du?“ fragte der Rabbi. Der andere beantwortete es. Danach stellte er die Gegenfrage: „Und für wen geht ihr, Rabbi?“

Die Frage traf, wie ein Pfeil. Lange schritt der Rabbi schweigend neben dem anderen auf und ab. „Willst du mein Diener werden?“, fragte er nach langer Zeit den Mann. „Das will ich gern“, antwortete der andere, „aber was habe ich zu tun?“„Mich zu erinnern“, sagte Rabbi Naftali.

I

Der Israelsonntag ist ein Tag der Erinnerung. Erst diente er den christlichen Kirchen als Erinnerungsanker an die Zerstörung Jerusalems, die den Juden schon recht geschehen sei – waren sie es nicht, die Jesus, den Christus mordeten? Der Israelsonntag war eine willkommene Erinnerung für viele Christen daran, dass sie doch an die Stelle des alten Gottesvolkes Israel getreten waren, dass sie das neue, das wahre Israel bildeten. Hatte nicht Gott durch Christus Jesus einen neuen, unvergleichlichen, unüberbietbaren Bund mit ihnen geschlossen, der das Alte nicht nur überflüssig, sondern falsch machte?

Die Frage des wahren Israel wurde in der Kirchengeschichte immer wieder gestellt, erst nach der Shoah, nach dem Holocaust und dem 2. Vatikanischen Konzil (auf Seiten der röm.-kath. Kirche) hat die Kirche als Ganzes (Ausnahmen gibt es bis heute!) einen neuen Weg an der Seite des Judentums eingeschlagen und so vielleicht wieder zu dem zurückgefunden, was Paulus schon im Brief an die Gemeinde in Rom geschrieben hat – wir haben es als Epistel unseres Gottesdienstes gerade eben noch einmal gehört:

Ihnen hat Gott die Sohneswürde geschenkt. Ihnen hat er sich in seiner Herrlichkeit gezeigt, mit ihnen hat er seine Bündnisse geschlossen, ihnen hat er das Gesetz und die Ordnungen des Gottesdienstes gegeben, ihnen gelten seine Verheißungen.

Da fällt mir das Geprahle vom jüdisch-christlichen Abendland ein, das wir auf den Straßen und in den Zeitungen und Kommentarspalten dieser Tage so häufig hören – was für ein Quatsch. Diese Wortpaarung unterstellt ja Partnerschaft und Einmütigkeit, eine gemeinsam verbrachte Geschichte. Wenn aber, dann ist die Geschichte des Abendlandes eine Geschichte der Verbrechen an den Juden und ihrer Unterdrückung bis hin zur fast völligen Ausrottung während der Shoah.

Wir sollten froh sein – ich bin es – über jedes Samenkorn des Jüdischen, das uns in Europa und Deutschland noch geblieben ist. Wegen der einmaligen Geschichte und Kultur der Juden – ihres Witzes, ihres Essens und ihrer Musik – wegen ihres Denkens und Glaubens, wegen ihrer Bibel und dann auch zuletzt, weil ihr Leben hier in Europa uns genauso wie jedes Flüchtlingsschicksal an die andere Seite der Geschichte erinnert, die die Mehrheitsgesellschaft noch nie zu sehen vermochte.

Der Israelsonntag ist ein Tag der Erinnerung. Nicht mehr an eine vermeintliche Vergeltungstat Gottes gegen die vermeintlichen Mörder Jesu Christi. Woran aber sollen wir uns dann erinnern? Vielleicht als Erstes daran, dass es Jesu Sendung war, die andere Seite der Geschichte zu sehen, jenseits der bequemen Wahrheiten und der Mehrheit zu stehen.

Wenn überhaupt, dann würde neues Israel zu sein für uns Christen bedeuten, sich an den Rand zu stellen, dort wo die Gebeugten und Dürftigen warten und mit ihnen unser Messias, der Gesalbte, Jesus, der Christus.

II

Der Israelsonntag ist ein Tag der Erinnerung. Und wir müssen gar nicht weit weg oder weit zurück in der Zeit schauen, um uns erinnern zu lassen an Verbrechen gegen Juden. Mich haben zwei Verse aus dem Psalm, in den wir gerade im Gebet eingestimmt sind, daran erinnert:

Sie verbrannten alle Begnegungsstätten der Gottheit im Land. Zeichen uns sehen wir nicht, es gibt keinen Künder mehr, nicht ist einer mit uns, der kennte, bis wann.

Es sind diese Verse, die Dietrich Bonhoeffer nach den Pogromen im November 1938 in seiner Bibel unterstrich und das Datum 9. November 1938 daneben schrieb:

Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande. Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da, und keiner ist bei uns, der etwas weiß. (wie es in seiner Bibel stand.)

