#idpet und ein falsches Signal

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Schon seit Wochen läuft auf openPetition eine Unterschriftenaktion mit dem Titel Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens. Ziel der Initiative ist es, die Leitprinzipien für den neuen Bildungsplan ab 2015 in Baden-Württemberg zu verhindern. Im Licht des Coming Outs von Thomas Hitzlsperger nimmt die Debatte nochmals Fahrt auf. Heute erklärten die katholischen Bistümer und Landeskirchen in Baden-Württemberg gemeinsam – ja, was eigentlich?

Kritik an der Petition
Schon seit Beginn der Petition wird scharfe Kritik geübt. Zuerst an den Organisatoren von openPetition, die nach Meinung einiger Unterstützer ein solch intolerantes Anliegen gar nicht erst hosten sollten. Dann verdutzte man sich, dass so viele Menschen die Petition mitzeichneten. Natürlich kritisierte auch die Grün-Rote Landesregierung die Unterschriftenaktion rasch und deutlich, bis hin dazu, den Initiator – einen Realschullehrer – auch dienstrechtlich unter Druck zu setzen, gegen den Initiator liegt eine Dienstaufsichtsbeschwerde und eine Strafanzeige vor.

Ich habe keine Ahnung von der Baden-Württembergischen Schulgesetzgebung, aber das scheint mir doch ein wenig übertrieben zu sein. Als Lehrer sollte man seine eigenen Überzeugungen nicht am Schultor abgeben müssen. Eine Petition zu starten, sollte schon noch drin sein.

Die Petition selbst klingt teilweise äußerst vorsichtig formuliert, von klar und deutlich geäußerter Homophobie kann keine Rede sein. Ob es sich nun um verschleiernde Phrasen handelt oder um eine ausgewogene Stellungnahme – der man trotzdem nicht zustimmen muss – mag jeder für sich selbst entscheiden. (Karnele hat mal ne Menge Stellungnahmen zur Petition von allen möglichen Seiten zusammengetragen)

Stellungnahme der Kirchen
In die Reihe der vermeintlichen Unterstützer der Petition reihten sich heute auch die Bistümer der röm.-kath. Kirche und die evangelischen Landeskirchen auf dem Gebiet des Bundeslandes Baden-Württemberg ein. Doch ebenso wie bei der Petition bin ich mir bei der gemeinsamen Stellungsnahme nicht sicher, was sie uns eigentlich sagen soll.

„Die Kirchen treten ein für in den „Leitprinzipen“ genannte Themen wie Prävention vor Gewalt und Diskriminierung, Berufsorientierung, Nachhaltigkeit oder Gesundheit. Zugleich machen sie deutlich, dass „Leitprinzipien“ für einen Bildungsplan auf der Grundlage des Menschenbildes zu entwickeln sind, das der Landesverfassung und den Schulgesetzen zugrunde liegt: Jeder Form der Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren. Dies gilt nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität und damit verbundener persönlicher und familiärer Lebensentwürfe.“

Der Landesverfassung liegt ein christliches Menschenbild zu Grunde, noch lange kein Grund Homosexualität per se abzulehnen, wie ich ja schon erklärt habe. Und das scheint auch in der Tat nicht das Problem zu sein, wenn die Stellungnahme leider auch kein deutliches Wort der Toleranz oder gar der Zustimmung enthält, so spricht sie sich ebenso wenig gegen Homosexualität aus. Erst recht benutzt sie keine theologische oder religiöse Argumentation, sondern argumentiert rein auf Grundlage geltender Gesetze. Ein bedenkliches Licht wird hier wieder einmal auf die scheinbar für selbstverständlich genommene Nähe von Staat und Kirche geworfen.

Besonders ärgerlich ist die Schwafelei um „Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination“. Damit leistet man rechts-außen Trollen Vorschub, die von einer Verschwörung gegen das christliche Abendland (sic!) überzeugt sind. Völlig offen bleibt, wem denn das ganze Ge-unge und die vermutete Indoktrination anzulasten sei. Der Landesregierung, die sich um mehr Offenheit im Lehrplan müht? Den Schwulen, weil sie zu ihrem Recht kommen wollen? Hier scheint eine der größten und gefährlichsten Thesen der weltweiten Homophobiker durch: Dass Schwule und Lesben durch ihr öffentliches Auftreten andere für ihre Sexualität rekrutieren wollen. Gemüse, Gemüse, Gemüse – von dem ich dachte, dass es von Kirchen in Deutschland nicht neu aufgewärmt würde. Allenfalls haben christliche Kirchen auch heute noch offenbar einen großen Einfluss auf die Lehre an Schulen und Hochschulen, und nicht nur in den dafür vorgesehenen Unterrichtsfächern. Und Homosexuelle das gleiche Recht ihre Sexualität in der Öffentlichkeit auszuleben oder es auch sein zu lassen wie Heteros.

Auf Schlän­gel­li­nie
Insgesamt bewegt sich die Stellungnahme auf der erwartbaren Linie zum Thema, die die betreffenden Kirchen auch schon im Streit um das Familienpapier der EKD im letzten Jahr eingenommen haben. Da ist eine Scheu, das konservative und pietistisch geprägte Stammklientel mit allzu schwulen- und lesbenfreundlichen Erklärungen zu verschrecken, aber ebenso eine große Furcht davor, sich in der pluralen Meinungsgesellschaft in einer Ecke mit Homophoben und Rassisten wiederzufinden. Nur ein klares Wort kommt dabei eben nicht rum!

