Alle(s) in einen Topf – Re: Andreas Mertin

Dass mir ein Fehdehandschuh hingeworfen wurde, hätte man mir auch mal sagen können! Gerade las ich die Replik von Christoph Breit auf Andreas Mertin und danach erst seinen „Kognitive Dissonanzen – Polemische Notizen zur Umwertung der Werte durch „Trollgeschädigte““ überschriebenen Aufschlag. Soweit hatte ich mich durch die aktuelle Ausgabe des theologischen Online-Magazins Tà katoptrizómena noch nicht durchgearbeitet (liest sich auf meinem Smartphone auch beknackt, weil nicht responsive).

Tatsächlich habe ich mich letzte Woche beim Artikel „Digitale Pioniere“ festgelesen und habe – wie üblich – nach der Lektüre dieses ebenfalls von Andreas Mertin verfassten Artikels zustimmend vor mich hingeschmunzelt. Diese Jungspunde, die denken, sie hätten die Digitalität erfunden!

Umso herber meine Überraschung heute Abend, da ich zur Kenntnis nehmen muss, dass der von mir hochgeschätze Autor und Magazinmacher Mertin offensichtlich auch mich für einen dieser impertinenten Halbwüchsigen hält. Früher habe ich von dieser Reaktion nichts mitbekommen, weil mir niemand auf Twitter davon etwas gesteckt hat und Mertins Magazin auch kein Pingback an den entsprechenden Artikel in der Eule sendete). Mertin findet meinen Kommentar zur Malaise um das Nutzerverhalten Wolfgang Hubers auf Twitter „menschenverachtend und herabsetzend“, im Artikel fiele „eine extreme Form des Alters-Rassismus auf“.

Das hätte ich nicht erwartet.

Meine Kritik an Hubers Twitternutzung ist vor allem, dass er sich einer Diskussion seiner steilen These auf der Plattform entzieht. (Das hat sich auch durch das Interview von Hanno Terbuyken auf evangelisch.de nicht geändert, auch wenn es eine sehr aufschlussreiche Lektüre ist.) Es ist diese Form von Verkündigung von Absolutheiten, die gerne Aufmerksamkeit und Widerspruch erregen dürfen, und die anschließende Totalverweigerung, das so geschmähte Medium für den Austausch mit den Angegangenen zu nutzen, die im krassen Widerspruch zu dem stehen, was Huber vertritt. Wer Twitter für einen Ort hält, an dem man sich vorzüglich aus dem Weg geht, der sollte es selbst eben nicht so halten. Huber meint im Interview, niemand müsse ihm seine Mediennutzung vorschreiben. Recht hat er! Aber kritisierbar (und kritikwürdig) bleiben seine Äußerungen in gerade diesem Medium trotzdem.

Und ja: Hubers Äußerungen sind populistisch, weil sie sich anbiedernd an diejenigen wenden, die aus Gewohnheit oder Neigung permanent Widersprüche zwischen Digitalisierung und Kirche beschreiben. Mindestens die Hälfte der vermeintlichen „Menschenverachtung“ meines Kommentars geht aber an die Adresse der digitalen Kirche, weil es zum Trollen ja immer beides braucht: Einen Troll und eine Gemeinde, die sich trollen lässt. Die #digitaleKirche ist lange noch nicht reif, ansonsten würde man solch flache Kritik einfach vorüberziehen lassen.

Flache Kulturkritik nun bin ich von Andreas Mertin gar nicht gewohnt, dessen hervorragendes Magazin ich regelmäßig mit großem Gewinn lese und an dessen Klugheit wir uns bei der Eule immer nur ein Beispiel nehmen können. Wenn mich nicht alles täuscht, macht er sich Hubers Argumente in seinen Stücken zur Digitalisierung der Kirche und Theologie auch nicht zu eigen. Sein Angepisstsein bezieht sich in meinen Augen – bitte, lieber Andreas Mertin, korrigieren Sie mich, sollte dies nicht zutreffen! – auf die „Altersgenossenschaft“ mit Huber und den mir vorgeworfenen „Altersrassismus“.

Es ist nun eigentlich nicht mein Geschäft, Exegese meiner eigenen Texte zu betreiben, aber nur zur Aufklärung: Wenn ich „Die Kirchen brauchen andere Digitalprominente“ schreibe und von „ältlichen Bischöf*innen“ polemisiere, dann spreche ich damit doch recht eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit aus. Die #digitaleKirche braucht selbstverständlich andere, die ihr Geschäft erledigen, als diejenigen, die aus Desinteresse oder Neigung heraus lieber gerne von der Seitenlinie aus das Geschehen kommentieren. Es braucht also weniger digitale Hubers, aber doch sicher mehr Mertins!

