Die Allianz der außergewöhnlichen Homophobiker

Es fällt leicht, in jedem evangelikalen Christen einen Homophoben zu sehen. Zahlreich sind die Beispiele für schwulenfeindliche Äußerungen und homophobes Verhalten – von den Initiativen der „Pray the gay away“-Bewegung, bis in die Jugendarbeit evangelikaler Verbände in Deutschland. Die Evangelische Allianz versteht sich als Dachverband der evangelikalen Christen in Deutschland. Diese finden sich nicht nur in vielen der evangelischen Freikirchen, sondern auch in den Evangelischen Landeskirchen. Gelegentlich entsteht der Eindruck, die Evangelikalen seien – ganz im Gegensatz zu den liberal-protestantischen Gemeinden – auf dem Vormarsch. So fordert der Wissenschaftsjournalist Martin Urban in seinem Disput mit dem Ratsvorsitzenden der EKD Nikolaus Schneider eine konsequente Auseinandersetzung und schließliche Abwendung von den Fundamentalisten, die seiner Meinung nach die Evangelische Kirche kaputt machen.

Gleichzeitig wenden sich immer mehr Evangelikale, zuerst in den USA und zunehmend auch in Deutschland, von ihren harten Aussagen zur Verdammung der Homosexualität ab. Handelt es sich dabei um eine Abwendung aus Kalkül? Will man sich anschlussfähig an die Mehrheitsgesellschaft geben oder rücken die Evangelikalen tatsächlich von ihrer lange gehegten Homophobie ab?

Der Untergang der „Pray the gay away“-Bewegung?
Nach Jahrzehnten der „Hilfe“ für von Homosexualität „betroffene“ Christen schloss Exodus International dieses Jahr seine Türen. Alan Chambers, der Präsident der weltweit operierenden Initiative, entschuldigte sich ausführlich bei den Menschen, die unter den „Therapien“ der Organisation zu leiden hatten.

„It is strange to be someone who has both been hurt by the church’s treatment of the LGBT community, and also to be someone who must apologize for being part of the very system of ignorance that perpetuated that hurt,“ Chambers wrote on the Exodus International’s blog in an entry titled, ‚I Am Sorry.‘ „Today it is as if I’ve just woken up to a greater sense of how painful it is to be a sinner in the hands of an angry church.“

Dieser radikale Kurswechsel einer der größten Organisationen, die sich für die „Heilung“ von Homosexuellen einsetzte, sorgte in den USA und darüber hinaus für eine Welle der Aufregung. Auf der einen Seite die, die seit Jahren gegen Exodus und andere evangelikale Institute anarbeiteten. Erleichterung und Freude machte sich breit, manchmal begleitet mit einem triumphalen „Wir haben es schon immer gewusst!“ oder kritischen Nachfragen. Auf der anderen Seite diejenigen, die die den Rückzug mit einem Abfall vom rechten (evangelikalen) Glauben gleichsetzten, umso stärker auf ihrer Ablehnung der Schwulen und Lesben beharrten. Das alles natürlich in Gottes Namen.

Tatsächlich gibt es in einigen evangelikalen Kreisen ein Umdenken. Nicht ändert sich die grundsätzliche theologische Haltung gegenüber der Homosexualität, aber der Umgang der christlichen Kirchen mit  Homosexuellen wird inzwischen kritischer gesehen. Aus der Haltung „Hasse die Sünde, bekehre den Sünder“ ist ein nachsichtigeres „Hasse die Sünde, liebe den Sünder“ geworden. Der strukturellen Diskriminierung von Schwulen und Lesben soll gewehrt werden. Die Kirche soll wieder zu einem Ort werden, der die LGBT-Community nicht ausschließt.lesbenkreuz

Es gibt wichtigere Themen
Auch in Deutschland begegnen immer mehr (Post-)Evangelikale, die die harrsche Ablehnung von Schwulen und Lesben nicht mehr weiter tragen möchten. Die Herzlosigkeit mancher Äußerung wird inzwischen bedauert. Natürlich, kommt man einmal tatsächlich mit Schwulen und Lesben in Kontakt, lassen sich die alten Verdammungen nicht einfach wiederholen ohne in Widerspruch mit eigenen postitiven Erfahrungen der Freundschaft, Bekanntschaft und Glaubensgeschwisterschaft zu geraten. Dazu haben auch die christlichen Gesprächskreise der LGBT-Community einen wichtigen Beitrag geleistet.

Vor allem aber wird generell weniger über Homosexualität gesprochen. Meine Vermutung: Inzwischen hat die evangelikale Leitungsschicht auch hierzulande verstanden, dass mit kaum verhohlener Homophobie bei der Jugend nichts zu gewinnen ist. Dort wo man in Städten kirchenferne Menschen erreichen möchte, ist die Überzeugung, bei der Homosexualität handele es sich um eine Entscheidung, eine Krankheit, jedenfalls nicht um etwas Stinknormales, nicht mehr vermittelbar. Das läuft dem eigenen Anspruch, gerade dort missionieren zu wollen zu wider. Deshalb die Abkehr von der ständigen Proklamation der eigenen moralinsauren Sexualmoral.

