Die Schwangerschaftskonfliktberatung in der Abtreibungsdebatte

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Vor ein paar Tagen fand in Berlin der „Marsch für das Leben“ statt. Im Vorfeld wollte ich eigentlich ein paar journalistische Texte und Blogbeiträge von anderswo für theologiestudierende.de zusammenstellen und kommentieren. Das habe ich dann gelassen. Erstens, weil mir das Sujet zunehmend ziemlich nahe ging, ich Schwierigkeiten mit der angestrebten neutralen Kommentierung bekam. Zweitens, weil nahezu jeder deutschsprachige Text zum Themennexus Lebensschutz, Abtreibungsgegnerschaft, Schwangerschaftskonflikt und schließlich zum „Marsch für das Leben“ selbst einseitig geschrieben ist.

Das an sich würde eine Kommentierung ja nicht unmöglich, sondern gerade erst nötig machen. Dem stand aber die pure Anzahl der Wahrheitsverdrehungen und falschen Faktenangaben gegenüber, die sich die jeweiligen Autoren von Rechtsaußen und auch von Linksaußen bedienten, um ihre jeweiligen Argumentationsketten aufzubauen oder zu stabilisieren. Das hat mir die Beschäftigung mit diesem an sich spannenden Thema ordentlich verleidet und eine Verlinkung dieser Artikel macht es bis heute schwierig. Ich frage mich, wo überhaupt der lohnenswerte und dringendste Einsatzpunkt ist, von dem aus ich mich dem Themenfeld nähern könnte.

Deshalb habe ich mich entschieden, mich auf zwei Beispiele zu konzentrieren, an denen die oben geschilderten Probleme der Debattenlage doch recht deutlich werden. Da wäre zuerst die Frage nach der Schwangerschaftskonfliktberatung, der ich in diesem Artikel nachgehen möchte. In einem zweiten Artikel werde ich mich der Diskussion um Planned Parenthood widmen, die zunehmend von Lebensschützerseite in die deutsche Debatte eingebracht wird.

Kritik von beiden Seiten
Das Beispiel des Umgangs der Konfliktparteien mit der Praxis der Schwangerschaftskonfliktberatung in Deutschland bietet sich vor allem aus zwei Gründen zur näheren Betrachtung an. Erstens, wird sie sowohl von den Lebensschützern als auch von den strengsten Abtreibungsbefürwortern harrsch kritisiert. Dabei greifen beide Seiten auf einen zumindest fahrlässig schlechten Faktenumgang zurück, der vor allem gegenüber den Menschen respektlos ist, die sich in diesem wichtigen Arbeitsfeld engagieren.

Für die allermeisten in Deutschland durchgeführten Abtreibungen ist ein Beratungsschein einer anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle nötig. Wie sieht eine solche Beratung aus? So ungefähr (oder so). Von Lebensschützerseite aus wird eingewendet, dass sich die Beraterinnen an der Abtreibung mitschuldig machen, in dem sie (im Falle der Diakonie erst recht) dem Abbruchswunsch ihrer Klientinnnen den Segen erteilen. Diese Kritik ist an sich legitim, solange sie nicht zum Vorwurf der Mordbeihilfe degeneriert, den man in diesen Kreisen leider auch schon vernommen hat.

Die Evangelische Kirche (und ich) steht trotzdem nicht zuletzt deshalb hinter der Schwangerschaftskonfliktberatung, weil es nur im ergebnisoffenen Gespräch tatsächlich möglich ist, die betroffenen Frauen seelsorglich zu begleiten. Dabei handelt es sich um eine Wertabwägung, was allein schon daran erkenntlich wird, dass die andere große christliche Konfession hierzulande – die römisch-katholische Kirche – vor Jahren aus der Schwangerschaftskonfliktberatung ausgestiegen ist.

Von Seiten der strengen Abtreibungsbefürworter wird die Schwangerschaftskonfliktberatung ebenso hartnäckig kritisiert und verleumdet, wenn auch aus anderem Grund. Kern der Kritik ist die vermeintliche Einmischung Dritter, d.h. der Beraterin und der von ihr jeweils repräsentierten Organisation, in die ureigenste Entscheidung der betroffenen Frau. Weil das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ihnen besonders wichtig ist, scheint es nicht hinnehmbar für die Durchführung einer Abtreibung auf die Kooperation Dritter angewiesen zu sein.

Auch diese Kritik ist an sich legitim, wenn sie nicht dahingehend degeneriert, allen Beraterinnen (und besonders den konfessionellen) per se zu unterstellen, sie würden in der Beratung allein das Ziel verfolgen, die betroffene Frau von der gewünschten Abtreibung abzubringen, als ob die (konfessionelle) Schwangerschaftskonfliktberatung es zu ihrem erklärten Ziel erkoren hat, betroffene Frauen in der Ausübung ihrer gesetzlichen Rechte zu beschneiden oder gar zu missionieren.