„Nein, lieber Philipp Greifenstein, wir sind als Ältere nicht vom Digitalen ausgeschlossen, wir haben die digitalen Welten mit entwickelt und gestaltet, als Sie noch nicht einmal im Kindergarten waren.“ (Andreas Mertin)

Ich stimme Andreas Mertin immer dann besonders emphatisch zu, wenn er in seinem Magazin die evangelische Freiheit des einfachen Christenmenschen gegenüber kirchlicher und theologischer Macht stark macht. Warum sollte damit an den Pforten der Sozialen Medien Schluss sein? Für das Amt einer Digitalbotschafterin der Kirche (Als ob dies ein anderes Land wäre! Sei’s drum.) muss man eben nicht erst Kirchen- oder Wissenschaftskarriere gemacht haben. Man(n) ist dafür auch schwerlich zu alt, was nicht zuletzt die von Mertin in einem Atemzug mit mir kritisierten Online-Pfarrer beweisen.

Aber man ist dafür ausnahmsweise eben auch nicht zu jung! Die Vorzüge der Jugend lassen sich nicht wegdiskutieren. Bester Beweis dafür ist, dass ich in meinem gesetzten Alter zu neueren Sozialen Medien und dem Nutzungsverhalten der heute tatsächlich Jugendlichen keinen Zugang mehr finde. Eingedenk der großen evangelischen Tradition der Berufsjugendlichkeit erahne ich hier das Verletzungspotential meiner Polemik, doch hielte ich es für stilvoller, als Reaktion auf sie zur eigenen Un-Zeitlichkeit zu stehen #Authentizität.

Mein Ärger über die „Alten Männer“ macht sich nun gar nicht an Huber oder Mertin fest, sondern an den Abertausenden ihrer Altersgenossen, die das Netz und unsere Gesellschaft mit ihren Schnellschüssen und paranoiden Abwehrgefechten in Atem halten. Und ich ärgere mich!

Seit meiner Kindheit und Jugend habe ich in Diskussionen den Satz „Dafür bist Du noch zu jung!“ gehört. Meistens von Männern, denen die Argumente ausgegangen oder die es sichtlich nicht gewohnt waren, „von unten“ angegangen zu werden. Nun bin ich Dreißig und gelte immer noch als „jung“! Ich frage mich: Ab wann gilt man denn hierzulande noch als „alt“? Ist das Alter so in Verruf geraten, dass sich niemand mehr dazu bekennen will? Dreißigjährige – die von Mertin beschriebene „neue Generation“ der #digitalenKirche – sind keine dahergelaufenen Kinderlein, denen man den Rotz von der Nase wischen muss.

Sorry, aber den Vorwurf des „Altersrassismus“ in der Kirche kann ich nicht ernst nehmen. Ich finde auch, dass Mertin hier mit Kanonen auf Spatzen schießt. Von einem so geübten Kulturhermeneuten wie ihm hätte ich mir gewünscht, dass er den Ton meines Kommentars besser einzuordnen weiß. Jedenfalls gehört für mich zum Rassismus der Aspekt der Diskriminierung dazu. Mertin stellt hier die Machtfrage falschherum.

Wenn schon, dann sind junge Menschen strukturell benachteiligt. Wenn #digitaleKirche dieses Problem auch nicht lösen kann (Zustimmung zu Christoph Breit), so macht sie es wenigstens sichtbar. „Die Kirche“ hat sich daran gewöhnt, dass in ihr jeder Mensch unter 45 als „jung“ gilt. Wtf?

Sie steht damit ja nicht alleine da. Erst kürzlich ist mir Gleiches in einem Ortsverein einer vormalig großen Partei passiert: Da wurden die beiden einzigen anwesenden Fürsprecher eines Programms für junge Familien von den Senioren-Funktionären in die Mangel genommen. Als ob Senioren nicht ohnehin eine Lobby hätten! Als ob nicht in Kirche, Parteien und gesamtgesellschaftlich noch an jeder Ecke und an jeder Kreuzung der Datenautobahn Rücksicht genommen würde (im MDR-Kulturradio galt Fatih Akin diese Woche noch als junger Regisseur btw)!

Wem soll denn die heutige „junge“ Generation etwas beweisen? Denjenigen, die schon länger „The Times They Are A-Changin'“ singen? Rücksichtnahme beruht auf Respekt. Respekt beruht auf Gegenseitigkeit. Was ist daran respektvoll, wie Huber einen Satz herauszutwittern und sich dann schmollend zu wundern, dass die Gemeinten auch ge- und betroffen sind?

