Unter Heiden (2): Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer

Eines der gängigsten Vorurteile über den Osten ist die Annahme, auf dem Lande zwischen Kühlungsborn und Plauen wären alle Dörfer dem Untergang geweiht, allein Leuchtturmstädte wie Leipzig und Dresden hätten eine Zukunft. Blicke auf Stadt und Land.

Ein unbenanntes Dorf
Eine Handvoll Häuser ist noch bewohnt. Die Mehrzahl der Familien ist gegangen, in die nächste Großstadt oder gleich in den Westen. Jugendliche gibt es hier kaum noch, außer diejenigen die überhaupt keine Perspektive mehr für sich sehen. Hier kann man noch froh sein, wenn sie sich an der Bushaltestelle oder im Jugendclub treffen, und nicht gleich mit den Glatzen marschieren. Den Alten wird es in wenigen Jahren an der Grundversorgung ermangeln. Immer weniger Mediziner können sich ein Leben hier draußen als Landarzt vorstellen. Der nächste Discounter liegt im größeren Nachbarort, was bleibt ist eine heruntergekommene Spelunke, in der sich die Arbeitslosen besaufen. Die alte Regel – kein Bier vor Vier – ist schon lange außer Kraft gesetzt.

Zum Gottesdienst kommt die Pfarrerin alle drei bis vier Wochen. Für die fünf Omis in Reihe vier lohnt sich das eigentlich nicht, vermutet die Kirchenleitung. Ab und zu ist die Pfarrerin bei einer der alten Damen zum Tee oder Kaffee, es geht um alltägliche Sorgen. Bilder werden gezeigt, von den Kindern, die in München oder Hamburg arbeiten. Von den Enkeln, die in einem anderen Land aufwachsen. Im Sommer sind sie für ein paar Tage zu Gast. Wandern könnte man hier. Wandern muss man hier, das nächste Schwimmbad oder Kino findet sich in der Kreisstadt – gut 20 km entfernt. Der Bus kommt früh und abends, je einmal. Was wird hier noch geboten? Die Gemeinschaft, so hört man es oft, die Gemeinschaft, wie wir sie früher hatten, die ist weg. Früher, das ist die DDR. Die Zwangsgruppierung von den Pionieren bis zum Altentreff, das alles hat auch für eine Verkittung der Gesellschaft gesorgt. Heute muss man sich bei Nacht fürchten. Die Häuser umher unbewohnt.

Großstadt
An einem Samstag im September lädt die Kirchgemeinde zum Start der Kinder- und Jugendarbeitssaison. Im Gemeindegarten tummeln sich Christenlehrekinder, Konfis und ihre Eltern. Die Junge Gemeinde kümmert sich um das Buffet. Mit dem Erlös soll eine neue PA für die Jugendband unterstützt werden. Dieses Jahr wurden hier 35 Jugendliche konfirmiert. Nächstes Jahr werden es noch einmal mehr. Das Konfi-Projekt platzt, auch an Erwartungen der rührseligen Eltern mangelt es nicht. Man fühlt sich wohl in der Gemeinde, trotz dem sie so groß ist. Über 4000 Gemeindeglieder zählt sie, die aus mehreren ehemaligen Stadtgemeinden zusammengesetzt wurde. Darüber gab es unter den alten Kirchgängern früher einmal heftige Diskussionen. Die jungen Familien von heute interessiert das nicht. Überrascht sind viele, dass auch hier im Osten eine lebendige Kirchgemeinde zu Verfügung steht. Getauft wurde Malte noch in Koblenz, konfirmiert wird er jetzt hier. Ob man ihn danach noch einmal sehen wird? In der Jungen Gemeinde? Viel lieber engagiert er sich an seinem Gymnasium, das sich wie seine frühere Grundschule in Trägerschaft der evangelischen Kirchenkreise der Stadt befindet. Dort sieht man sich ja ohnehin.

