Nachtgedanken zur Berichterstattung über die AfD

Jetzt werden schon abgebrochene Interviews dokumentiert. Und der Abgang Alice Weidels ist auch ausreichend ausgeweidet worden. Das ist alles lächerlich. Zuerst und vor allem natürlich der Abgang selbst. Dieses Hintergrundrauschen und das permanente Hingaffen nutzt vor allem der AfD. Nun könnte ich einfach fordern: Klickt das nicht mehr! Denn Journalisten schreiben nun mal auch, was gerne geklickt und gekauft wird. In Deutschland würden noch immer Eier aus Käfighaltung gekauft, stünden sie in den Supermarktregalen. Allein mit der Forderung nach Konsumenten-Vernunft ist es nicht getan. Auch wenn das ein Anfang wäre. Trotz der Algorithmen. AfD-Berichterstattung kann und will ich auch nicht verbieten. Das ist ja sehr nützlich, diesen Unfug an die Öffentlichkeit zu zerren. Da muss Luft dran, dann trocknet das auch aus. Aber erinnern darf man schon: Zur journalistischen Sorgfaltspflicht gehört auch die Beachtung der Verhältnismäßigkeit.

Senderverwirrung beim Kirchentag

An einem tagesaktuellen Beispiel lässt sich die schwierige Trennung von PR und Journalismus im Raum der Kirche studieren: Während des Kirchentages sorgte ein Tweet der Kirchentagsredaktion, die sich aus erfahrenen Journalisten und Journalismusstudierenden zusammensetzt, für Aufregung. Viele Leser des Tweets hatten den Eindruck, der Kirchentag validiere durch den Tweet eine nicht durch Fakten unterlegte, falsche Behauptung einer AfD-Vertreterin, die auf einem Podium eingeladen war.

Dabei hat sich die Kirchentagsredaktion keines handwerklichen Fehlers schuldig gemacht. Sie hat die Äußerung ordentlich als Zitat gekennzeichnet. Die Verwirrung entstand vor allem deshalb, weil der sendende Account nicht als journalistisches Medium, sondern als Twitter-Stimme des Kirchentags wahrgenommen wurde. Und für Kirchentags-PR wird er in der Tat auch vor allem genutzt.

Es gibt also eine Senderverwirrung nach beiden Seiten:

(1) Die Journalisten, die den Account befüllten, waren der Überzeugung, journalistisch tätig zu sein und legten dementsprechend journalistische Maßstäbe an, nach denen auch Überzeugungen wahrheitsgetreu wiedergegeben gehören, die nicht mit der politischen Meinung des Mediums übereinstimmen.

Wie Hanno Terbuyken, Portalleiter von evangelisch.de (einem Medium, das ebenso wie der Kirchentags-Twitteraccount im Spannungsfeld von Eigen-PR der Kirchen und Kirchenjournalismus agiert), in seinem Beitrag richtig fragt: Wer hätte sich beklagt, wären die unliebsamen Äußerungen der AfD-Vertreterin “verschwiegen” worden?

(2) Weil der Account hauptsächlich für Eigen-PR des Kirchentags genutzt wird, hielten die Leser_innen den Tweet für eine Unterstützung der AfD-Polemik. Für sie war nicht ersichtlich, dass es sich beim Senderaccount um ein journalistisches Angebot handeln soll. Wie auch?

Die Vermischung zwischen Eigen-PR und journalistischer Berichterstattung ist im Raum der Kirche systemisch.