Du bist mein Freund – Predigt am 20. Oktober 2013 in Delitzsch

Am letzten Sonntag war ich Delitzsch zu Gast und habe dort den Gottesdienst gehalten. Hier die Predigt über Johannes 15, 9-17. Mehr über den Ausflug nach Delitzsch hier.

I.

„Ein junger Mann begleitet den berühmten Prediger auf einer Vortragsreise. Als sie sich nach einem langen Abend zur Ruhe begeben, wartet der Jüngere gespannt auf das Nachtgebet des Gottesmannes. Dieser legt sich zur Überraschung des jüngeren Mannes gleich ins Bett, dreht sich zur Wand und murmelt: „Du weißt, lieber Gott, zwischen uns bleibt alles beim alten.“

Ich bin nicht alt, und ich bin auch nicht auf Vortragsreise, sondern zu einem einzigen Gottesdienst eingeladen, und das Abendgebet des berühmten Predigers ist auch nicht meines, es dürfte sich ruhig etwas ändern, finde ich. Aber eines muss man dem Gebet des alten Predigers lassen: Es zeugt von einer sehr entspannten Haltung, die er da Gott gegenüber hat. Er redet ihn fast an, wie einen Freund. Du weißt, zwischen uns bleibt alles beim alten.

Ich habe in dieser Woche mit dem Wort aus dem Johannes-Evangelium über Freundschaft nachgedacht. Über Freundschaft unter uns Menschen und über Freundschaft mit Gott. So lässig und entspannt und irgendwie gemütlich und zufrieden die Worte des bekannten Predigers auch in meinen Ohren klingen, glaube ich, dass es einen Unterschied gibt zwischen
den Freundschaften, die wir Menschen pflegen oder ertragen oder einfach haben, und einer Freundschaft mit Gott.

Wer mit Johannes über Freundschaft ins Gespräch kommen will, der muss sich klar werden, über wen Johannes hier schreibt: Jesus, den Christus. Das heißt auch über Jesus von Nazareth, den Menschen. Den Anführer der Jünger, den sie Meister und Lehrer nennen. Aber vor allem Jesus, den Christus. Der Jesus des Johannes ist unserer Vorstellungswelt ein wenig mehr entrückt als bei Markus, Lukas und Matthäus. Bei Johannes erscheint Jesus noch stärker als der, der er für die junge Christenheit wurde – der Auferstandene Jesus Christus. Ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem Jesus-Bild, das uns Johannes malt. Weil es mir zuweilen schwer fällt, den verletzlichen und scheiternden Menschen darin zu entdecken, den uns die anderen Evangelien stärker zeigen.

II.

Und ich glaube, dass man die Worte des Johannes nicht ungebrochen als Ratgeber für gute Freundschaften gebrauchen kann. Es scheint mir eher so zu sein, dass hinter jeder Verheißung, die Johannes uns über Freundschaft zusagt, auch eine Schattenseite verborgen ist.

Zum ersten: Ich wünsche mir meine Freunde vor allem lebendig. Ich habe gar kein Interesse daran, dass sie ihr Leben geben für ihre Freunde, für mich. Und ich zweifle auch daran, dass ich in der Lage wäre, mein Leben wegzugeben, für das meiner Freunde. Allzu oft wurde dieses Wort der Schrift benutzt, um falschen Heldenmut und Opferbereitschaft zu rechtfertigen. Immer wieder haben Menschen junge Männer in den Tod geschickt, für ihr Vaterland oder für was auch immer Kriege geführt werden. In ihren Köpfen das Bibelwort: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Wer sind die, die dieses Bibelwort auf diese Weise vergewaltigen, die den einfachen Soldaten einreden, sie stürben für ihre Kameraden oder Familien, für ihre Freunde? Es sind diejenigen, die ihre wahren Interessen hinter diesem „Heldenmut“ verstecken und es sind zumeist die, die ihr Leben nicht lassen müssen.

Die Liebe, die bis ans Kreuz geht, sie hat, wenn sie unter uns Menschen als Freundschaft erscheint eine dunkle Kehrseite. Wie kann Freundschaft zwischen zwei Menschen sein, wenn einer sich ganz aufgeben muss?

