Weihnachtschristen

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Als Weihnachtschristen werden von traditionellen Kirchenchristen vor allem jene bezeichnet, die nur einmal im Jahr zum Heiligen Abend in die Kirche kommen. Natürlich nur im Spaß, nicht wahr? Und aus der Perspektive derjenigen, die sich aufreiben, um in den Kirchen des Landes gerade zur Advents- und Weihnachtszeit gutes Programm zu machen, kann ich die darin verborgene Kritik sogar gut nachvollziehen. Was habe auch ich mich schon gefragt, ob der besondere Gottesdienst, das gelungene Krippenspiel, die gute Predigt nicht vielleicht auch dazu führen könnte, das ein oder andere Gesicht häufiger und früher wieder zu sehen, als zum nächsten Heiligabend?

Heiligabend-Kasualie

Doch das liegt wohl nicht in unserer (Kirchenchristen-)Hand. Genauso wie bei den Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung) zieht es den Großteil der Menschen eben zu besonderen Zeiten und Anlässen in die Kirchenmauern. Die Vesper am Heiligabend ist eben auch eine Kasualie.

Der Heiligabend markiert das Zuendegehen des Jahres, das zur Ruhe kommen nach getaner Arbeit, das Zusammenkommen der Familie, die Sehnsucht nach der Kindheit, die Suche nach einer verbindlichen Tradition – viel mehr als nur die Wiederkehr der Feier der Geburt Jesu. Darüber kann sich nur ernsthaft entsetzen, wer Weihnachten auf die Geburtstagsparty des Jesuskindes reduzieren will.

Am Heiligabend sind die Kirchen die Lagerfeuer der Nation. Das bringt u.a. die Chance mit sich, für alle und nicht nur für die Stammkundschaft zu sprechen. Auch wenn ich in den letzten Jahren bei einigen wenigen Pfarrern das Gefühl hatte, dass gerade dies als problematisch empfunden wird, darin liegt Hoffnung für unsere Kirchen: Denn die Heiligabendpredigt ist absoluter Prüfstein für die Verständlichkeit der kirchlichen Verkündigung. Diese muss sich immer an Allen, d.h. auch an denen messen lassen, die sonst nicht kommen.

Ich bin mit Vorliebe Weihnachtschrist. Weihnachten ist ein klasse Fest. Das schönste, das ich kenne. Weihnachten ist ein Heidenspaß! Und noch mehr, auch theologisch:

Denn zu Weihnachten steht die Inkarnation Gottes in diese Welt im Mittelpunkt. Vielleicht kennen einige von Euch ja den Spruch „Die Krippe und das Kreuz sind aus dem gleichen Holz gemacht“? Daran ist viel richtig: Das Leben Jesu erhält seine ganze Bedeutung für Christen nicht aus seinem charismatischem Auftreten oder seiner „neuen“ Lehre, sondern aus seiner Bedeutung als Erlöser und die ist nun einmal untrennbar mit dem Symbol des Kreuzes verbunden.

Und siehe, es war sehr gut

Gerade wir Protestanten fühlen uns daher auch zu Weihnachten gezwungen, auf die grundsätzliche Erlösungsbedürftigkeit der Welt und des Menschen hinzuweisen. Das Kreuz darf nur ja nicht vergessen werden! Und wenn 2015 eines deutlich geworden ist, dann, dass diese Welt Erlösung dringend nötig hat und dass viele Menschen – auch jene, die nur einmal im Jahr zu Weihnachten in die Kirchen kommen – sich nach Befreiung und Erlösung sehnen, wenn ihnen auch häufig die Worte fehlen, ihrer Sehnsucht Ausdruck zu verleihen. Gerade deshalb stimmen sie in die alten Texte und Lieder mit ein, die als immerwährendes Reservoir für unsere Weihnachtswünsche zu Verfügung stehen.

