Heimat verlieren – Predigt am 15. August 2014 in Brunnhartshausen

Im Sommer haben wir eine Reihe Gottesdienste im Thüringischen gehalten. Die vier Abendgottesdienste haben wir unter das Thema „Heimat“ gestellt. Der erste Abendgottesdienst am 15. August in Brunnhartshausen stand unter dem Motto „Heimat verlieren“. Hier die Predigt:

Liebe Gemeinde,

„Heimat verlieren“ ist das Thema dieses ersten von vier Sommerabendgottesdiensten, die wir unter das Schlagwort „Heimat“ gestellt haben. „Heimat verlieren“. Kann man seine Heimat verlieren?

I

Meine erste Antwort auf diese Frage ist: Ja. Auch hier in Brunnhartshausen wurden nach dem 2. Weltkrieg Vertriebene und Aussiedler aufgenommen, die ihre Heimat verlassen mussten. Das ist nicht überall ohne große Schwierigkeiten geschehen, denn schließlich lebten ja hier schon genug andere Menschen und so kurz nach dem Krieg war es schwer, sein Auskommen zu haben. Das Wenige musste nun wohl oder übel geteilt werden. Doch es ging ja nun nicht anders, also arrangierte man sich und über die Zeit hinweg fand man sich zurecht. Doch noch heute findet man in manchem Ort ein Wegeschild, das in Richtung der Aussiedlerhöfe zeigt. 70 Jahre sind eine kurze Zeit. Auch die Familien selbst, die damals ihre Heimat verloren, denken zurück.

Auch meine Familie ist nach dem Krieg nach Deutschland gekommen, nicht weil sie aus Rumänien vertrieben wurde, sondern weil mein Großvater in einem kleinen Dorf in der Nähe von Dresden Arbeit und Anschluss gefunden hatte. Und seine Kinder und deren Kinder sehen Dresden als Heimat, auch wenn meine Generation zum großen Teil schon wieder in anderen Städten studierte und lernte und heute in Berlin, Halle, Cottbus lebt. Heimat, das hat etwas mit Möglichkeiten zu tun, die sich eröffnen. Arbeit finden, sich in ein anderes Dorf oder ein anderes Land wegverlieben, für die Ausbildung oder das Studium in eine Stadt ziehen. Auch das kennen Sie hier zu genüge. Und weil es häufig die Jungen sind, die gehen, hinterlassen sie immer einen großen Trennungsschmerz. Dann malen einige Schreckensbilder von aussterbenden Dörfern an die Wand, die davon handeln, dass nur noch die Alten zurückbleiben, die Gemeinschaft zerreißt und das Leben hier schwer wird. Es gibt die Angst, dass die Heimat verloren geht.

Doch die Jungen kehren zurück, wenn auch nur auf Besuch. Sie kehren zurück dahin, wo ihre Wiege stand. In den Ort, den sie Heimat nannten und vielmals bis heute nennen, auch wenn inzwischen andere Heimaten dazugekommen sind. Heimat ist also wählbar und umso reifer der Mensch, desto weniger durch Geburt bestimmt. Heimat, das ist der Ort an dem ich mich Zuhause fühle, um den ich mich auch sorge und an dem ich Verantwortung übernehme.

Ich selbst bin in Dresden geboren und aufgewachsen. Ein Teil meiner Identität ist sächsisch: die Mundart, die Gemütlichkeit, ein Hauch Kaffee-Sachsentum. Wenn ich nach Rumänien fahre, besonders in unser altes Dorf, habe ich auch dort Heimatgefühle, obwohl ich niemals dort gelebt habe. Und wenn wir am Sonntag die Rhön wieder verlassen, dann fahren wir selbstverständlich nach Hause nach Halle, denn auch mit dieser Stadt, in der ich seit sieben Jahren lebe, verbinde ich heimatliche Gefühle. Ich hoffe, dass in meinem Leben noch viele solche Orte hinzukommen.

Und da sind nicht nur die Orte, die man betreten, besuchen kann, indem man sich in sein Auto oder den Zug setzt und einfach hinfährt. Viele Menschen – nicht nur junge – finden heute so etwas wie Heimat auch im Internet. Das Internet ist für sie zu einem Ort geworden, an dem sie Menschen kennenlernen, ihr Leid und ihre Freude teilen, Gleichgesinnte und Unterstützung finden, sich manchmal zoffen und hart diskutieren. Wenn das nicht nach Zuhause klingt?