Zweitens: Ich will meinen Freunden nicht gehorchen müssen, und ich bin mir sicher, auch sie warten nicht auf Befehle von mir. Ich möchte eigentlich keine Freundschaften leben, in denen es auf gegenseitige Wunscherfüllung ankommt. Wo es mehr auf Pflichtschuldigkeiten, denn auf Nähe und Vertrauen herausläuft. „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.“

Die Liebe, die alles von uns fordert, hat, wenn sie unter uns Menschen als Freundschaft erscheint eine dunkle Kehrseite. Wie kann Freundschaft unter uns sein, wenn wir uns gegenseitig unter Druck setzten, wenn wir uns alles abverlangen? Wenn zu allem nur Zustimmung und Unterstützung gefordert ist?

Drittens: Ich will meinen Freunden gar nicht alles sagen. Ich habe meine kleinen und größeren Geheimnisse, von denen ich nur Wenigen, und manchmal Keinem erzähle. Und ich finde es auch in Ordnung, wenn meine Freunde es genauso so halten. Wenn man nach einer Zeit oder weil es plötzlich möglich ist darüber zu sprechen, ein Geheimnis lüftet, dann muss man sich als Freund darüber nicht ärgern, außen vor gelassen worden zu sein. Das Vertrauen in meinen Freundschaften sollte aushalten, dass wir von einander wissen, dass wir nicht alles voneinander wissen. „Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“

Die Liebe, die alles teilt, hat, wenn sie unter uns Menschen als Freundschaft erscheint eine dunkle Kehrseite. Wie kann Freundschaft unter uns sein, wenn alles auf den Tisch gelegt werden muss, wenn ich nicht meinen Freund vor mancher Wahrheit – vielleicht auch nur eine Zeit lang – schützen darf? Und mich ebenso?

Jede der Verheißungen des Johannes für eine Freundschaft hat ihre dunkle Kehrseite an der wir nicht vorbeikommen: Die Hingabe trägt die Selbstaufgabe als Gefahr in sich. Die Treue trägt die Gefahr der Lüge in sich. Und die Verheißung des Vertrauens trägt in sich den Samen der Verletzung.

III.

Die „Mode“ der Freundschaft ändert sich, sie ist heute nicht dieselbe wie vor 20, 50 oder 100 Jahren. Sie ist anders, als zu Johannes Zeiten. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn ich sage, dass Freundschaften noch nie so wichtig waren für unsere Leben wie heute. Viele Menschen erleben ihre Familien nicht mehr als unverbrüchlichen Rückzugsort. Was unsere Familien preisgeben, das suchen wir bei Freunden, die uns zu einer neuen Familie werden. 2013 sind wir an die Schicksalsgemeinschaft unserer leiblichen Familie nicht mehr so stark gebunden wie noch 1913, oder 1813. Doch so wie wir nun einmal in eine Familie hineingeboren wurden, so gehorchen auch unsere Freundschaften nicht nur unserem eigenen Willen. In dieser Lage ist jeder Mensch, auch in Freundschaften wird man einmal geworfen, nennt man nun das, was einen wirft Gott oder Schicksal oder Zufall.

Die perfekte Freundschaft, in der die Liebe, wie sie uns Johannes beschreibt, zum vollen Durchbruch kommt, kann es nicht geben. Die Liebe, die alles aufgibt, alles fordert und alles teilt, zerbräche uns selbst, den Freund, die Freundin, und damit unsere Freundschaft. In jeder menschlichen Beziehung – Partnerschaft, Freundschaft oder Gemeinschaft, gibt es diesen Vorbehalt. Und es ist ok so.

Denn das ist kein Grund, die Beziehungen – die Freundschaften – die wir haben, geringer zu schätzen. Vielleicht sollten wir uns nur ab und zu davor hüten, von unseren Beziehungen mehr zu verlangen, als sie tatsächlich können. Sie begleiten uns, sie wärmen uns, sie werden uns Heimat auf Zeit, aber sie können uns nicht erlösen.

So wichtig uns die Worte unserer Eltern, unserer Partner und unserer Freunde sind. Ob wir sie genießen oder manchmal an ihnen verzweifeln. Es sind nicht die letzten Worte, die über unser Leben gesprochen werden.

IV.

Gottes Liebe ist die gleiche Liebe, die in unseren Familien und Freundschaften sichtbar werden kann – wenn auch gebrochen, entstellt, zerspalten. Hier bei Johannes tritt sie uns in Jesus Christus, in ihrer reinen Schönheit, und ganzen Kraft entgegen.