Bonhoeffers Umdeutung dieser Verse erinnert mich heute an die als „Reichskristallnacht“ beschönigend beschriebenen Übergriffe auf Synagogen und jüdische Einrichtungen und Läden, die vielerorts zerstört und niedergebrannt wurden. Auch hier in Halle. Der Platz, der früher nur Großer Berlin hieß und hinter dem Haus liegt in dem wir wohnen, der heißt heute Jerusalemer Platz, um an die zerstörte Synagoge zu erinnern, die dort gestanden hat.

Mich erinnern die Psalmverse aber auch an die zahlreichen Verbrechen, die heute an Symbolen des Judentums und Juden selbst in unserem Land und in Europa verübt werden. Bis heute steht vor der Neuen Synagoge in meiner Heimatstadt Dresden immer ein Polizeiauto, aus gutem Grund. Und in dem Tohuwabohu rund um das Charlie-Hebdo-Attentat in Paris vor ein paar Monaten ist häufig untergegangen, dass in einem Supermarkt für koschere Waren vier Juden ermordet und weitere als Geiseln genommen wurden. Der Attentäter starb bei der Erstürmung des Ladens, ein paar Tage später fand eine große Trauerfeier in der Pariser Synagoge statt und ein Begräbnis in Israel.

Ein Begräbnis in Israel, obwohl doch die Mordopfer aus Frankreich kamen, dort eine Heimat gesucht und vielleicht auch ein wenig gefunden hatten. Die Sehnsucht nach einer Heimatstadt, einem Ort an dem man leben und sterben und in Frieden begraben werden kann, ist allen Menschen gemein.

Der Israelsonntag ist ein Tag der Erinnerung. Woran aber sollen wir uns erinnern? Vielleicht als Zweites daran, dass auch wenn für uns Christen Israel zwar ein spannendes Reiseziel ist und das irdische Jerusalem nicht der große Sehnsuchtsort wie für Juden und Moslems, das himmlische Jerusalem – von dessen Toren wir gerade eben noch gesungen haben, die offen stehen, die von einer freien Stadt künden, in denen Menschen aller Zunge Luft zum Atmen haben und Einstimmen wollen in den großen Lobgesang Gottes, ein jeder in seiner Sprache und Melodie – dass dieses himmlische Jerusalem auch unsere Hoffnung ist.

III

Es ist diese Hoffnung, die uns mit fremden Menschen verbindet, zuerst mit den Juden, dann mit den Muslimen und allen Menschen guten Willens. Denn im Psalmwort ist nicht die Rede allein von jüdischen Gotteshäusern, sondern von allen Häusern Gottes, von den Begegnungsstätten der Gottheit, wie es Martin Buber so genial verdeutscht hat. Damit rücken alle Verbrechen an religiösen Minderheiten in meinen Blick, auch die Unterdrückung vieler Christen, sei es in manchen muslimischen Ländern oder in Indien. Dort müssen auch Christen um ihr Leben fürchten und Kirchen brennen.

Müssten wir Christen nicht mit Jesus klagend schreien: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Mit Blick auf Jerusalem und mit Blick auf unsere Städte. Der Israelsonntag ist ein Tag der Erinnerung. Woran aber sollen wir uns erinnern? Vielleicht als Drittes daran, dass auch wir ständig in der Gefahr stehen, nicht zu erkennen, wann und in wem Gott uns begegnen will.

IV

Der Israelsonntag ist ein Tag der Erinnerung an eine gemeinsame Hoffnung, an eine Verheißung Gottes, die an uns alle ergeht. Ist es nicht so, dass in der Bibel – dem ersten, wie dem zweiten Testament – jede Verheißung einer Gruppe, einer Gemeinschaft gilt? Erst dem Volk, ganz Israel, dann den Christen, die sich in diese Tradition stellen. Gelten die Verheißungen Gottes gar nicht mir kleinem Individuum – zumindest nicht alleine -, sondern nur mir als Teil einer größeren Gemeinschaft, eines Volkes der Gottsucher und Wandernden? Gibt es Gottes Verheißungen im doppelten Sinne nur im Plural?

Und deshalb sollten wir uns an diesem Israelsonntag, der ein Tag der Erinnerung ist, auch von dem letzten verbliebenen unserer Gottesdiensttexte ansprechen lassen, denn dieser wendet sich an das Volk – also an uns – und er verkündigt eine Verheißung, die uns allen gilt:

Es wird aber geschehen, wenn alle diese Worte über dich kommen werden, der Segen und der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, und du es dir zu Herzen nimmst unter den Heiden, so wird der Herr, dein Gott, dein Geschick wenden und sich über dich erbarmen und wird dich wieder sammeln aus allen Völkern, …
Und wenn du auch bis an das Ende des Himmels verstoßen wärst, so wird dich doch der Herr, dein Gott, von dort sammeln und dich von dort holen.
Und der Herr, dein Gott, wird dich in das Land zurückbringen, das deine Väter besessen haben, …
Und der Herr, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, daß du den Herrn, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, damit du lebst.