In seiner kurzen Ansprache versucht der Pfarrer die Eltern auf die letzten Monate der Konfirmandenzeit einzustimmen. Themen: Konfi-Rüste (Terminsuche schwierig, in den Ferien geht es nach Österreich zum Skifahren), Projekt-Samstage (Terminsuche schwierig, da ist ja auch der Papa aus der Klinik zurück) und um was es hier wirklich geht, jenseits eines schönen Familienfeier-Wochenendes im nächsten Mai. Sein Studium beendete er noch vor der Wende. Froh war er, dass er nach der obligatorischen Lehre im Handwerksberuf an der Uni in Leipzig studieren konnte. In den letzten Wochen seines Studiums trieb es auch ihn in die Kirchen und danach auf die Straße. So etwas wird er wohl nicht noch einmal erleben. Dienstleister für Seelsorge, Manager einer Großgemeinde, Multiplikator des Evangeliums, gewandter Redner – das soll er heute sein. Sein Studienwissen lässt ihn dabei zuverlässig im Stich. Doch bei solchem Andrang fällt das nicht auf, gut so.

Jena
Die Soligruppe der Jungen Gemeinde Stadtmitte trifft sich zum Planungstreff. Mit breiter Brust und aus tiefer Überzeugung unterstützen sie ihren Jugendpfarrer, der in Dresden vor Gericht steht. Auf einer Anti-Nazi-Demo soll er zu Gewalt aufgerufen haben. Hier kennen sie die Nazis gut. Sie sind mit ihnen zur Schule gegangen, waren Nachbarn. Lange schon ist es her, als man sich entschied, nicht wegzuschauen, sondern zu handeln. In den 90er-Jahren war das, als die beiden Uwes und Beate noch nicht im Untergrund lebten. Andernorts wird nicht gerne über die Nazis gesprochen, keine gute PR für die Stadt. Was sollen nur die Touristen denken? Die Idylle der Sächsischen Schweiz bei Dresden soll nicht gestört werden, auch wenn in jedem Gemeinderat NPDler sitzen. So schlimm sind die ja auch gar nicht, die kümmern sich wenigstens. Für ihr Engagement haben viele der Jugendlichen hier schon auf die Fresse bekommen, häufig genug ohne Unterstützung aus Politik und Kirche.

Ortswechsel
Zum Abendgottesdienst mit Märchenspiel ist die kleine Dorfkirche im Thüringischen pappvoll. Einmal im Quartal bemüht man sich, etwas Besonderes zu machen. Das Stück wurde von einem Jugendlichen für diesen Anlass umgeschrieben: Dornröschen, das halbe Dorf spielt mit. Anschließend lädt die Freiwillige Feuerwehr zu Bratwurst, Bierchen und Gespräch. Die Gemeindepädagogin spricht den Abendsegen. Der Bläserkreis spielt zum Ausgang. Am nächsten Wochenende lädt der Dorfclub zum Ausflug, dann ist ja auch schon bald Weltgebetstag. Die Frauen machen das hier gemeinsam mit den Frauen aus dem Nachbardorf. Auch die Männer müssen mit. An einem der nächsten Wochenenden soll ein Sportfest stattfinden. Der neue Sanitärbereich am Sportplatz ist jetzt fertig. Hier kümmert man sich. Deshalb, und weil es Arbeit gibt, bleiben die jungen Familien und man kann am Wochenende beieinander sein. Das Ehrenamt ist der Normalfall, auch ohne Aufruf und Ehrenamtlichen-Akademie; manchmal sogar ohne dass man sich dessen bewusst wird, dass Ehrenamt nichts Selbstverständliches ist. Man bemüht sich.