Ich habe schon angesprochen, dass ich so meine Probleme mit dem Jesus-Bild habe, dass Johannes malt. Wie viele andere habe ich meinen Jesus lieber so wie ich selbst bin. Verzagt, manchmal verzweifelnd, menschlicher. Das ist ein Jesus, bei dem es mir leichter fällt ihm nachzufolgen. Einem Jesus der – wie bei Markus – am Kreuz schreit: „Mein Gott, mein Gott warum hast Du mich verlassen.“ Der mich deshalb tröstet, wenn ich verlassen bin. Aber da ist mehr als nur dieses Trösten.

Bei Johannes erscheint dieser Jesus Christus, als jemand dessen Beziehung zu Gott ungebrochen, heil und ganz ist. Der mit seinem Gott ans Kreuz geht und dort sagt: „Es ist vollbracht.“. Seine Freundschaft mit Gott ist niemals durch Trennung zerstört worden, auch nicht seine Freundschaft mit den Menschen und seine Freundschaft mit sich selbst. In ihm begegnet uns ein Menschenleben, das an der Liebe und ihrer dunklen Seite nicht zerbrochen ist, weil er wirklich glaubte, dass das letzte Wort über sein Leben vom Vater gesprochen ist: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“

Weil Jesus seinen letzten Grund bei Gott weiß, vermögen es alle Mächte und Gewalten nicht, ihn zu trennen von der Liebe Gottes. Ihm darin nachzufolgen ist unglaublich schwer, weil es heißt, wirklich – wirklich – zu glauben, dass Gott mich liebt.

V.

Vielen Menschen – auch hier in Delitzsch – fällt diese Vorstellung schwer. Sie fühlen sich vielleicht zu unbedeutend, zu wenig liebenswert. Dann kehren sie sich ab, auch von anderen Menschen. Ich weiß nicht viel über Freundschaften, ich bin noch jung und viele von ihnen hier haben mehr Erfahrungen gesammelt als ich und sind so weiser geworden. Aber ich glaube, man wird sich wohl mit keinem Menschen befreunden können, wenn man nicht auch mit sich selbst befreundet ist.

Und da gibt es gerade unter Christen die, die meinen, sie müssten sich die Liebe der Menschen und die Liebe Gottes erkämpfen. Durch Gottesdienste und Gebete, durch fleißiges Bibellesen und durch moralisches Verhalten und Werke der Nächstenliebe. Aber auch durch das alles – an sich nicht schlechte – Tun fühlen sie sich nicht geliebt. Gerade weil sie denken, sie könnten nie genug geben, können sie sich mit Gott nicht befreunden.

Manchmal bemerken wir mit Entsetzen die bewussten oder unbewussten Feindseligkeiten, die Menschen uns zeigen, oder mit gleichem Entsetzen unsere eigene Feindseligkeit gegen Menschen, gerade gegenüber denen, die wir zu lieben glauben. Gott nicht genug zu sein, anderen Menschen nicht genug zu sein, sich selbst nicht genug zu sein. Menschlich, allzumenschlich. Aus diesen Gefühlen wird uns kein Freundeswort, kein Wort der Eltern oder Partner je auf Dauer befreien, wenn es auch gut ist, dass wir von ihnen zu Zeiten Trost empfangen. In den besten Freundschaften, die Menschen zu halten in der Lage sind, kommen unsere besten Seiten, das wirklich Gute an uns zum Vorschein. Lasst uns das genießen, wann immer es uns geschieht, denn es kann – leider – nicht immer so sein, denn wir leben mit den Menschen stets im Wechsel, zwischen den dunklen und hellen Seiten der Liebe.

Aus diesen Gefühlen kann uns nur der befreien, der sich grundlos neben uns stellt, als unser Freund. Der uns immer und immer wieder durch sein Wort Freunde nennt. Mit ewiger Geduld darauf wartet, dass wir uns in seinem Blick, durch seine Augen – vor seinem Angesicht – gut finden. Gut genug für andere, gut genug für uns selbst, gut genug für ihn. Es ist nicht dein Leben, das weggeben wird. Freundschaft mit Gott ist seine Tat an uns, und das Symbol dieser Freundschaft ist Jesus, der Christus.

Er nennt uns zuerst und immer wieder seine Freunde – „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ Vielleicht mögen auch wir Jesus, den Christus unseren Freund nennen, vielleicht auch nicht, aber er hat uns schon längst als solche erkannt.

So spricht der Herr:
„Du bist meine geliebte Tochter, an dir habe ich Wohlgefallen.“
„Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“
„Du bist mein Freund, und ich liebe dich.“

Amen.

 


Die Predigt wurde am 20. Oktober 2013 im Gottesdienst in Delitzsch gehalten.

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