Vom Wiedergefundenen – Predigt am 22. Juni 2014 in Halle

Liebe Gemeinde,

es ist wie im Schlager: Tausendmal berührt und tausend Mal ist nichts passiert. Unser Evangelium heute gehört ganz sicher zu den anrührendsten Geschichten, die wir je gehört haben, manche von uns schon als kleine Kinder. Tausendmal gehört und tausend Mal ist nichts passiert. Denn, was uns dieses Gleichnis, das bekannteste und vielleicht schönste unter allen, lehren will, bleibt ungehört und harrt seiner Einlösung bis heute. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das man treffender wohl das Gleichnis von den zwei Brüdern oder das vom liebenden Vater nennen könnte, es hat wie jede große Geschichte unserer Tradition, unseres Glaubens, mehrere Schichten, die zu verstehen möglich sind.

I

Wenn ich nach Jahren wieder einmal eine Geschichte aus Kindertagen höre oder lese, bin ich überrascht, welche Details mir entfallen sind und wie sehr schon die einfach dastehenden Worte für sich Bedeutung mit sich tragen, die mir als kleinem Kind nicht aufgefallen sind. Denn wir alle lernen Geschichten in unserer Kindheit kennen, weil sie uns mit einem bestimmten Zweck erzählt werden. Sie sollen trösten, beruhigen, belustigen.

Als Kind hatte ich nur eine ungefähre Vorstellung davon, wie Gott sein könnte. In meiner Erinnerung jedenfalls, erzählte uns meine Mutter keine „Ammenmärchen“ vom lieben Gott hinter den Wolken. Mein Kindergott setzte sich aus den Erzählungen zusammen, die wir da und dort aufschnappten, vor allem in der Christenlehre. Da war die Rede vom Gott in der Feuersäule, der das Volk Israel durch die Wüste führte. Da war die Rede vom Gott, der dem kleinen David Mut und List gab, den viel größeren und stärkeren Goliath zu besiegen. Da war das Gleichnis vom verlorenen Sohn, der nach wilder Zeit zu seinem Vaterhaus zurückkehrte, und der von seinem sehnsüchtigen Vater bereits erwartet, in die Arme geschlossen, geherzt, geküsst, gefeiert wurde. Und da war der Gott aus dem Kinderlied, der es Abend und Tag werden lässt und über allem seine Wacht hält „Morgen früh wenn Gott will, wirst Du wieder geweckt.“

Als älter gewordener und als Theologiestudent habe ich ein anderes Bild von meinem Gott als das, welches ich als Kind hatte. Doch jedenfalls musste ich keines von diesen Kindheitsbildern unter Krämpfen abschütteln, weil sie mir weder als Kind noch als Jugendlicher zynisch erschienen. Und umso mehr ich als Jugendlicher neu verstand, dass das was als Kind in den Geschichten zu mir gesprochen wurde, nicht dem Wortlaut der Geschichten entsprang, sondern der Welt hinter den Worten, desto mehr behielten die alten Geschichten für mich einen unbestreitbaren Wert, trage ich sie als Schatz mit mir. Manche sagen wohl, ich würde die Geschichten nur mehr symbolisch verstehen. Und ich frage mich, was heißt eigentlich „nur“. Kann man den anders von Gott reden als im Symbol, im Gleichnis, in der fantastischen Geschichte?

Der Gott in der Feuersäule, der Gott Davids, der Gott Jesu von Nazareths und der aus dem Schlaflied ist und bleibt doch der Gott der da ist, der bleibt, der nicht weicht, der die Wacht hält. Er ist der, als der er sich auch in der Geschichte vom entflammten Dornenbusch selbst zu erkennen gibt, „Ich werde sein, der ich sein werde“.

II

Doch bevor wir weiter vom Vater in unserem Gleichnis reden – denn dazu kommen wir immer zu schnell, weil es das Tröstliche an der Geschichte ist, weil es vielleicht auch das ist, was in unserer Erinnerung so wunderbar haften geblieben ist – bevor wir also weiter von Gott reden und seinem Reich, von dem das Gleichnis uns ja ein Bild gibt, einen Blick in die Worte der Geschichte und in diese unsere Welt. Denn, entwurzeln wir nicht die Geschichten? Wenn wir sie zurecht symbolisch und im Bild gesprochen verstehen, darf das nicht dazu führen ihre soziale, politische Dimension zu vergessen. Das Reich Gottes kommt in diese Welt.

Verschleudern nicht auch wir unseren Erbteil an dieser Welt, den wir uns erdreisten vorzeitig zu fordern? Ist unser Umgang mit den Schätzen der Erde und mit den Kräften der auf ihr wohnenden Menschen anders als das Prassen des jüngeren Sohnes? Und was ist mit den Möglichkeiten der Wissenschaften und Techniken, Leben zu kürzen oder zu verlängern, anzupassen und zu sortieren. Jede neue Möglichkeit birgt in sich auch Gefahren und die Notwendigkeit für verantwortungsvollen Umgang. Ganz so, wie es bei einem Erbe sein sollte. Man hat es sich nicht verdient, sondern geschenkt bekommen, als Geschenk soll man es annehmen und dereinst weitergeben.