Was mich zum Weihnachtschristen macht, ist meine Vermutung, dass gerade wir Kirchenchristen es gut gebrauchen können, dass uns nicht nur von der eigenen Erlösungsbedürftigkeit und vom Kreuz gepredigt wird, sondern von der Inkarnation und der Weihnacht. Inkarnation, das heißt, dass Gott sich ganz mit der Welt und uns gemein macht. Und das spart unsere Verletztheit, unsere Suche, unser Sich-treiben-lassen und unsere Verfehlungen nicht aus. Ein Blick auf die Protagonisten der Weihnachtserzählungen reicht aus, um das zu begreifen. Die Inkarnation ist das Symbol für die vollumfängliche Erfüllung der Weltsicht Gottes: „Und siehe, es war sehr gut“.

Lass die Zeit still stehen

Die Krippe ist aus anderem Holz geschnitzt. Aus süßerem Holz. Es mag sein, dass wir mit dieser Süße schlecht zurecht kommen, weil wir unsere Welt und uns selbst zu kennen glauben. Gerade deshalb sollten wir uns Weihnachten gefallen lassen – mindestens einmal im Jahr.

Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.

Weihnachten hat viel mit Stillhalten und Ruhigwerden zu tun, weil nichts dafür oder dagegen unternommen werden kann, dass Gott sich nun einmal die Welt und auch mich ausgesucht hat. Diese Botschaft ist beängstigend. Sie war und ist es vor allem für diejenigen, die im System sind. Weil sie die Grenzen des Systems wegspült, keinen Unterschied zwischen Weihnachts- und Kirchenchristen, Frommen und Heiden macht. Für unsere Kleinlichkeit ist der Partizipationswille Gottes zu groß.

Nach Bethlehem

Und weiter geht es in das kleine Nest Bethlehem, wo sich Hirten – die Unreinen, die Ausgestoßenen der organisierten Religion – und Weise aus fernen Landen – Heiden, Ungläubige, Fremde um das Kindbett eines mittel- und obdachlosen Teenagers versammeln.

Unser Glück – persönliches und weltumspannendes – liegt in der Partizipation, in der Gemeinschaft. In der Gemeinschaft mit den Menschen da draußen, mit den Fremden, Ausgestoßenen, mit den Heiden und Flüchtlingen. Wer Lukas‘ Geschichte und seine Zeichen richtig liest, der weiß, dass Jesus heute von einer Asylsuchenden auf Lampedusa und nicht in unseren festlichen Weihnachtsstuben geboren wird. Und das – nicht ihre historische Richtigkeit – macht die Weihnachtsgeschichte wahr und würdig sie immer wieder zu hören.

Sie wird wahr immer wieder dann, wenn wir sie erzählen.

Wenn wir sie erzählen, bringen wir gute Nachricht zu den Armen, Hoffnung zu denen, die verzweifelt sind. Wir richten ein Licht nach dunklen Orten. Wir versprechen Gerechtigkeit den Unterdrückten, den Flüchtlingen und Obdachlosen. Die Weihnachtsgeschichte ist nicht der erste Stein im Hause organisierter christlicher Religion. Wenn überhaupt, übt sie seit 2000 Jahren Kritik an zu engen Systemen, die Menschen ausschließen, statt Partizipation zu ermöglichen.

Frohe Weihnachten

Ich weiß, dass viele Christen – sei es im Haupt- oder Ehrenamt – dieser Tage unter den Ansprüchen der Weihnacht ächzen. Nicht zu letzt unter dem eigenen Anspruch, es gerade zu Weihnachten besonders gut zu machen. Danke Euch dafür. Ich bin mir sicher, es wird gut. Und dann erinnern wir uns, dass gerade in der Stille zwischen gutgemeinten Worten, in der Musik und im andächtigen Schauen das zur Sprache kommt, was wir so gerne gut sagen wollen. Die Zeit still stehen lassen, das hört sich einfacher an als es ist. Ich gönn es Euch gerade deswegen.

Und vielleicht, ja vielleicht, kommen von denen, die Weihnachten mal wieder aufkreuzen, ja einige doch früher wieder als gedacht. Wenn uns Weihnachten etwas lehrt, dann, dass es wohl nicht diejenigen sind, die wir erwartet hätten.

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