Halle (Saale)
Nur jeder Zehnte ist hier Mitglied in einer christlichen Kirche. In den Vierteln, in denen man gerne wohnt, merkt man das nicht. Die Kirche ist zum Sonntag gut gefüllt, die Gemeindekreise laufen. Etwas weiter draußen, in den Plattenvierteln sieht es anders aus. Gerne ist man vor der Wende nach Halle-Neustadt oder auf die Silberhöhe gezogen, war froh eine Wohnung mit Innen-WC, ohne Kohlenschlepperei, mit Balkon, den Kindergarten vor der Nase zu haben. Nach der Wende zogen die, die es sich leisten konnten, in die – frisch sanierten – Altbauten zurück. Es wurde „zurückgebaut“ – abgerissen, was nicht mehr benötigt wurde. Bei denen, die blieben, wuchs die Enttäuschung. In die Wohnungen zogen Aussiedler, mit denen man nicht klar kam. In den 90er-Jahren wurde hier Frust geschoben. Doch die übrig gebliebenen Blocks wurden ebenso saniert; es lässt sich hier besser leben, als viele Menschen denken.

Die Stadt bevölkern 20 000 Studierende. Man wohnt zentrumsnah, studiert in den Stiftungen oder auf dem Weinberg. Ein neuer Campus für die Geisteswissenschaften wird gerade gebaut. Von dem anderen Halle, das sich hinter dem Bahnhof oder dem Rannischen Platz verbirgt, bekommen viele gar nichts mit. Die Diva in Grau, für viele eine Durchgangsstation. Zu den Händel-Open kommen die Barry-White-Show und Santiano, zu den Händel-Festspielen dafür Besucher aus dem nahen Leipzig und den gebrauchten Bundesländern.

Unsere Heimat
„Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“ ist der Text einer alten Hymne der Thälmann-Pioniere. Bis auf ein paar Alt-Kader will sie niemand mehr hören. Zu Recht ist sie dem Spott ausgesetzt.

„Und wir lieben die Heimat, die schöne,
und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,
weil sie unserem Volke gehört.“

Wem gehört die Heimat? Wem gehören Städte und Dörfer? Diese Frage stellt sich im Osten so wie anderswo auch. Soll man die Heimat den Nazis überlassen? Gibt man die Heimat auf, wenn man woanders Arbeit sucht?

Häufig genug reden auch Pfarrer und Kirchenpeople den Jungen ein schlechtes Gewissen ein, wenn diese ihr Heimatdorf für Ausbildung, Studium und Beruf verlassen. Dann fahren sie am Wochenende heim, wo sie „gebraucht“ werden. Stattdessen sollten wir ihnen Mut machen, ihrem Herzen zu folgen. Dahin zu gehen, wo es gut werden wird mit ihnen. Das ist keine Frage der Größe oder Lage des Wohnorts, sondern eine Herzenssache.

 


Immer am letzten Montag des Monats schreibe ich unter dem Titel Unter Heiden auf theologiestudierende.de über meine ostdeutsche Heimat. Eine Woche später erscheinen die Artikel hier auf meinem Blog. Es geht um Vorurteile, Lebenserfahrungen und Perspektiven. Es geht um Arbeit, Leben und Glauben.

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2 Kommentare

  1. „Eines der gängigsten Vorurteile über den Osten ist die Annahme, auf dem Lande zwischen Kühlungsborn und Plauen wären alle Dörfer dem Untergang geweiht“

    Kurz eine Frage.
    Gibt es eine Quelle das dies eines der gängisten Vorurteile ist oder denkst Du nur das es so ist?

    Davon habe ich nämlich bis heute noch nichts irgendwo gelesen.
    Freue mich auf Deine Antwort mit einem Quellverweis.

    Grüße
    Lothar

    1. Ich glaube nicht, dass mir die Annahme, der ländliche Raum in Ostdeutschland sei besonders vom wirtschaftlichen und demographischen Wandel betroffen, exklusiv ist. Die „Lande zwische Kühlungsborn und Plauen“ sind eine Metapher für die kleinstädtischen und dörflichen Gegenden. Zur Problematik der Gesundheitsversorgung und der Teilhabe an Kultur kommt auch die Frage nach Renaturierung und Abriss alter Industrie- und Wohnanlagen. Dazu gerne auch ein Link zur interaktiven Demographiekarte bei Süddeutsche.de.

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