Come mothers and fathers
Throughout the land
And don’t criticize
What you can’t understand
Your sons and your daughters
Are beyond your command
Your old road is
Rapidly agin‘.
Please get out of the new one
If you can’t lend your hand
For the times they are a-changin‘.
(Bob Dylan)

Denn diese #digitaleKirche, das sind halt Menschen. Weil sich Mertin ja Argumente für die digitale Kirche wünscht und ausdrücklich zur Replik in seinem Magazin einlädt (mich nicht, aber ich habe ja dieses Blog), hier meine Arbeitshypothese:

Für mich ist digitale Kirche das, was ist. Mertins Magazin, Twitterdiskussionen über Sterbehilfe und Gottesdienstordnungen, #twomplet, xrcs und flockige Instragramstories usw. usf.. Da sind immer Menschen, höchst unterschiedliche Menschen, wie ich mit Blick auf meine TL auf Twitter (horribile dictu!) feststelle. Alt, jung, so alt wie ich, schwul, lesbisch, hetero, trans-, Frauen, Männer, Taube, Stumme, Blinde, Sehende usw. usf..

All denen hat Huber den Wert ihrer Begegnungen abgesprochen, wenn er im Interview mit evangelisch.de behauptet, zu einer richtigen Begegnung bräuchte man alle Sinne. Ne, in den digitalen Medien haben Menschen Teil an Kirche. Wie weit und ob das für ausreichend befunden wird, das ist mir erstmal schnuppe, weil ich nicht von der Institution, sondern von den Menschen aus denke. Wenn Zwei oder Drei, die sich auf Twitter übers Abendmahl streiten, sich als Kirche verstehen, wer bin ich, ein Urteil über sie zu fällen?

Ich empfinde die Obsession, wahre (Gottes-)Begegnung zu bewerten, als zutiefst unprotestantisch. Auf Twitter kann ein 14jähriger einen Bischof anraunzen. Dessen Antwort ist nicht allein ein Test auf Fachwissen, sondern mindestens ebenso sehr des Stils und Taktgefühls, des Humors. Es steckt da ein schönes egalitäres Moment drin, was nicht heißen soll, dass es nicht auch auf Twitter (neue) Machtgefälle gibt. Aber es sind schon mal nicht die alten, das bringt Bewegung in die Sache und gibt ganz offensichtlich schon genug Anlass zur Aufregung. Für mich ist die Kirche Jesu Christi ein herrschaftsfreier Raum. Wenn das utopische Element einer gleichberechtigten Diskussion, das der Digitalisierung innewohnt, mal stärker durchdringt, was wird dann erst los sein?

Sie sehen, lieber Andreas Mertin, ich trage mich noch mit Hoffnung! Was Sie als „herabsetzend“ empfinden, halte ich für einen dringend notwendigen Ausgleich der Kräfte. Ich bediene mich dazu der Mittel, die den Machtlosen schon immer zu Gebote stehen: Ironie, Spott und Zorn. Ob ich das – und dann auch noch in jedem Einzelfall – geschickt anstelle, überlasse ich wirklich gerne der Bewertung anderer.

Dass Sie, lieber Andreas Mertin, mich nun aufgrund eines Kommentars in einen Topf mit den von ihnen verspotteten Jungtürken der digitalen Kirche werfen, und ich auf diesem Weg doch einmal Eingang in das von ihnen gestaltete ausgezeichnete Magazin gefunden habe, muss ich wohl hinnehmen. Es wird mich nicht davon abhalten, Sie weiter zu lesen! Und vielleicht finden Sie ja demnächst Anlass zu einer bekömmlicheren Rezeption eines meiner Artikel?

Ich hoffe, Sie sehen mir auch meine „krude Grammatik“ nach, die sich auf dem Blog schneller mal einschleicht, weil hier kein*e Lektor*in den Kampf mit meinen „sinnfreien Formulierungen“ aufnimmt. Zu den anderen Anklagen in ihrem Artikel nehme ich hier keine Stellung, weil ich ja nicht zur „protestantische[n] Digital-Pfarrer-Un-Kultur des 21. Jahrhunderts“ zähle (an dieser Entwicklung habe ich an anderer Stelle und auch schon im persönlichen Gespräch mit den Gemeinten [scheint ja einen Unterschied zu machen] Kritik geübt).

Ich wünsche mir aber von allen Kontrahenten – so spannend das alles anzuschauen ist – ein wenig verbale Abrüstung. „Un-Kultur“ in Tà katoptrizómena lesen zu müssen, das sich sonst weder vor klaren Urteilen noch vor dem Anlegen eines weiten Kulturbegriffs scheut, find‘ ich schade. Mein „dahingerotzter“ Blogtext hier wird sicher nicht den Weg in Pfarrerblätter finden (Gott bewahre!). Verstehen Sie ihn einfach als einen Beitrag dazu, sich nicht weiter „aus dem Weg“ zu gehen.

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