Im Internet verschwimmen die Grenzen der Heimat, denn ich kann weitentfernten Menschen mit ganz anderen Lebenserfahrungen scheinbar ganz nah sein. Diese Predigt z.B. hören heute Abend hier 24 Menschen, in den nächsten Wochen und Monaten werden sie noch mehr Menschen im Internet lesen und an dieser seltsamen Art der Kommunikation teilhaben. Sie sitzen, wenn sie die Predigt lesen und in das Gespräch eintreten, nicht in schmalen Kirchenbänken, aber auch nicht in einem so schön ausgemalten Kirchenschiff, sondern vielleicht an ihrem Schreibtisch oder auf der Couch im Wohnzimmer.

Heimat ist dort, wo Gespräch stattfindet, wo über die wichtigen Dinge gesprochen wird, die mich wirklich angehen. Wo ich meine Vergangenheit teilen, die Gegenwart gemeinsam bewältigen und die Zukunft planen kann. Wo ich zu Wort komme mit meinen Bedürfnissen, meinem Leid und meiner Freude, wo auch mein Glaube leben kann.

Insofern ist das Internet ein schönes Bild dafür, wie sich Heimat bis heute verändert hat. Sie ist viel breiter geworden und hat für viele Menschen ihre klaren Grenzen verloren. Weil viele Menschen heute mehrere Sprachen sprechen, müssen sie sich auch im Ausland nicht lange fremd fühlen. Weil wir die gleichen Lieder hören, die gleichen Fernsehserien schauen, die gleichen Bücher lesen.

Von seiner Heimat soll jeder ruhig in den höchsten Tönen schwärmen, wie es das Lied ganz zu Beginn des Gottesdienstes „Thüringen, holdes Land“ ja getan hat. „Lieder strömt fröhlich aus, flattert von Haus zu Haus“. Denn meine Heimat kann nicht besser sein als Deine. Und der Sinn der Heimat entfaltet sich erst dann, wenn Gemeinschaft gestiftet wird. Heimatverbundenheit soll eine Einladung sein, sich dort mit dem Herzen zu beheimaten, wo ein anderer schon wohnt. Daher kann es keine Konkurrenz zwischen verschiedenen Heimaten geben. Auch weil Christen letztlich wissen dürfen, dass ihre irdische Heimat aus Stein gebaut ist und ebenso zu den Dingen gehört, die der Wind verwehen kann. Gut gelitten ist der, der sich himmlischer beheimatet.

II

Der Predigttext für heute aus dem 1. Petrusbrief lautet:
„Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet. Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe; denn »die Liebe deckt auch der Sünden Menge« (Sprüche 10,12). Seid gastfrei untereinander ohne Murren. Und dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: Wenn jemand predigt, dass er’s rede als Gottes Wort; wenn jemand dient, dass er’s tue aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Sein ist die Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Ja, man kann eine Heimat verlieren. Vielen Menschen stößt dieses Unheil heute zu, in diesem Moment, an dem wir hier zum Gebet zusammenkommen. In Gaza haben viele Familien ihre Häuser und Wohnungen verloren, sie liegen in Schutt und Asche. 40 Prozent dieses ohnehin winzigen Fleckens Erde sind zu einer Trümmerlandschaft geworden im Gaza-Krieg, der auch jetzt nur von einer Waffenruhe unterbrochen ist. Wenn sie überhaupt zurückkehren dürfen, wird es Monate und Jahre dauern, das wieder aufzubauen, was wenige Tage Raketenbeschuss zerstört haben. Und im Irak sind viele Christen und auch Jesiden und Moslems auf der Flucht vor der Terrororganistion Islamischer Staat. Verbrechen von unglaublicher Grausamkeit geschehen, vielerorts finden Kreuzigungen, Steinigungen und Enthauptungen statt.