Und es ist ja auch richtig so. Mit wieviel Herzblut widmeten sich in den letzten Jahrzehnten gerade die evangelikalen Jugendarbeiter  dem Sexualverhalten ihrer jugendlichen Glaubensgeschwister? Nicht selten habe ich mir die Frage gestellt, was das enorm ausgeprägte Interesse der Evangelikalen am Sexualleben gerade der Jugend zu bedeuten habe. Denn es ging ja nicht nur um das Schwulsein, auch das beliebte „Kein Sex vor der Ehe“-Geschwafel nahm (und nimmt) ja einen solch prominenten Platz in der Verkündigung ein, dass man davon ausgehen könnte, es handele sich dabei um einen zentrales Anliegen des christlichen Glaubens.

Das ist nicht so!

Und so geht es auch bei den Evangelikalen zunehmend mehr um soziale oder gar politische Dimensionen des Evangeliums, als um die Bettgeschichten der Gläubigen. Teilweise gebärden sich die neuen Hipster-Evangelikalen als Freunde allen post-modernen Lifestyles. Mit guter Theologie hat das so wenig zu tun wie die vormalige Hetze gegen Homosexuelle.

Es ist das Schriftverständnis, Dummkopf!
Es bleibt die Frage im Raum stehen, ob mit der Abkehr von der permanenten Penetration mit Homophobie auch eine Abkehr von der homophoben Lesart der Bibel einher geht. Die evangelikale Homophobie wurzelt, wie andere ihrer abstrusen Überzeugungen auch, im wörtlichen Verständnis der Bibel. Kann es unter solchen Vorzeichen überhaupt ein Umdenken geben?

Die Evangelische Allianz bekennt sich in ihrer Basis des Glaubens nach wie vor „zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“. Wer dieses grundsätzliche Bekenntnis mit einer virtuos durchgeführten Praxis des Cherry-Pickings und Bibelzitate-Bashings verbindet, dem ist die Abkehr von der Homophobie  nicht abzunehmen.

Auch wenn die Evangelikalen nun scheinbar von den Schwulen und Lesben ablassen, bleibt ihr ahistorisches Verständnis der biblischen Schriften bestehen. Es führt bei so gut wie allen sexualmoralischen Entscheidungen zu einer menschenfeindlichen Engführung.

Klare Haltung abfordern
Die Evangelikalen in ihrer Gesamtheit, besonders aber diejenigen unter ihnen, die sich neuerdings der LGBT-Community zuwenden, müssen sich also die Frage gefallen lassen, ob sie einfach nur Kreide gefressen haben oder sich tatsächlich von ihrer menschenfeindlichen Ideologie haben bekehren lassen.

Wenn nicht, würde es sich tatsächlich um außergewöhnliche Homophobiker handeln, nämlich um solche, die ihre kontroverse Haltung der Anbiederung wegen lieber verschweigen.

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3 Kommentare

  1. Das wird sich daran zeigen, wie wir einige Grundfragen beantworten: Wer ist Gott? Wer ist der Mensch? Um diese Fragen geht es nämlich wirklich bei den aktuellen Konflikten um homo­sexuelle Lebensweisen.
    Ich hoffe nicht, dass sich bei der evangelikalen Auffassung von der Sündhaftigkeit der Homosexualität etwas geändert hat – auch wenn Sie in ihrem Beitrag davon sprechen. Mit Homophobie hat das nichts zu tun. Schon Paulus sagte: Hasse die Sünde, liebe den Sünder!

    Ulrich Parzany hat Recht wenn er schreibt:
    „Der Mensch ist zum Ebenbild Gottes geschaffen, und zwar in der Unterschiedenheit und Zusammengehörigkeit von Mann und Frau (1. Buch Mose 1,27). Auf diesem Hintergrund lehnt die Bibel homosexuelle Handlungen ab (3. Buch Mose 18,22 und 20,13).

    Diese unbedingt formulierten Gebote Gottes werden so begründet: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott« (3. Buch Mose 19,2). Es geht bei diesen Geboten also nicht um moralische Nebensächlichkeiten. Es geht um Gott selbst und um das erste Gebot. “

    Ich wünsche Ihnen ein vertieftes Nachdenken darüber, bevor Sie weiter mit Unterstellungen ihrer Wege ziehen.

  2. Die Bibel verurteilt ganz klar homosexuelles Verhalten. Ich habe aber noch nie einen evangelikalen Glaubensbruder getroffen auf den das hier beschriebene Verhalten zutrifft.

    Sie sollten sich schämen!

  3. Rock on!!
    Das die Evangelische Allianz immer noch offen homophob ist, werden wir heut Abend am Beispiel ihres Vorsitzenden Steeb bei Maischberger wieder sehen.

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