Der Israelsonntag ist ein Tag der Erinnerung und deshalb nehme ich mir noch einmal Zeit und Atem und lese genauer hin: „Der Segen und der Fluch, die ich dir vorgelegt habe“. Unser Glück und Leid liegt nicht in unserer Hand, so vieles haben wir nicht im Griff. Und auch manche Schrecklichkeit unserer Zeit lässt uns nur ratlos zurück. Das gemahnt mich an die Ratlosigkeit vieler Menschen guten Willens in Deutschland und überall auf der Welt im Angesicht des Terrors oder des Fremdenhasses, der in diesen Tagen unter uns bedrohlich an Macht gewonnen hat.

„Und Du es dir zu Herzen nimmst unter den Heiden“ Das bedeutete schon, sich diese Ratlosigkeit einzugestehen: „Für wen gehst Du?“ fragt der Wächter den Rabbi und es trifft ihn wie ein Pfeil. Gestehen wir uns unsere Ratlosigkeit gegenüber den Fährnissen unseres Lebens und unserer Zeit ein, nehmen wir die Fragen, die sich stellen nicht leicht hin, sondern uns wirklich zu Herzen.

Denn dann wird uns der Herr, unser Gott, sammeln und zusammenstellen, ob wir auch noch so weit voneinander entfernt wären, so weit gar, wie der Himmel ist. Denn dann wird er uns in das Land unserer Väter und Mütter im Glauben zurückbringen. In ein Land, dass wenn es schon kein Irdisches ist, sondern nur ab und zu unter den Heiden aufleuchtet, ein Land ist, in dem es sich gut leben und sterben lässt und in dem man in Frieden begraben liegen will.

„Damit Du lebst, wird der Herr, dein Gott, dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden“ Was ist die Beschneidung des Herzens? Auch sie, die Beschneidung, haben wir von unseren jüdischen Geschwistern geerbt: nicht nur die Psalmen und den Segen, und Jerusalem und seine Lieder, nicht nur Jesus und auch Paulus, auch die Beschneidung. Die Beschneidung des Herzens von denen die Schüler des Paulus an die Gemeinde in Ephesus schreiben: Legt also eure frühere Lebensweise ab! Ja, legt den ganzen alten Menschen ab, … Lasst euch in eurem Denken erneuern durch den Geist, der euch geschenkt ist. Zieht den neuen Menschen an, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat und der gerecht und heilig lebt aus der Wahrheit Gottes, …

Und was sind wir Christen anderes als Schüler des Paulus, dieses jüdischen Gelehrten, der das Evangelium von Christus Jesus den Heiden – also auch noch uns – bringt und Söhne und Töchter Israels, Kinder des einen Königs und Herrn.

Beschneidung, das heißt, etwas loswerden, etwas ablegen, nicht nur die Vorhaut der Männer. Die Beschneidung der Herzen steht allen Frauen und Männern, Juden und Christen, Heiden und Frommen gleichermaßen offen, wie die Tore des himmlischen Jerusalem. Die Beschneidung des Herzens ist frei, weil sie wohl erbeten werden kann, aber von dem einen kommt, der unsere Herzen zurichtet.

V

Lange schritt der Rabbi schweigend neben dem anderen auf und ab. „Willst du mein Diener werden?“, fragte er nach langer Zeit den Mann. „Das will ich gern“, antwortete der andere, „aber was habe ich zu tun?“„Mich zu erinnern“, sagte Rabbi Naftali.

Der Israelsonntag ist ein Tag der Erinnerung. Ein Tag, an dem wir uns gegenseitig erinnern. Wir brauchen Menschen, die uns erinnern helfen. Wir erinnern uns, indem wir alte Lieder singen, in alten Texten nachhorchen. Der Israelsonntag ist ein Tag, an dem wir so erneut um die Beschneidung unserer Herzen bitten.

Von Baal Schem Tob, dem Gründer des Chassidismus, stammt der Satz, der auch in der Gedenkstätte Jad Vaschem angeschrieben steht: „In der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.“

Wir erinnern uns heute an eine oft genug getrennte und verletzte Geschichte, die Juden und Christen schmerzvoll teilen. Wir erinnern uns, mit Dankbarkeit und Nachdenklichkeit an all das, was wir als Christen aus dem Judentum geerbt haben. Wir erinnern uns heute aber vor allem unserer gemeinsamen Zukunft, der Verheißungen Gottes. In deinen Toren werd ich stehen, Du freie Stadt Jerusalem. In deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied. Amen.

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