Vom Wiedergefundenen – Predigt am 22. Juni 2014 in Halle

Liebe Gemeinde,

es ist wie im Schlager: Tausendmal berührt und tausend Mal ist nichts passiert. Unser Evangelium heute gehört ganz sicher zu den anrührendsten Geschichten, die wir je gehört haben, manche von uns schon als kleine Kinder. Tausendmal gehört und tausend Mal ist nichts passiert. Denn, was uns dieses Gleichnis, das bekannteste und vielleicht schönste unter allen, lehren will, bleibt ungehört und harrt seiner Einlösung bis heute. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das man treffender wohl das Gleichnis von den zwei Brüdern oder das vom liebenden Vater nennen könnte, es hat wie jede große Geschichte unserer Tradition, unseres Glaubens, mehrere Schichten, die zu verstehen möglich sind. „Vom Wiedergefundenen – Predigt am 22. Juni 2014 in Halle“ weiterlesen

Ich hab keine Angst

Gestern auf dem Weg nach Hause von der Christvesper spazierte ein kleines Mädchen vor mir. Ihr Bruder versteckte sich vor ihr hinter der nächsten Hecke und sprang, als sie sich näherte, hervor. Ein bisschen erschrak sie schon, doch dann setzte sie in einen kleinen Singsang ein „Ich hab keine Angst, nein, ich hab keine Angst.“

Maria Aljochina, die für das Punk-Gebet gegen Putin, das sie und ihre Mitstreiterinnen von Pussy-Riot durchführten, im Gefängnis landete, gab nach ihrer Freilassung kurz vor Weihnachten zu Protokoll: „Ich habe keine Angst vor gar nichts mehr.“ Sie wird sich manche Nacht gefürchtet haben, die sie in den russischen Straflagern zubrachte. Doch mit ihrer Angst wuchs auch ihr Zorn. Aus diesem Zorn speist sich Mut. Mut ist geläuterte Angst.

„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich.“ Mit dem 23. Psalm sind Generationen von Christen gestorben. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Es mangelt selten an Gelegenheiten, die Gnade Gottes herauszufordern. Das finstere Tal muss nicht  lebensbedrohliche Krankheit sein, sondern kommt in allen Formen und Größen.

Der Glaube ist keine Versicherung gegen die Angst, als wenn der, der glaubt sich nicht fürchten und ängstigen würde. Auch unter Christen ist viel Heulen und Zähneklappern, fährt die Angst in die Glieder. Dann aber kommt es darauf an, was wir mit unserer Angst anstellen.

Zu Weihnachten erinnern wir uns an den Ruf der Engel „Fürchtet Euch nicht!“. Nach dem Erschrecken werden wir angesprochen. Im Tal kommt jemand uns entgegen, im Unglück teilt sich uns etwas mit. Der trotzige Wille zum Weitergehen, so mag man es nennen, woher speist er sich?

Zu Weihnachten enden die Reisen in den Kirchen immer an der Krippe, mag es sich um den Aufbruch der Weisen, die Eile der Hirten oder den Spaziergang der Gottesdienstbesucher handeln. Die Krippe symbolisiert das Mehr des christlichen Glaubens, das wir zu Weihnachten verkünden. Aber die Krippe – der Ort an dem Gott ins Fleisch kommt – ist nicht in unserem Besitz, nur die Nachbauten, die den Rest des Jahres auf dem Kirchenboden versteckt werden.

Die Krippe steht allda, wo sich zur Angst auch Zorn und Mut gesellen, wo getrost eingeschlafen werden kann im Angesicht der Furcht, wo ein kleiner weihnachtlicher Singsang gegen die Angst angestimmt wird. „Ich fürchte mich nicht, nein, ich fürchte mich nicht.“

Frohe Weihnachten!

Stärke uns den Glauben! – Predigt am 7. September 2013 in Brunnhartshausen

Liebe Gemeinde,
„Stärke uns den Glauben!“ verlangen die Apostel von Jesus (Lk 17,5-6). Und es ist nicht ganz abwegig anzunehmen, dass auch wir, die wir heute in die Kirche gehen, eine ähnliche Forderung stellen: Stärke uns den Glauben!

Ein paar Szenen.

In einem Wohnheim für christliche Studenten werden zu Beginn des Studienjahres die freigewordenen Zimmer neu vergeben. Interessenten besichtigen die Zimmer, und die bisherigen Bewohner besichtigen die Interessenten. Passt der oder die zu uns? Wird er sich an der Hausordnung beteiligen? Welches Studienfach studiert sie? Und, weil es ja ein christliches Wohnheim ist: wie hält es der zukünftige Mitbewohner mit dem Glauben? „Stärke uns den Glauben! – Predigt am 7. September 2013 in Brunnhartshausen“ weiterlesen

Drei Tage – Predigt in Empfertshausen am 18. August 2013

Liebe Gemeinde,
in den Lesungen haben wir heute zwei Lausbubengeschichten gehört (Lk 2, 41-52 und Gen 37, 1-11). Jedenfalls werden sie in unseren Kirchen häufig als solche erzählt.

Die Geschichte des träumenden Josef, des Lieblingssohnes seines Vaters Jakob, genannt Israel. Er ist der Sohn seines Alters. Wir kennen das spezielle Verhältnis, das Eltern zu ihren Nachzüglern haben können. Als jüngstes Kind in einer Familie aufzuwachsen, vielleicht schon erwachsene Geschwister zu haben, ist heute zwar seltener geworden: und doch, dort wo es geschieht, bringt es sowohl für das Kind, als auch für Geschwister und Eltern eine ganz neue Situation mit sich, mit neuen Problemen und Herausforderungen. Das Jüngste darf sich mehr herausnehmen, muss nicht mehr die Klamotten der Geschwister auftragen, bekommt zu Weihnachten größere Geschenke und von den Eltern mehr Aufmerksamkeit.

Josef ist auch der Sohn, der träumt. „Drei Tage – Predigt in Empfertshausen am 18. August 2013“ weiterlesen