Eine christliche Bewegung hat traditionell nichts dagegen, sich mit Homophobikern aller Couleur zusammen zu tun. Hartmut Steeb, der Generalsekretär der evangelikalen Evangelischen Allianz, betonte abermals, dass nach Verfassung und Recht Familie und Ehe absoluter Vorrang einzuräumen ist. (Facepalm!) Als ob sich das widersprechen müsste, wenn man gleichgeschlechtlichen Paaren gleiche Rechte und Pflichten zugestünde. Und als ob es sich dabei um ein valides theologisches Argument handelt. Die Evangelische Allianz bleibt sich damit treu, ein Verein ganz außergewöhnlicher Homophobiker zu sein, der es in der Öffentlichkeit nur nicht mehr ganz so laut sagen will und sich stattdessen hinter Paragraphen versteckt.

Kontext
Die Kirchen führen ein Rückzugsgefecht. Nicht nur in Fragen ihrer längst überholten Sexualmoral, sondern auch in Fragen der Verquickung von Staat und Kirche. Die Stellungnahme der Kirchen ist nicht bemerkenswert, was ihre vermeintliche Homophobie oder mangelnde Haltung angeht, sondern als Dokument einer immer intensiver geführten Diskussion darüber, welchen Einfluss Religionsgemeinschaften auf staatliche Aufgaben haben sollten.

Ergänzung I (10. Januar, 17:40):
Ein bisschen klarer drückt sich der Bildungsreferent der Badischen Landeskirche Prof. Dr. Christoph Schneider-Harpprecht aus. Jedenfalls erklärt er, was er meint und druckt fett, was er wirklich wichtig findet. Hier entlang.

Ergänzung II (10. Januar, 19:30):
Thomas Ebinger hat sich den Vorschlag für die neuen Leitprinzipien mal angeschaut (mit Link zum gesamten Dokument). Und, Stefanie Lohaus schreibt bei „Ich. Heute. 10 vor 8.“ über die ursprüngliche Petition von Gabriel Stängle (mit Link) und warum diese nicht zugelassen wurde, darüber dass die Kommentare viel schärfer sind als die Petition an sich (s.o.) und über den Streit rund um openPetition. Sehr interessant.

Ergänzung III (11. Januar, 12:30):
Das Missy-Magazin (also wieder Stefanie Lohaus, s. Ergänzung II) führt ein Interview mit Nele Tabler (karnele.de), die sich in der Diskussion rund um die Petition sehr verdient gemacht hat. Dafür herzlichen Dank. Inzwischen haben sich die lesbisch-schwulen Pfarrkonvente der Badischen und Württembergischen Landeskirchen geäußert, sie lehnen die Anti-Leitbild-Petition ab. Und Antje Schrupp schreibt ihre Enttäuschung über die gemeinsame Erklärung der Kirchen in Ba-Wü sehr gekonnt in ihrem Blog nieder.

Ergänzung IV (13. Januar, 10:15)
Auf campact.de wird die Lage in einer 5-Minuten-Info zusammengefasst: „Der Initiator der Petition nennt Homosexualität als Ursache von Suizid und verdreht damit einen wichtigen Zusammenhang. Jugendliche bringen sich nicht um, weil sie schwul oder trans sind, sondern weil sie Gewalt und Ausgrenzung erfahren oder befürchten müssen. Er bezeichnet sexuelle Orientierung als „Lebensstil“ und als Gegenstand einer möglichen „Umerziehung“. Tatsächlich kann sexuelle Orientierung weder an- noch aberzogen werden. Sie auszuleben ist keine Frage des Lebensstils, sondern ein Menschenrecht.“

Auf evangelisch.de schreibt Anne Kampf über den Weg homosexueller Pfarrer und Pfarrerinnen in anderen Teilen der Welt. Sehr interessant. Nikolaus Bernau setzt sich in der Berliner Zeitung mit Norbert Blüm und der Weltgeschichte zum Thema Homophobie und Familie auseinander. Lesenswert.

6 Kommentare

  1. halt nur kacke, dass die kirchen da mit machen und so das bild entsteht, dass alle christen homophob sind, daran ändert auch dein gut gemeinter kommentar nichts – missy

  2. Unfasslich, dass Sie das Verhalten des Lehrers auch noch rechtfertigen. Offensiv vorgetragener Homophobie wie dieser muss mit allen verfügbaren Mitteln gewehrt werden. Sie stimmen hier ein in die Rotte derjenigen, die unter dem Mantel der Ausgewogenheit am Ende doch Stimmung gegen Homosexuelle machen.

    • Ich widerspreche Ihnen. Ich halte einzig das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung für wichtiger als die Schulgesetzgebung in Baden-Württemberg. Homophobie stinkt, aber das haben sie ja schon auf den Punkt gebracht.

  3. Danke für diesen Artikel. Ich habe ihn in eine facebook-Diskussion eingebracht und ein paar eigene Mutmaßungen/Schlussfolgerungen dazu gesetzt. Nachträgliches Googeln nach dem Autor der Petition und seinem geistigen Umfeld wiesen noch viel deutlicher in die Richtung, die ich nur vorsichtig angedeutet habe: Kirchen kamen unter Zugzwang – in Württ im Vorfeld der Konstituierung der neuen Landessynode.
    Der Link zur facebook-Diskussion: https://www.facebook.com/antjeschrupp/posts/10201413540724576?stream_ref=9

  4. Der Initiator der Petition wird nicht von der Landesregierung dienstrechtlich unter Druck gesetzt. In der verlinkten Quelle steht, dass jemand eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihn eingereicht hat. Jede Privatperson kann eine solche Beschwerde einreichen. Genau wie jeder eine Anzeige bei der Polizei stellen kann. Oder wie jeder eine Petition einreichen kann.

  5. Pingback: Lesenswert #8 – #idpet und Homosexualitäts-Debatte | theologiestudierende.de

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