Echte Begegnungen
Ich habe zu zwei in meinem Leben recht wichtigen Zeitpunkten die Möglichkeit gehabt, Schwangerschaftskonfliktberaterinnen kennenzulernen. Ich bin viel eher bereit, von diesen persönlichen Erfahrungen auf alle Beraterinnen zu schließen, als den Verleumdungen wenig informierter Kreise (egal welcher) zu vertrauen. Die beiden Beraterinnen stellten sich mir als äußerst überlegte, ruhige und lebenserfahrene Frauen dar, deren größte Sorge das Wohl der Schwangeren und ihres Kindes ist.

Ihr Ziel – sowohl vom Gesetzgeber vorgegeben, als auch aus eigenem Antrieb gewählt – ist es, den betroffenen Frauen im Gespräch dabei zu helfen, überhaupt unterschiedliche Handlungsalternativen wahrzunehmen, mit hin also die Situation in der sie sich befinden überhaupt erst einmal multiperspektivisch und in Ruhe wahrzunehmen. Das dadurch gebildete (Selbst-)Vertrauen und die Möglichkeit, das Eigene im Gespräch mit einer kompetenten und empathischen Fachkraft auszudrücken, versetzt viele betroffene Frauen überhaupt erst in die Lage, ihr Recht auf Selbstbestimmung – das mir gegenüber von keiner der beiden Beraterinnen in Frage gestellt wurde – wahrzunehmen.

Beide berichteten auch von Fällen, in denen sich die Frauen ihrer Entscheidung sowohl nach der einen oder der anderen Seite sehr sicher waren. Manchmal kann ein gut geführtes Beratungsgespräch dann trotzdem helfen. Ich kenne es von mir selbst: erst im Gespräch mit anderen geht mir manches auf, was ich vielleicht nur im Unbewussten auch mit mir herumschleppe.

Und sollte die Frau gar kein ausführliches Gespräch wünschen? Es ist ein Grundsatz jeder guten Beratung (nicht nur im Schwangerschaftskonflikt), dass sie nur dann Erfolg haben kann, wenn beide Seiten freiwillig an ihr teilnehmen. Beide Beraterinnen berichteten auch von solchen Fällen, in denen ihnen nichts anderes übrig blieb, als schlicht den Beratungsschein auszustellen, weil die betroffene Frauen sich einem Gespräch nicht öffnen wollten.

Natürlich bleiben die Beraterinnen in einem solchen Fall mit Unbehagen zurück, vielleicht auch, weil sie persönlich eine andere Entscheidung empfohlen hätten, doch hauptsächlich deshalb, weil ihr Angebot des Gesprächs eben nicht vollumfänglich genutzt werden konnte. Viel häufiger jedenfalls als die Frage, ob die Beraterin mit der Entscheidung ihrer jeweiligen Klientin leben kann, taucht die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis und Verhalten als Beraterin auf. Fragen wie: War ich als Beraterin ansprechbar? Woran ist unser Gespräch gescheitert? Lag es auch an mir?

Mehr Respekt, bitteschön
Soweit nur mein kleiner Einblick in die Fragen der Schwangerschaftskonfliktberatung mit reichlich biographischen Kolorit. Mich jedenfalls hat der beiderseitige häufig respektlose Umgang mit dem Institut der Schwangerschaftskonfliktberatung und den Beraterinnen wütend gemacht.

Nicht nur erfüllen die Beraterinnen eine ihnen vom Gesetzgeber zugewiesene verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe, die nicht ohne hohes persönliches Engagement zu leisten ist – allein dafür müssten alle Beteiligten ihnen Respekt zollen. So mancher Teilnehmer der Debatte, sei es ein Lebensschützer oder strenger Abtreibungsbefürworter, kann sich von der Empathie, die die Beraterinnnen in jedem einzelnen Gespräch für die betroffenen Frauen auf- und einbringen, mehr als nur eine Scheibe abschneiden. Dann würde vielleicht auch der Debattenton der Komplexität und Schwere des Themas angemessener werden.

Ein Kommentar

  1. Danke für diesen bisher gut differenzierenden Artikel mit empathischem Grundton.
    Sehe ich es richtig, dass seit Beginn der Debatte darauf verzichtet wurde, auch von den Kirchen, ein positives Image von und für Frauen aufzubauen, die ihr Kind zur Adoption freigeben? Ich weiß, dass mit einer Freigabe sich fallweise andere Problemfeld ergeben.

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