Von dort und anderswo fliehen Menschen, um ihr Leben zu retten. Sie sind auf unsere Hilfe angewiesen. Oder wie es unser Predigttext fordert: Seid gastfrei ohne Murren! Es ist unser Reichtum, der die Ungerechtigkeit auf der Welt nährt. Zorn und Wut entzünden sich an ungerechter Behandlung. Es ist die Armut und Hoffnungslosigkeit gerader vieler junger Männer, die uns immer wieder ins Unglück stürzen. Verzweiflung kann einen Menschen so kaputt machen, dass die Samen des Hasses auf fruchtbaren Boden fallen. Gesät werden sie von Menschen mit konkreten Machtinteressen, für die die Massen nichts anderes sind als nutzbares Schlachtvieh. Und noch immer werden diese Machtinteressen mit religiösem Eifer maskiert. Seien es die Fundamentalisten des Islamischen Staats im Irak und in Syrien oder die Boko Haram in Kenia.

Aber auch so manche Perspektivlosigkeit hierzulande wandelt sich in Hass. So kurz vor der Landtagswahl hängen hier in Thüringen wieder die Plakate der NPD hoch an den Laternenmasten. Hinter der Fassade von Heimatverbundenheit verbirgt sich auch hier Hass gegen die Fremden, die Anderen, die anders glauben, anders leben, anderswo geboren und aufgewachsen sind.

III

Gegen all diesen Hass, gegen all das Leid müssen wir Christen kämpfen, jeder an seinem Ort, in seiner Heimat. Und unsere Heimat ist nicht mehr so klein, dass es nur Thüringen oder Deutschland wäre. Die Heimat eines Christen umfässt auch nicht nur ein Land, einen Kontinent, sondern die ganze Welt, in die Gott kam und wieder kommen will.

Wir sind die Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. Nur dass wir häufig so tun, als ob davon nicht genug für alle da wäre. Haushalter der Gnade Gottes zu sein, heißt nicht, knausrig zuteilen, sondern ausschütten und wegschenken, was uns zugefallen ist.

Das heißt ganz konkret, wir sollten in Deutschland vielmehr Flüchtlinge aufnehmen, als wir es bisher tun. Ihnen für eine Zeit einen Ort geben, zum Luft holen und Pläne schmieden. Und vielleicht wollen sich einige auch hier beheimaten, weil sie in ihre Heimat nicht zurückkehren können und weil sie hier eine Zukunft für ihre Kinder sehen. Und sie werden dadurch unser Land, unseren Kontinent verändern, sicher. Sie werden ihn bunter machen, komplizierter, reicher. Wir hier in Deutschland können das tun, nicht nur weil wir es uns leisten können – übrigens, muss dafür auch nicht ein einziger Kindergarten geschlossen werden! – sondern weil wir aus unserer eigenen Geschichte gelernt haben, wie wichtig es ist, dass jemand sein Haus aufmacht und uns einlädt mit ihm an einem Tisch zu sitzen.

Aber es geht nicht nur darum, die Folgen der vielen Kriege zu bewältigen. Sondern gegen die Wurzel der Kriege zu kämpfen: der Ungerechtigkeit den Kampf anzusagen, die zu so vielen Konflikten führt. „Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe; denn »die Liebe deckt auch der Sünden Menge«.“ Den verzweifelten, kaputten, verführten Menschen muss man mit Liebe begegnen. Das heißt, ihre Not lindern, mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln. Und das heißt zuerst mit unserem eigenen Hinsehen, Mitleiden, Mithelfen.

Hass gegen Ausländer, Hass gegen Andersgläubige, das hat im Hause Gottes keinen Platz. Die Menschen, die ihm erlegen sind, müssen wir als gute Haushalter zur Umkehr rufen. Tun wir das nicht, sind wir schlechte Haushalter, schlechte Knechte. Und wir alle wissen, was mit schlechten Knechten passiert?!

Ihre Verachtung gegen über anderen Menschen ist nicht hinzunehmen, nennen sie sich nun Hamas, Islamischer Staat, Boko Haram oder anders. Ja, verstecken sie sich auch in der Tracht der Heimatliebe hierzulande. Wir machen unsere Heimat groß, wenn wir sie teilen. Wir dienen ihr, wenn wir sie öffnen. Das gilt für unsere irdische, wie für unsere himmlische Heimat gleichermaßen.

Dann kann es uns passieren, dass wir durch die Augen des Fremden, der zu uns kommt, unsere Heimat neu entdecken, von der wir dachten, wir hätten sie verloren. Von den Heimatlosen, von den Vertriebenen und Suchenden lernen wir den Wert der Heimat …

… damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Sein ist die Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.


Diese Predigt habe ich am 15. August im Sommerabendgottesdienst in Brunnhartshausen gehalten.

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