Und wenn wir den wartenden Vater wieder auf dem Hügel vor dem Tor stehen sehen – wie ich ihn vor Augen habe, weil er es in meiner Kinderbibel tat – sollten wir nicht wenigstens ein wenig erschrecken ob unserer Kälte, wenn Menschen zu uns kommen wollen. Wenn sie Hunger fliehen und nicht unter Schweinen hausen wollen und sich sagen: „Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!“ Und sollten wir nicht vor Ekel erstarren, wenn wir den Flüchtlingen und Glückssuchern unserer Tage vorwerfen, sie trügen Schuld an ihrer Misere, die wir doch in unseren warmen Stuben und an gedeckten Tischen so gelehrt über die Mechanismen der Macht und die Tücken des Systems diskutieren können. Sie haben sich nicht versündigt gegenüber uns und dem Himmel, dass sie es für sich und ihre Kinder besser haben wollen: Leben in Frieden und Freiheit und ohne Sorge um das täglich Brot. Ist das alles für uns so selbstverständlich geworden, dass wir das Tor verschließen und uns im Haus verkriechen, mit unseren Vorurteilen und unserer Angst an den gedeckten Tischen in den warmen Stuben sitzen und innerlich verdorren?

Und bin nicht auch ich in schnöder Regelmäßigkeit der daheimgebliebene Sohn, der sich ärgert zu kurz gekommen zu sein, der meint, für ihn sei das Füllhorn des Lebens versiegt? Dem, weil er sich nicht aufgemacht, nichts gewagt und versucht hat, keine Geschichten einfallen, die zu erzählen sich lohnten. Der den Erfolg der anderen sieht und vor Neid erblasst, wo es doch an ihm läge, tätig zu werden. Der es als gemeine Ungerechtigkeit ansieht, bekommt ein anderer etwas geschenkt, das er sich nicht hart verdient hat. Und überhaupt, wie können sie da nur sitzen und an sich selbst genug haben, mit dem Wenigen was sie haben, mit dem Bisschen was sie sind. Ist es nicht erbärmlich, mit wie wenig sie sich zufrieden geben, wo doch noch so viel mehr zu holen wäre. Und sie sitzen dort und essen ihr Brot und manchmal auch Braten und feiern und lachen, während wir, die Stützen der Gesellschaft, die Leistungsträger uns den Buckel krumm schuften.

III

Und, liebe Gemeinde, wenn ich mir all das durch den Kopf gehen lasse, dann habe ich Sorge, dann bezweifle ich ernsthaft, ob ich – ob wir – es verdient haben, die Geschichte bis zum Ende zu hören. Ob ich – ob wir – würdig sind für das Happy-End. Oder ob wir nicht viel, viel mehr Schuld auf uns laden, als es der jüngere Sohn in der Geschichte getan hat. Und ob nicht auch wir erst durch Prassen und Not, Überschwang und Ernüchterung hindurch gehen müssen, um am anderen Ende wieder aufzustehen und unsere Schritte nach Hause zu wenden.

Denn was der jüngere Sohn erlebt, ist doch nichts anderes, als das, was wir jedem jungen und so manch älterem Menschen auch zugestehen sollten: ein rite of passage, eine Übergangszeit, in der man sorgenlos lebt, an deren Ende man in der Fremde ankommt, sich selbst erkennt und seine Heimat entdeckt. „Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich.“ Sind nicht auch wir hungrig nach fester Nahrung und sollten nicht auch wir die Chance bekommen, in uns zu gehen. Umzukehren.

IV

Es ist diese Bewegung des Herzens, diese Möglichkeit des Lebens, denen unser Glauben in den mächtigsten Symbolen Ausdruck verleiht. Durch Kreuz und Auferstehung, durch Reue und Vergebung, durch Buße und Taufe.

Ohne die Umkehr, den Willen nach Hause zu gehen, auch wenn man vielleicht schon vergessen hat wo oder wer das eigentlich ist, Zuhause, Heimat, wird auch das Happy-End des Gleichnisses vom liebenden Vater schal. Die geduldige Liebe klebrig und die gewehrte Vergebung und der ausgeschüttete Trost umsonst. Es ist wie in jeder guten Geschichte, vor dem guten Ende, vor dem „und wenn, ja wenn, sie nicht gestorben sind“, steht das Abenteuer, die Bewährung, die Läuterung, das Wachsen, das Erwachsenwerden, das Kreuz, dann die Auferstehung.

„Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“

Sie alle kennen dieses Ende des Gleichnisses und haben es heute wieder gehört. Ein schöner, vielleicht der schönste, der anrührendste Satz, jedem Vater und jeder Mutter, jedem Kind sofort eingänglich, das sich an die Freude eines Wiedersehens zu erinnern vermag.

Kein Leben ohne Tod, wenigstens eines Teils von uns, kein sich wiederfinden ohne verloren zu gehen. Vielleicht ist ja noch ein ganz anderer Name für unser Gleichnis angebracht. Einer der deutlich macht, dass es hier um uns geht, im sozialen, im politischen Leben und in dem was Gott mit uns vorhat. Das Gleichnis vom Wiedergefundenen?

Amen.


Die Predigt wurde am 22. Juni 2014 in den Gottesdiensten in Halle-Diemitz und Christus gehalten.

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